Management „In der Krise wird der Kapitän nicht ausgetauscht“

Wenn das Schiff zu sinken droht, gehen Unternehmen häufig auf Tauchstation. Im Interview mit impulse.de erklärt Frank Roselieb, Experte für Krisenkommunikation, wie Unternehmer wieder Boden unter den Füßen bekommen und das Vertrauen der Mitarbeiter zurückgewinnen.

impulse.de: Welche Instrumente und Methoden sind in der Insolvenzkommunikation besonders relevant?

Frank Roselieb: Die Insolvenz- und Restrukturierungskommunikation setzt sehr stark auf den persönlichen Face-to-Face-Kontakt, also Informationsveranstaltungen oder persönliche Gespräche. Der Grund dafür ist die Geschwindigkeit: Wenn festgestellt wird, dass die Zahlungsunfähigkeit oder Überschuldung droht oder schon eingetreten ist, muss innerhalb von drei Wochen ein Insolvenzantrag gestellt werden. Wer dann nicht zügig kommuniziert, kann schlimmstenfalls mit seinem Privatvermögen haften – auch als GmbH-Geschäftsführer oder AG-Vorstand.

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Restrukturierungs- und Insolvenzkommunikation hat im Wesentlichen die Aufgabe, die „Black-Box“ des Turnaroundmanagements für die Beteiligten und Betroffenen transparent und nachvollziehbar zu machen. Mitarbeiter, Kunden und Lieferanten sowie Eigen- und Fremdkapitalgeber möchten Antworten auf die vielen offenen Fragen bekommen, vor allem: Wieso glaubt das Unternehmen, nun endlich ein erfolgversprechendes Zukunftskonzept gefunden zu haben, während alle strategischen Schwenks davor offenkundig gescheitert sind?

impulse.de: Wie kann ein insolvenzbedrohtes Unternehmen Mitarbeiter, Kunden und Gläubiger von einer Sanierung überzeugen?

Roselieb: Wichtig ist, vor der Insolvenzanmeldung mit allen Betroffenen offen zu sprechen. Marktpartner erwarten eine erkennbare Zukunftsperspektive, die auch von erfahrenen Restrukturierungsberatern und Wirtschaftsprüfern oder durch das „Go“ der Hausbank bestätigt wird. Ein Sanierungsplan, der Schwachstellen klar benennt, nötige Veränderungen formuliert und Sanierungserfolge quantifiziert, kann das verlorene Vertrauen zurückgewinnen.

Ein anderer Punkt ist Glaubwürdigkeit. Wer seine Notlage schönredet und nur von „vorübergehenden Problemen“ spricht oder eine „kurzfristige Konjunkturdelle“ für das eigene Scheitern verantwortlich macht, kann nichts mehr gewinnen. Spätestens mit dem Insolvenzantrag wird die Schieflage des Unternehmens öffentlich und kann auch von jedem Kunden oder Mitarbeiter in frei zugänglichen Verzeichnissen recherchiert werden. Unternehmen setzen hinter ihre Rechtsform oft ein i.I. – in der Insolvenz. Das wirkt auf den ersten Blick dramatisch, ist aber ein Zeichen von ehrlicher Transparenz.

impulse.de: Häufig wird in Krisenzeiten nach einem Schuldigen gesucht, der öffentlichkeitswirksam abgesetzt wird. Wie sinnvoll ist es für Unternehmen, den Geschäftsführer auszutauschen?

Roselieb: In der Krise wird der Kapitän nicht ausgetauscht. Einerseits kennt er sein Unternehmen immer noch am besten. Andererseits klappt ein solcher „Quick-Change“ bei inhabergeführten mittelständischen Unternehmen ohnehin kaum, da dort der Chef nicht selten – etwas überspitzt formuliert – Vorstand, Hauptaktionär und Betriebsrat in einer Person ist.

Auch die Suche nach einem Schuldigen ist in der akuten Krisenphase fehl am Platze. Wenn das Schiff sinkt, diskutiert man nicht mit dem Kapitän über das letzte Manöver, sondern versucht, zügig wieder festen Boden unter die Füße zu bekommen. Erst dann beginnt die Ursachenanalyse. Hat der Kapitän seinen Rettungsjob gut gemacht, gibt man ihm eine zweite Chance. Setzt er auch das Rettungsboot auf Grund, folgt der „Golden Handshake“.

Notwendig ist meistens ein Gespann aus betriebserfahrenem Unternehmer einerseits und restrukturierungserfahrenem Turnaroundmanager andererseits. Der Geschäftsführer als Einzelkämpfer wird kaum reichen, schließlich hat er die Untiefen seinerzeit übersehen.

impulse.de: Welche Fehler unterlaufen insolvenzbedrohten Unternehmen häufig in der Kommunikation?

Roselieb: Bei der Abwicklungskommunikation, beispielsweise einer Werkskomplettschließung, unterschätzen die Unternehmen oft den Aufwand der Personal- und Prozesskommunikation. In der Regel stehen langwierige Verhandlungen um Interessenausgleich und Sozialplan an. Während die Gewerkschaften ihre Chance erkennen und jeden Schritt kommunizieren, gehen die Unternehmen auf kommunikative Tauchstation. Sie sind eher am Ergebnis als am Weg dahin interessiert. In der Öffentlichkeit bleibt dann das Bild vom Unternehmen zurück, das seine Mitarbeiter ignoriert.

Bei der Restrukturierungskommunikation, beispielsweise bei der Teilschließung eines Werks, vergessen Unternehmen oft die Mitarbeiter, die nach der Restrukturierung weiter beschäftigt werden. Wichtig ist aber, ihre Motivation zu fördern. In der Praxis heißt diese Art der Restrukturierungskommunikation „Phönix-Kommunikation“ – einem Phönix aus der Asche gleich sollen die Mitarbeiter auf eine Reise zu neuen Ufern mitgenommen werden.

impulse.de: Welche Rolle spielt Kommunikation für das Gelingen eines Turnarounds?

Roselieb: Die beste Restrukturierungskommunikation ist natürlich die, die sich schnell überflüssig macht, weil der Turnaround gelingt. Idealerweise schlägt also das operative Krisenmanagement das kommunikative. Gleichwohl steht das Not leidende Unternehmen während einer Sanierung immer vor dem Problem, dass es in der Frühphase der Restrukturierung noch keine echten Erfolge vorweisen kann. Aus dieser Perspektive ist also die kontinuierliche Kommunikation selbst kleiner Fortschritte goldwert, sonst springen die Investoren aus Mangeln an guten Nachrichten ab.

impulse.de: Vielen Dank für das Gespräch.



Frank Roselieb (44) ist geschäftsführender Direktor des Krisennavigator – Institut für Krisenforschung, ein „Spin-Off“ der Universität Kiel, und geschäftsführendes Vorstandsmitglied der Deutschen Gesellschaft für Krisenmanagement e.V. (DGfKM), dem Berufsverband der Krisenmanager. Im Rahmen der impulse Management-Konferenz „Risiken erkennen, Krisen meistern – Strategien für erfolgreiche Turnarounds“ am 22. Oktober 2013 in Berlin nimmt Roselieb am Workshop III „Markenführung – So nehmen Sie Einfluss auf das öffentliche Bild Ihres Unternehmens“ als Podiumsreferent teil.

Nähere Informationen und Anmeldung zur impulse Management-Konferenz

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