Management Führen mit Taktstock

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Klangensemble: Damit ein Orchester Höchstleistungen bringt, müssen auch die exzentrischsten Musiker sich dem Taktstock des Dirigenten unterwerfen. Unternehmerin Antje Hinz findet, dass man sich als Chef von den Konzertmeistern einige Tricks abschauen kann.

Klangensemble: Damit ein Orchester Höchstleistungen bringt, müssen auch die exzentrischsten Musiker sich dem Taktstock des Dirigenten unterwerfen. Unternehmerin Antje Hinz findet, dass man sich als Chef von den Konzertmeistern einige Tricks abschauen kann.© Alenavlad - Fotolia.com

Führen will gelernt sein. Ganze Firmenprojekte können scheitern, wenn der Unternehmenschef sie nicht überzeugend genug präsentiert. Was oft weniger an den Inhalten als an der Körpersprache liegt, meint Unternehmerin und impulse-Bloggerin Antje Hinz. In ihrer Reihe „Kreativität für die Wirtschaft“ stellt sie ein künstlerisches Projekt vor, in dem Unternehmer von Dirigenten lernen können, wie sie ihr Team motivieren und begeistern.

„Einen guten Dirigenten zeichnet aus, dass er weiß, wann er das Orchester nicht stören soll.“ Herbert von Karajan

Ein Orchester und ein Unternehmen haben vieles gemeinsam. Beide sind dann erfolgreich, wenn sie einen kompetenten Kopf an der Spitze haben. Doch was heißt kompetent? Neben Fachwissen brauchen Führungskräfte vor allem kommunikative und emotionale Fähigkeiten, die oft beschriebenen „soft skills“.

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Ein Kommunikationsexperte und ein Dirigent vermitteln dies seit einiger Zeit hautnah und haben Workshops mit einem Orchester ausgetüftelt: „Dirigieren und Führen“. Musikalische Vorkenntnisse sind nicht zwingend erforderlich, ein gewisses musikalisches Interesse und Empfinden aber hilfreich. Im Selbstversuch können Führungskräfte erleben, wie sie auf ihre Mitmenschen wirken, ob und wie die von ihnen ausgesandten Signale beim Gegenüber ankommen. Psychologen verweisen auf die 50/50-Regel: 50 % der Botschaft vermittelt sich über den Inhalt, 50 % über die Körpersprache. Wenn Gesten und Mimik nicht stimmen, vermittelt sich schlimmstenfalls auch gar nichts.

 
Warum „soft skills“ und Empathie für einen Unternehmer wichtig sind:

1. Ein Chef, der nie zuhört, kennt die Probleme seiner Mitarbeiter nicht und wird sie daher nicht lösen können.

2. Ein Chef, der seine Mitarbeiter nicht zu Wort kommen lässt, wird ihre neuen, vielleicht bahnbrechenden Ideen nie erfahren.

3. Ein Chef, der seine Strategien und Vorhaben nicht klar formulieren kann, lässt sein Team ratlos zurück.

4. Einem Chef, der keine Kritik annimmt, werden die Mitarbeiter nur ungern folgen und seine Rückmeldungen ignorieren.

5. Ein Chef, der sich im Tagesgeschäft aufreibt und seinen Mitarbeitern nichts zutraut, muss auf deren Eigenverantwortung verzichten.

6. Ein Chef, der sein Zeitmanagement nicht im Griff hat und alles selbst regeln will, schadet
seiner Gesundheit und langfristig auch seinem Unternehmen.

 
Körpersprache: Selbstversuch mit Taktstock

Den meisten Führungskräften ist das – zumindest in der Theorie – bewusst. Doch in der Praxis hapert es oft, dem Team achtsam und einfühlsam zu begegnen. Dass sich Ziele und Vorhaben nicht nur verbal vermitteln, sondern auch durch Körpersprache, mag keine neue Erkenntnis sein. Doch beim Besuch des Workshops „Dirigieren und Führen“ spüren die Teilnehmer den Grad ihrer Strahlkraft unmittelbar am eigenen Leibe, mit Augen und Ohren. Im Hier und Jetzt sind keine Korrekturen möglich. Die Musiker im Orchester beschönigen nichts. Sie geben sofort Rückmeldung auf das, was die Neulinge am Pult aussenden: Wenn der Taktstock „Wischiwaschi“ geführt wird, spielen auch die Musiker rhythmisch unpräzise. Wenn der Blick des Dirigenten nicht zum richtigen Instrument geht, um ihm so den Einsatz zu geben, spielt der Musiker nicht. Wenn das Tempo nicht klar und regelmäßig vorgegeben wird, schleppt oder rast das Orchester erbarmungslos. Wenn der Dirigent mit einem krummen Rücken am Pult steht und kein einziges Mal über sich hinaus wächst, klingt der Klangkörper müde und kraftlos.

