Management Hamburger Familiensiegel: Wenn der Auditor kommt

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Das impulse-Kinderzimmer

Das impulse-Kinderzimmer© impulse

Im Juni haben wir das Hamburger Familiensiegel erhalten – weil wir uns „besonders für die Vereinbarkeit von Familie und Beruf engagieren“.

Ein bisschen kommt man sich ja vor wie in einer Prüfung. Da sitzt ein Mann im Anzug vor einem, die Aktentasche auf dem ledernen Sofa abgelegt, das iPad auf dem Schoß, und fragt und fragt und fragt. Nur dass es dieses Mal nicht um irgendetwas geht, was ich längst vergessen habe (Abitur), um Verkehrszeichen und Vorfahrtsregeln (wie beim Führerschein) oder um kunsthistorische Epochen und Adorno (wie beim Rigorosum). Jetzt, Jahrzehnte später, geht es um das wirkliche, das handfeste Leben: „Was, Herr Förster, machen Sie denn, wenn ein Mitarbeiter auf sein krankes Kind aufpassen muss?“

Das Schöne in dieser Situation: Ich musste mir zur Vorbereitung gar nichts einprägen, nichts lernen, nichts pauken. Gar nichts. Ich musste mich nur zurücklehnen und einfach erzählen, was wir tun. Der Mann machte sich fleißig Notizen – später überreichte uns der Auditor das „Hamburger Familiensiegel“. Jetzt haben wir es also offiziell: Wir gehören zu den mittelständischen Firmen, die sich „besonders für die Vereinbarkeit von Familie und Beruf engagieren“. Die Initiative für kleine und mittelständische Unternehmen wurde 2007 vom Hamburger Senat, der Handelskammer und der Handwerkskammer gestartet.

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Kinderzimmer im Verlag

Jahrelang haben wir, als impulse-Redaktion, selbst Preise an herausragende Unternehmen verliehen, in Eigeninitiative oder gemeinsam mit Partnern aus Wissenschaft und Praxis. Jetzt sind wir selbst mit einem Siegel ausgezeichnet worden – deshalb der Besuch des Auditors. Ausgangspunkt der Bewerbung war der Besuch einer Unternehmergruppe in unserem Verlag, im Hamburger Industriehof. Sie wollten hinter die Kulissen schauen und mehr darüber erfahren, wie wir uns als junger Verlag gegen den Abwärtstrends der Medienbranche stemmen.

Doch wer bei uns zu Gast ist, erfährt eben nicht nur etwas über Qualitätsjournalismus, Medienkonsum oder Auflagenentwicklungen, sondern auch darüber, wie wir unser Unternehmen führen, warum bei uns zum Beispiel jeder selbst entscheiden kann, wie viel und von wo aus er oder sie arbeitet – und warum wir im Industriehof ein eigenes Kinderzimmer eingerichtet haben: Falls Kindergarten oder Schule einmal ausfallen, können Mitarbeiter diesen Raum zur Überbrückung nutzen. „Bewerben Sie sich doch für das Hamburger Familiensiegel!“, schlug ein Unternehmer vor, als er dies sah. „Ich bin sicher, dass Sie gute Chancen haben.“

Zur Vorbereitung auf die Prüfung wurden uns neun Fragen vorgelegt, etwa ob Teilzeit möglich ist, wenn Kinder betreut oder Eltern gepflegt werden müssen (Ja …). Ob Mitarbeiter ihre Kinder im Ernstfall mit ins Büro bringen (ja …) oder von zu Hause aus arbeiten können (ja …). Ob Kinder ein Karrierehindernis sind (nein …). Oder ob wir bei der Planung auch Ferienzeiten berücksichtigen (klar …). Drei Fragen mussten wir mit Ja beantworten können, um uns bewerben zu können.

Dass wir sämtliche Fragen mit Ja beantworten konnten, freute uns zwar, brachte uns aber auch eine ernüchternde Erkenntnis: In vielen Firmen kann von einer Vereinbarkeit von Familie und Beruf offenbar immer noch keine Rede sein. Vieles von dem, was wir als junges Team in unserem Verlag praktizieren, ist zumindest keine Selbstverständlichkeit.

Vertrauensarbeitszeit etwa ist selbst in Betrieben, wo dies ohne Weiteres möglich wäre, noch keineswegs Standard. Eine vergebene Chance: Wer auch künftig hervorragende Mitarbeiter an sich binden möchte, muss ihnen hervorragende Arbeitsbedingungen bieten – ob mit oder ohne Siegel.

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