Premium-Login

 
Serie: Steile These

Markenpflege, Führungsstärke oder Strategie: Welche Richtung sollten Unternehmer einschlagen? Wissenschaftler stellen herausfordernde Thesen auf.


04.02.2010

Steile These: "Jammernde Chefs lähmen ihre Leute"

Krisen dürfen nicht verleugnet werden. Doch ständig darüber zu sprechen, schadet mehr, als dass es nützt. Welche Informationsdosis Mitarbeiter bekommen sollten und warum Chefs ein Krisenschwein brauchen.

"Meine Mitarbeiter sind erwachsen, und deshalb informiere ich sie laufend über die Wirtschaftskrise. Das kann man nicht oft genug machen, denn so richtig begreifen sie die Tragweite nicht – sonst würden sie sich mehr ins Zeug legen.“ Dies ist häufig die Meinung im Mittelstand.

Sie ist falsch.

Hinzu kommt eine psychologische Komponente: Für manche Chefs gibt es nichts Verlockenderes, als Schwierigkeiten verbal zu teilen und mit den Mitarbeitern ins tiefe Tal der Tränen zu versinken. Wie schön ist es doch, im Team kollektivunverschuldet über Wirtschaftskrise, fehlende Zahlungsmoral der Kunden und mangelnde Hilfen für den Mittelstand zu klagen.

Im permanenten Reden über die Krise merken zudem alle irgendwie, dass die Krise jeden Einzelnen treffen kann. Es wird gespart, abgebaut und eine Mentalität des verdeckten „Jeder gegen jeden“ geschaffen. Gleichzeitig verschwendet der Aufbau innerer Blockaden, die bis zum Hilflosigkeitswahn führen, kostbare Zeit zur Krisenbewältigung.

Im Ergebnis herrscht eine fatale Rhetorik der Krise: Statt Ideen zu entwickeln, wird es zum Gruppenzwang, über alles, jedes und jeden zu jammern.

Natürlich dürfen Krisen nicht verleugnet oder schöngeredet werden. Deshalb müssen Mitarbeiter darüber informiert werden – kurz, knapp, neutral, informativ. Ansonsten aber hat der Chef die Mitarbeiter vom permanenten Grundrauschen der Krise abzuschirmen und Krisengejammer zu verbieten.

In der sonntäglichen Sportsendung „Doppelpass“ gibt es das Phrasenschwein, das bei jedem platten Spruch mit Euros zu füttern ist. Analog dazu brauchen Unternehmer zwingend ein Krisenschwein, in das jeder einzahlen muss, der direkt oder indirekt das Wort Krise verwendet.

Unternehmen brauchen von ihren Chefs etwas, das in der Soziologie „Konstruktion von Realität“ genannt wird. In der Psychotherapie heißt es „kognitives Reframing“ und im Führungstraining „emotionales Verfolgungsgefühl- Abschirmen“. Genau das ist in einer Krise wichtige Chefsache: Bei aller nötigen Einzelkritik gilt es, positive Fakten zu finden und einen positiven Blick in die Zukunft zu werfen, gleichzeitig aber negative Emotionen und Krisengejammer abzustellen.

Vor allem aber darf der Chef auf keinen Fall mit einstimmen in das kollektive Gejammer.

Christian Scholz ist BWL-Professor an der Universität des Saarlands und Personalmanagement-Experte

© 1999 - 2010 impulse

Ihre Meinung

Ich bin registrierter User und möchte mich anmelden

Ihr Name
Ihre Email-Adresse (wird n. veröffentl.)
Betreff
Ihr Kommentar


Versenden | Leserbrief | Druckversion | Zurück

Diesen Artikel bookmarken bei...

Tausendreporter BlinkList del.icio.us Folkd Furl Google Linkarena Mister Wong oneview Yahoo MyWeb YiGG Webnews