Management „Gründen ist wie eine Bergexpedition“

Marco Burkhart hat einen sicheren und gut bezahlten Job aufgegeben, um sich den Traum der Selbstständigkeit zu erfüllen. Mit impulse.de sprach er über die Gründe für diesen Schritt, über schlaflose Nächte, über Fehler, die man nicht machen sollte und was es heißt, Gründer zu sein.

impulse.de: Herr Burkhart, Sie haben sieben Jahre im Chemiehandel gearbeitet, unter anderem als Abteilungsleiter bei der Helm AG und hatten einen gut bezahlten Job mit weitreichenden Kompetenzen. Heute beschäftigen Sie in Ihrem eigenen Unternehmen, der „Rösterei Burkhart“, einen festangestellten Mitarbeiter und sechs Aushilfen. Was waren die Gründe, das alles aufzugeben und sich 2011 als Kaffeeröster selbstständig zu machen?

Marco Burkhart: Aufgrund meiner Tätigkeit bei Helm war ich sehr viel in Asien, Lateinamerika und Europa unterwegs. Auch wenn es sehr verlockend klingt, haben mich die vielen Reisen und das Arbeitspensum körperlich und geistig ausgelaugt. 2009 stand ich kurz vor einem Burn-out. Daher habe ich mich damals entschlossen zu kündigen und meinen Traum einer Weltreise endlich zu verwirklichen.

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Welche Rolle spielte diese Weltreise für Ihre Entscheidung zur Selbstständigkeit?

Die Reise hat geholfen, meinen Kopf wieder frei zu bekommen. Ich konnte mir erstmals ohne Druck Gedanken über meine Zukunft machen. Die Idee zur Rösterei ist mir bei einer Kaffeeplantagenführung in Kolumbien gekommen. Als ich 2011 von meiner Reise zurückgekommen bin, hatte ich 18 Punkte auf einem Zettel, wie es weitergehen könnte. Nach ein paar Tagen Abstand waren noch fünf Punkte übrig.

Welche waren das?

Naja, zum einen die Idee, zurück in meine alte Firma zu gehen, das Weingut meiner Eltern zu übernehmen, in die Photovoltaikbranche einzusteigen oder eben mich als Kaffeeröster selbstständig zu machen. Wobei die Idee mit der Rösterei anfangs nur eine Wunschspielerei für mich war. Nach und nach konnte ich einen Punkt nach dem Anderen von der Liste streichen und am Ende wurde die Idee mit dem Kaffee immer konkreter.

Wie ging es dann weiter?

Ich habe mich hingesetzt und einen Businessplan erarbeitet. Das Konzept war wichtig und hat mir sehr geholfen. Anfangs hatte ich die Idee, die Rösterei gleich mit einem Café in der Freiburger Innenstadt zu eröffnen. Nach der Kalkulation habe ich diesen Plan verworfen, denn dann wäre ich nach zwei Monaten pleite gewesen. Allein schon wegen der hohen Mieten in der Freiburger Innenstadt. Ich habe mich dann entschlossen die Rösterei außerhalb von Freiburg zu gründen und mich erst einmal auf das Kerngeschäft zu konzentrieren.

Hatten Sie Existenzängste in dieser Phase?

Zugegeben, in der Anfangszeit hatte ich viele unruhige Nächte. Die Fragen kreisen dann immer um dieselben Themen. War das eine gute Idee? Wie finde ich Kunden? Das schaffst du nie. Am Morgen waren die aber meist wieder verschwunden, da ich vor lauter Arbeit kaum die Zeit fand, darüber nachzudenken.

Hatten Sie Probleme mit der Finanzierung?

Nein. Ich hatte etwas Geld angespart und dann den Gründerzuschuss der Agentur für Arbeit in Anspruch genommen. Da bekam man neun Monate 300€ Bonus zum Arbeitslosengeld, das nimmt einen den finanziellen Druck. Über die KfW Bank habe ich dann noch ein Gründerdarlehen beantragt, das ging schnell und war sehr unkompliziert. Ich war überrascht, wie viel Unterstützung man von staatlicher Seite bekommen kann.

Wie haben Sie Ihre ersten Kunden gefunden?

Auf zwei Wegen. Erstens durch Kaltakquise in Restaurants, Kaffees, Firmen und im Einzelhandel. Und dann durch PR in Regionalzeitungen und bei Regionalsendern wie SWR4. So hatte ich innerhalb eines Dreivierteljahres einen festen Kundenstamm. Meine schlaflosen Nächte waren also unbegründet. (lacht)

Was haben Ihre Familie und Freunde dazu gesagt, dass Sie einen sicheren Job für eine Rösterei aufgeben?

