• Ich kenn da jemanden

    Kontakte knüpfen können Gründer überall: auf Messen, beim Sport, in der U-Bahn. Doch wer ein effektives Netzwerk aufbauen will, sollte systematisch vorgehen.

    Die Smartphone-Dichte ist überdurchschnittlich, hinzu kommen Digitalkameras und Laptops überall dort, wo kein iPad auf dem Schoß liegt. Eine Bloggerkonferenz in Amsterdam – und doch keine typische Versammlung von internetverrückten Nerds: Es sind fast ausschließlich elegant gekleidete Frauen, die sich in dem Designhotel austauschen – über modernes Wohndesign und Lifestyle.

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    Mit dabei: Antonia und Theresa Neubauer. Die Schwestern aus dem sächsischen Freiberg geben seit Anfang des Jahres ein Onlinemagazin heraus, das Sister Magazine. Ein “Journal für die digitale Dame”, produziert von Bloggern, Fotografen, Zeichnern und Schreibern, die für ihre Beiträge kein Honorar bekommen, dafür aber vom Magazin aus auf ihre eigene Website verlinken dürfen. Die Schwestern müssen also genug Begeisterte finden, die mitmachen. “Netzwerken ist ein ganz großes Thema für uns”, sagt Antonia Neubauer. “Unser gesamtes Geschäftsmodell basiert darauf, dass wir viele Menschen kennenlernen, die Spezialisten sind.” Auch Werbekunden wie Disney haben sie über ihr Netzwerk gewonnen. Um es zu pflegen und zu erweitern, besucht die 31-Jährige Konferenzen in Berlin, Israel und jetzt in Amsterdam die Konferenz Meet the Blogger.

    Kontakte sind überlebenswichtig

    Jeder Gründer braucht Kontakte. Sie helfen dabei, Geschäftsmodelle und Produkte zu verbessern, erleichtern die Suche nach Investoren, Steuerberatern und Mitarbeitern. Potenzielle Netzwerkpartner trifft man überall, wo Menschen zusammenkommen, auf Messen, in Seminaren, bei Alumnifeiern, aber auch in der Krabbelgruppe der eigenen Kinder oder auf dem Spielplatz. Trotzdem passiert Netzwerken nicht zufällig. Es ist Arbeit.

    Deshalb haben sich die Schwestern aus Freiberg vorbereitet, bevor sie nach Amsterdam reisten. Auf der Konferenz-Website studierten sie die Profile aller Teilnehmer. Dabei fiel ihnen die Belgierin Steffi De Bie auf, die sich auf ihrem Blog “I love eco” mit Produkten beschäftigt, die “ein grünes Herz haben”. Die Neubauers beschlossen, den Kontakt schon vorher anzubahnen. In der digitalen Welt läuft das so: Antonia schrieb einen Eintrag ins Blog ihres Magazins, über die kommende Konferenz und die interessanten Menschen, die dort auftauchen sollten. Jeden Namen versah sie mit einem Link zum dazugehörigen Blog und schloss ihren Beitrag mit dem Satz: “Wir hoffen, euch alle zu treffen.” Den neuen Eintrag verbreitete sie auf Twitter mit dem Kommentar: “Can’t wait to meet you at #Meettheblogger @iloveeco_be” – Ich kann das Kennenlernen auf der Konferenz kaum abwarten. Prompt kam die Twitter-Antwort: “Geht mir genauso!” Dann wurden ein paar Komplimente hin- und hergeschickt: “Tolles Magazin!”, “Toller Blog!”, schon stand die Verabredung in Amsterdam.

    Für Antonia Neubauer ist diese Art der Kontaktaufnahme völlig selbstverständlich: “Darüber ist jeder froh, sonst hat man 100 Menschen vor sich, von denen sich der Großteil schon kennt, während der Rest danebensteht und sich fragt, wo er das lose Ende findet.” Die Schwestern trafen die Bloggerin De Bie in einer der Kaffeepausen der Konferenz; in der nächsten Ausgabe des Sister Magazine soll ein Beitrag von ihr erscheinen.

    Networking braucht einen langen Atem

    “Wenn ich daran zurückdenke, was mir Erfolg gebracht hat, würde ich sagen: Das war mein Netzwerk”, sagt Cornelius Boersch, der mit seinem Inkubator Mountain Partners Internetfirmen bei der Gründung unterstützt. Allerdings tritt der Nutzen eines geknüpften Kontakts selten so unmittelbar ein wie bei den Magazin-Schwestern. “Der Wert des Netzwerkens ist nicht immer direkt messbar”, sagt Boersch. “Es ist wie bei einer Spardose: Jeden Tag muss ich ein, zwei Leute treffen. Dann wird die Spardose voller und voller, das Netzwerk größer und größer.”

