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10.07.2009

Versagensängste: Der Manager, das Psycho-Wrack

Von: Matthias Oden (Wendisch Rietz)
Die Wirtschaftskrise hat bei vielen Managern psychische Störungen zur Folge
Die Wirtschaftskrise hat bei vielen Managern psychische Störungen zur Folge
© Getty Images
Die Wirtschaftskrise bringt Führungskräfte an den Rand ihrer Leistungsfähigkeit - und darüber hinaus. Zweifel oder gar Furcht dürfen sie nicht zeigen und fressen sie in sich hinein. Die Folge: Massive psychische Störungen. Protokoll eines Zusammenbruchs.

Am Ende steht er auf einer Straßenkreuzung in der Nähe von Mainz und schreit. Es ist der vierte November, ein Dienstag, es ist trüb, wie Novembertage nun einmal sind, und Frank Korte* schreit, wie er noch nie geschrien hat. Er kommt von einem Meeting, ist raus aus dem Wagen, hinaus in den Stau. Hinter dem Steuer hat ihn die Angst angefallen, das nackte Grauen, das ihn zwischen die wartenden Autos treibt. Seine Hilfeschreie gellen über die Kreuzung, bis die Feuerwehr kommt.

Auf der Intensivstation brauchen die Ärzte vier volle Stunden, um seinen Blutdruck auf 220 zu 130 runterzubringen. Warum er solche Panik hat, weiß er zu diesem Zeitpunkt nicht, er weiß nur, dass er sich fürchtet, vor so ziemlich allem, "selbst vor der Angst", wie er sagt. Es ist der letzte Punkt einer Abwärtsspirale, die mit leichten Unwohlsein begonnen hat und in Entsetzen endet. Angststörung nennt das die Medizin. Frank Korte ist Manager, und es ist Wirtschaftskrise.

Es beginnt alles ganz langsam. Vor dem Zusammenbruch arbeitet Korte, 42, sportlich und mit George-Clooney-Schläfen, als Regionalleiter im Marketing eines Pharmakonzerns, hat sein eigenes Team, verdient gut. Er ist verheiratet und hat zwei Kinder, es gibt ein Haus, ein Boot - er hat Karriere gemacht, steht, wie man so sagt, mit beiden Beinen im Leben. Er arbeitet viel, aber das will er nicht anders. Seine Arbeit ist wichtig, aus ihr zieht er sein Selbstwertgefühl, die Kicks, die Streicheleinheiten fürs Ego.

Irgendwo auf dieser Jagd nach dem nächsten Erfolg fängt Kortes Leben an zu erodieren. Pausen, Privatleben, Ruhe - das ist alles nicht mehr drin. Er funktioniert, aber er lebt nicht mehr. "Man nimmt sich selbst nicht mehr wahr, sondern rennt nur noch irgendwelchen Zielen hinterher", beschreibt er heute den Menschen, der er noch im vergangenen Jahr war. Schließlich meldet sich sein Körper, signalisiert erst ganz leise, dass ihm die Hetzjagd zu schnell ist, die Korte ihm aufdrängt. "Ich habe auf der Arbeit alles gegeben, auf dem Heimweg ging es mir dann schlecht, und zu Hause war ich nur noch platt."

Private Schicksalsschläge kommen hinzu: Die Schwester stirbt, und weil die Ersparnisse bei Islands Kaupthing Bank angelegt sind, ist im Oktober das Geld erst mal weg. Auch beruflich hat ihn die Wirtschaftskrise längst eingeholt: Sein Konzern schraubt die Zahl der Marketingleiter binnen kürzester Zeit von 21 auf 7 runter - Korte bleibt an Bord, "aber die Luft wurde dünner".

Raubbau bis zum Schluss

Der Druck wächst, Korte arbeitet länger. Dann fangen seine Hände an zu zittern, er wird erst aufgeregt, dann ängstlich, wenn er vor Leuten sprechen muss - in seiner Position täglich Brot. Einen Vortrag vor 300 Zuhörern bricht er ab, "weil ich es nicht mehr ausgehalten habe, unter Menschen zu sein".

 

Bei einem Geschäftsessen fällt er vom Stuhl, wird das erste Mal ins Krankenhaus eingeliefert. Er schiebt alles auf seine Schilddrüse, die arbeitet nicht mehr richtig, und anfangs glaubt er das auch selbst. Dann klappt er noch mal zusammen, kommt wieder in eine Klinik, und es wird immer schwieriger, sich selbst zu belügen. "Ich wusste, dass etwas mit mir nicht stimmt, und das war nicht meine Schilddrüse", sagt er. Korte weiß, dass er fertig ist, dass es Panikattacken sind, die ihn wegbrechen lassen: "Da war nur noch Angst." Aber Angst, das passt nicht zu seinem Selbstbild. Angst ist Schwäche, und Manager sind nicht schwach.

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© 2009 ftd

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