Die Reaktionen waren sehr gemischt. Meine Mutter und meine Geschwister standen von Anfang an hinter mir. Mein Bruder hat das erste dreiviertel Jahr sogar für mich gearbeitet. Viele Freunde und auch mein Vater waren etwas skeptischer, weil sie sich zu Beginn nicht viel unter meiner Idee vorstellen konnten. Den Schritt fanden Sie mutig. Als die Rösterei dann lief, kam ein guter Freund und meinte: „Als du mir das erste Mal von der Idee erzählt hast, dachte ich: Jetzt spinnt der! Aber ich muss sagen, ich bin beeindruckt, wie gut es jetzt läuft.“

Ist für Sie mit der Selbstständigkeit ein Traum in Erfüllung gegangen?

Ich komme aus einer Unternehmerfamilie und selbstständig zu sein war immer ein Traum von mir. Ich dachte jedoch nicht das ich Röster werden würde. Jetzt im Nachhinein ist diese Chance ein Geschenk, das mir das Leben gemacht hat. Aber ich gebe auch zu, dass ich ohne die Reise den Schritt aus der Bequemlichkeit des Angestelltenverhältnisses wahrscheinlich nicht gewagt hätte.

Wie groß ist der Unterschied in der Arbeitsbelastung, wenn man selbstständig ist im Gegensatz zum Angestelltendasein?

Wie ich bereits sagte, war bei meinem alten Job die Arbeitsbelastung zu hoch. Am Arbeitspensum hat sich im Vergleich nichts geändert, aber in der Aufgabenstellung. Ich bin nicht mehr durch andere gesteuert und damit selbstbestimmt. Dies fordert ein hohes Maß an Eigenverantwortung und -motivation, denn niemand gibt mir einen Rahmen vor. Auch gegenüber meinen Mitarbeitern habe ich eine andere Verantwortung als in einer Firma. Ich bin als Chef für das Betriebsklima verantwortlich. Diese neue Verantwortung macht aber Spaß, denn den einzigen Druck, den ich jetzt habe, mache ich mir selbst.

Was macht für Sie in diesem Zusammenhang eine Gründerpersönlichkeit aus?

Zu allererst sollte ein Gründer leidensfähig sein. Also bereit dazu, zehn bis vierzehn Stunden sieben Tage die Woche zu arbeiten. Gerade in der Startphase hat man keine Zeit für Freunde oder Familie, da muss man alles seiner Idee unterordnen können. Zweitens sollte man ein schlüssiges Konzept haben, da man so viele Risiken von vornherein besser abwägen kann. Und vor allem sollte man flexibel sein und offen für Entwicklungen. Nicht alles klappt so, wie man es sich zu Beginn vorstellt und darauf muss man reagieren können. Gründen ist wie eine Bergexpedition. Man plant alles bis ins letzte Detail, aber mit Beginn der Expedition ist alles hinfällig. Weil Dinge passieren, die man im Vorfeld nicht planen kann. Der letzte Punkt ist die Bereitschaft zu Kritik. Ein gesundes und kritisches Umfeld hilft, die eigenen Ideen und Entscheidungen zu hinterfragen und zu optimieren.

Was war Ihr größter Fehler während der Gründung?

Der größte Fehler war sicherlich, dass ich in der Anfangseuphorie zu viel wollte. Schnell groß werden und den maximalen Erfolg. Ich habe nach dem Start einen großen Kunden gefunden und direkt wieder verloren. Ich war blauäugig. Heute weiß ich, dass ich mit meinen Kunden zusammenpassen muss. Ich habe heute auch lieber zehn kleinere Kunden, die mir zehn Kilogramm im Monat abnehmen, als einen Großkunden, der einhundert nimmt. Springt dieser ab, wäre der Verlust viel größer.

Was war Ihr größter Erfolg?

Der größte Erfolg ist, dass es die Rösterei heute gibt und sie erfolgreich ist. Nach einem Jahr kann ich sagen, dass ich mit dem Projekt meine Nische gefunden habe. Aber das Schönste ist, dass die Leute merken, wie gut Kaffee eigentlich schmecken kann.

Wie sieht die Zukunft der Kaffeerösterei Burkhart aus?

Ich möchte eine noch stärkere Beziehung zum Produkt erreichen. Das heißt, dass in Zukunft die kleinen Plantagen und Plantagenbesitzer deutlicher herausgestellt werden sollen. In ferner Zukunft kann ich mir vorstellen, die Idee mit einem Café in der Freiburger Innenstadt noch einmal zu verfolgen.

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