    Die Pflege des Netzwerks ist mindestens so aufwendig wie sein Aufbau. “In den vergangenen 20 Jahren habe ich rund 20?000 Menschen getroffen. So ein Netzwerk kann man irgendwann nicht mehr bespielen”, sagt Boersch. “Wenn man mit jedem einzeln essen gehen will, ist es erstens nicht gut für die Figur und außerdem kostet es unwahrscheinlich viel Geld und Zeit.”

    Da lag es auf der Hand, eine eigene Netzwerkveranstaltung ins Leben zu rufen. Boersch lädt einmal im Jahr zum Unternehmertag am Tegernsee. Die 400 Gäste sind handverlesen. “Ich lade keine Arschlöcher ein, egal wie reich oder erfolgreich sie sind. Es kommt keiner, den ich nicht kenne, zumindest auf Empfehlung”, sagt der Gastgeber. Eigentlich bietet er die übliche Konferenzmischung: Unternehmer, Investoren, Politiker, Gründer. Reden werden gehalten, Startups stellen sich vor, Geschäfte werden gemacht. Aber ein bisschen unterscheiden will Boersch sich doch. “Unser Fokus liegt auf Entertainment. Ich versuche nicht nur, Leute zusammenzubringen, sondern auch, sie zu unterhalten.” Die Party steht, wenn nicht an erster, so doch an prominenter zweiter Stelle. Die besten Deals, sagt Boersch, habe er ohnehin nicht am Konferenztisch gemacht. Sondern an der Bar.

    Auch Fabian Schaaf knüpft am liebsten fernab trister Büroräume Kontakte. Jedes Jahr veranstaltet der Gründer von Bestattungen.de, einer Plattform rund ums Thema Beerdigung, eine Tour in den Alpen: Einen Tag stapft die Gruppe den Berg hinauf, geschlafen wird auf einer kargen Hütte, am nächsten Morgen geht es wieder talwärts. “Da lenkt nichts ab: Kein Computer in der Nähe, kein Handy klingelt. Man kann sich voll auf die Personen und die Landschaft konzentrieren”, sagt Schaaf. Mit ihm wandern 20 bis 25 Alumni der Handelshochschule Leipzig (HHL), an der auch Schaaf studiert hat. Heute sind sie Kleinunternehmer, Internetgründer, Berater oder Angestellte internationaler Konzerne. Die Leute schlagen nach dem Studium die unterschiedlichsten Richtungen ein. Da investiert man eben mit offenem Ausgang in die Beziehungen. “Aber das zahlt sich im Leben irgendwann aus”, sagt Schaaf.

    Kommilitonen als Geschäftspartner

    Die HHL gilt als Gründerschmiede. In den vergangenen 13 Jahren gingen laut Hochschule mehr als 120 Gründungen auf ihre Absolventen zurück. Einer von ihnen war etwa Lukasz Gadowski, Gründer des T-Shirt-Bedruckers Spreadshirt und Mitbegründer des Startup-Inkubators Team Europe. Auch für Janes Potthoff haben sich seine Studienkontakte bereits ausgezahlt. Ohne das HHL-Netzwerk würde es Futalis nicht geben. “Unser Unternehmen konnte nur durch die Zusammenarbeit der verschiedenen Institute vor Ort entstehen”, sagt der Betriebswirt. Die HHL kooperiert eng mit der Uni Leipzig und dem Helmholtz-Zentrum für Umweltforschung. So lernten sich Potthoff und seine Mitgründer, ein BWLer und eine Tiermedizinerin, kennen und verfielen auf ihre Geschäftsidee. Ein Onlineshop, der den Kunden das Futter für ihren Hund individuell zusammenmischt. Schließlich können auch Tiere gegen bestimmte Stoffe wie etwa Gluten allergisch sein. Mit dieser Idee nahmen die drei erfolgreich an einem Businessplanwettbewerb teil.

    Als das Geschäft ins Laufen kam, überlegten die drei Gründer, ihren Firmensitz nach Berlin zu verlegen, wo viele Startups arbeiten. Doch das Leipziger Netzwerk aufzugeben hätte viele Nachteile bedeutet. Die Jungunternehmer bekommen Räume von der HHL gestellt, die sie im Rahmen eines Exist-Gründerstipendiums betreut, und rekrutieren unter den Studenten und Absolventen der Hochschule für Technik und Wirtschaft ihre Mitarbeiter.