 
Körpersprache im Unternehmen lebt von Mimik und Gesten

Diese Erkenntnisse lassen sich hervorragend auf eine Teambesprechung in Ihrem Unternehmen übertragen. Probieren Sie es einmal aus:

1. Schreiben Sie sich vor jeder Teamsitzung einen Kernsatz auf: Welche Botschaft wollen Sie ihren Mitarbeitern in den folgenden 60 Minuten vermitteln! Sie werden merken, dass geordnete Gedanken und eine präzise Ansprache allen im Team gut tun und viel Zeit sparen! Vermeiden Sie Negierungen, oft zitiert in dem anschaulichen Satz: „Denken Sie jetzt nicht an einen blauen Elefanten“. Dinge, die man vermeiden möchte und dennoch erwähnt, drängen sich in Wort und Tat umso stärker auf.

2. Auch wenn die letzte Nacht kurz bzw. der Tag lang und stressig war: Achten Sie auf Ihre Körperspannung! Nehmen Sie Haltung an und seien Sie Vorbild für Ihre Mitarbeiter! Mit einer schlaffen Geste lässt sich ein Team nicht motivieren, mag der Inhalt Ihrer Rede noch so kompetent und bedeutend sein!

3. Wenn Sie mehr Tempo im Unternehmen brauchen, nutzen Sie schnellere Gesten. Wollen Sie Geduld und Gelassenheit in Ihr Team hineintragen, strahlen Sie Ruhe aus.

4. Senden Sie mit Ihrer Körpersprache Sympathie und Interesse aus! Setzen Sie ein Lächeln auf, wenn Sie Ihre Mitarbeiter für ein Vorhaben gewinnen möchten!

5. Nutzen Sie den gezielten Blickkontakt: Wenn Sie zur Erledigung einer Aufgabe ein spezielles Teammitglied benennen möchten, erhält ihr Auftrag mehr Nachdruck, wenn Sie dem jeweiligen Mitarbeiter dabei in die Augen schauen.

6. Wenn sich ein zurückhaltender Mitarbeiter vor einer Meinungsäußerung scheut, kann ein aufmunternder, positiver Blick von Ihnen bewirken, dass er vielleicht doch das Wort ergreift. Schon ein Zwinkern kann Mut machen und gegen Nervosität Wunder bewirken. Stärken Sie ihm den Rücken!

7. Wenn ein Mitarbeiter Sie in der Teamsitzung boykottiert oder provoziert, suchen Sie gezielt Blickkontakt und zeigen Sie Ihren Unmut mit entsprechendem Gesichtsausdruck!

8. Beenden Sie Vier-Augen-Gespräche nach sachlicher Klärung der Fakten immer mit einem positiven Blick und aufmunterndem Wort.

 
Ihre Rolle als Dirigent

Ein wirklich gutes Orchester kann auch ohne Dirigent auskommen. In Zeiten wachsender Basisdemokratie ist das keine Seltenheit mehr. Auch wenn der Dirigent am Pult steht, gilt: Der Dirigent spielt nicht selbst, sondern er lässt seine Musiker spielen.
So sollte es auch in einem Unternehmen sein. Lassen Sie Ihre Mitarbeiter selbst darauf kommen, wie sie sich und ihren Arbeitsplatz am besten strukturieren, wie sie den Fluss von Informationen, Material und Waren organisieren. Sie werden überrascht feststellen, dass Sie zumindest zeitweilig entbehrlich sind. So wie der Mittelständler Detlef Lohmann sein Verständnis von Unternehmensführung in seinem Buch zusammenfasst: „… und mittags geh ich heim!“
Je mehr sie sich aus den Details im Tagesgeschäft heraushalten, umso stärker werden Ihre Mitarbeiter an einem Strang ziehen. Durch Ihr Vertrauen übernehmen sie Eigenverantwortung und lernen, einander zuzuhören, so wie die Musiker in einem Orchester.

Links und Tipps:

www.dirigierenundfuehren.com

Detlef Lohmann: Und mittags geh ich heim. Die völlig andere Art, ein Unternehmen zum Erfolg zu führen. Linde Verlag 2012.

In meiner Blog-Reihe „Kreativität für Wirtschaft“ stelle ich Ihnen Best-Practice-Beispiele für „Künstlerische Interventionen“ zwischen Unternehmern und Kreativschaffenden vor.
In der nächsten Folge erfahren Sie kurz und kompakt, wie Künstler und Kreative Ihr Unternehmen beflügeln.

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