    Der Vorteil des Netzwerkens zu Studienzeiten: Man kann sich in Ruhe kennenlernen und testen, ob man gut zusammenarbeitet. Die Gelegenheit hatten an der WHU in Vallendar bei Koblenz auch die Gründer des Onlineshopping-Klubs Fab. Der hieß anfangs noch Casacanda, bevor er von dem US-Startup Fab übernommen wurde. Der Shop bietet seinen Mitgliedern Designstücke zu reduzierten Preisen an, von Fahrrädern über Möbel bis hin zu Kleidung.

    Bevor ihnen die Amerikaner das Übernahmeangebot zu einer Bewertung von 10 Mio. Dollar vorlegten, brauchte Casacanda wie jedes Startup Geldgeber. Einer der Gründer, Roman Kirsch, besuchte daher die Noah-Konferenz, die einmal im Jahr in London statt-findet. “Eine phänomenale Veranstaltung”, sagt er. “Dort sind alle Venture-Capitalists vertreten, die in Europa Rang und Namen haben.” Auf das Treffen mit ihnen bereitete sich Kirsch akribisch vor. Von allen in London erwarteten Investoren passten knapp 20 in sein Raster – und Casacanda in ihr Portfolio. Im zweiten Schritt durchforstete Kirsch das Online-Karrierenetzwerk Linkedin auf der Suche nach gemeinsamen Bekannten, die ihn vorstellen könnten, recherchierte, welche Unis die Investoren besucht und bei welchen Startups sie schon investiert hatten. “Die Internetszene ist ja doch irgendwie ein Dorf.” Dann schrieb er alle Investoren an. Sich Gehör zu verschaffen und einen Termin zu bekommen war nicht immer einfach. “Die haben alle einen Informationsüberfluss”, sagt Kirsch. “Man muss super penetrant sein, vorher und nachher.” Eines aber gelte es unbedingt zu vermeiden, sagt Kirsch: “Gezwungenes Netzwerken. Manche stalken die Leute richtig, die sie treffen wollen. Das ist kein vielversprechender Ansatz.”

    Viele Unternehmer verwechselten Netzwerken mit Verkaufen, sagt Thorsten Visbal, der seit 13 Jahren Gründer berät. Dabei seien das völlig verschiedene Dinge. “Es ist wie Jagen und die Arbeit auf einer Farm: Wenn man verkauft, jagt man. Man geht raus, wirft seinen Speer und versucht, etwas sofort zu treffen. Beim Netzwerken sät man etwas und weiß nicht, wie viele Halme und Früchte dabei rauskommen – das erfährt man erst später.”

    Das Netzwerk ist, was man draus macht

    Allzu bemühtes Knüpfen von Kontakten will auch Sandbox vermeiden. In dem Netzwerk soll vielmehr, wie früher in der Buddelkiste, das entstehen, “was man landläufig als Freundschaft bezeichnet”, sagt Rainer Scheerer. Er ist einer von zwei Berliner Sandbox-Ambassadeuren. Ansprechpartner wie ihn gibt es in allen Städten, in denen das Netzwerk vertreten ist, etwa in Zürich, dem ersten und größten Knotenpunkt, New York, Barcelona oder Bangalore.

    Wer Mitglied werden will, darf die 30 Jahre noch nicht erreicht haben. Der Bewerbungsprozess beginnt in Berlin etwa mit einer E-Mail an Scheerer, dann folgt vielleicht ein gemeinsamer Kaffee. Stimmt die Chemie, besucht der Anwärter mindestens zwei Treffen der Sandboxer. Die knapp 50 Berliner Mitglieder müssten sich dann mit dem Neuling einverstanden erklären – und er mit ihnen. “Wie bei einer Ehe müssen beide Seiten sagen: Wir wollen dieses Netzwerk aufbauen”, sagt Scheerer. Wenn dem so ist, trägt man die Stationen seines Lebens online in ein Formular ein, damit auch die Netzwerkgründer in Zürich ihr Okay geben können. Sandbox ist nicht auf eine bestimmte Branche beschränkt, nicht einmal auf Unternehmer. Vielmehr geht es um größtmögliche Vielfalt bei gemeinsamen Wertvorstellungen. “Wer etwas ändern will in der Welt, wer für seine Werte einsteht, der ist für Sandbox interessant”, sagt Scheerer. “Und für den ist auch Sandbox interessant.”

    Ein Gutmenschenklub ist die Onlineplattform trotzdem nicht. Wer die weltweit rund 750 Mitglieder etwa nach einer Anlaufstelle fragt, weil er das erste Mal nach Nairobi reist, bekommt einen Ansprechpartner. Auch Kontakte zu Investoren kann man über das Netzwerk knüpfen. “Sandbox ist, was man daraus macht”, sagt Scheerer. So wie jedes Netzwerk.

    Aus dem Magazin
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