Als Denice Kronau 2002 zu Siemens kam, war sie überrascht, wie gleich die Manager alle aussahen. "Bei den ersten Meetings des oberen Managements dachte ich: 'Die Diversität hier im Raum ist aber nicht sehr groß, die Unterschiede kaum wahrnehmbar'", sagt die in den USA geborene Managerin, seit Juni Chief Diversity Officer des deutschen Industriekonzerns.
Kronaus Erfahrungen zeigen, wie erfolgreich Deutschland über Jahrzehnte hinweg Frauen und Ausländer davon abgehalten hat, in den Herrenclub der obersten Führungsetagen vorzustoßen. Deutschlands Vorstände waren lange Zeit fast ausschließlich mit weißen, deutschen Männern besetzt. Inzwischen hat ein Umdenken eingesetzt.
Druck durch Investoren und öffentliche Meinung
"Diversität spielt mittlerweile auf der Tagesordnung eine sehr gewichtige Rolle", sagt Hans Hirt, beim britischen Fondsmanager Hermes für das Thema Corporate Governance zuständig. "Es lässt sich schon fast von positiver Diskriminierung reden, da die Unternehmen ganz gezielt nach Managerinnen suchen. Es gibt heutzutage keinen Personalausschuss mehr, der diesen Faktor nicht berücksichtigt."
Auslöser für dieses neue Interesse an Vielfalt sind der Druck ausländischer Investoren, die öffentliche Meinung und die Angst vor einem strengen Durchgreifen der Regulierer. Die Bundesregierung hat das Thema Diversität vergangenes Jahr in ihrer Koalitionsvereinbarung hoch auf die Prioritätenliste gesetzt.
Chefinnen als Wettbewerbsvorteil
Im Zeitalter des globalen Unternehmens gilt Diversität zusehends als Wettbewerbsvorteil, auch deshalb drängen Regierung und Anleger so sehr darauf. Eine aktuelle Studie der Vereinten Nationen zeigt, dass US-Unternehmen mit Frauen im Board eine um 42 Prozent höhere Umsatzrendite aufwiesen als die rein von Männern geführte Konkurrenz.
Deutschland droht zudem ein massiver Mangel an qualifizierten Mitarbeitern. Ab 2015 werde die Zahl der in Deutschland Arbeitenden sinken, so Elke Holst vom DIW: "Wenn Deutschland nicht radikal den Kurs ändert und mehr Frauen integriert, werden die Dinge deutlich schwerer."
![]() Zoom Denice Kronau, Chief Diversity Officer bei Siemens |
Eine Studie des Beraterunternehmens McKinsey stützt Holsts Aussage. Hätten Männer und Frauen dieselben beruflichen Chancen, könnte der im Jahr 2040 bestehende Mangel von 24 Millionen Arbeitnehmern auf drei Millionen verringert werden, so die Untersuchung.
Siemens als Vorreiter
An die vorderste Front der Diversitätsbewegung in Deutschland hat sich Siemens gestellt. Innerhalb kürzester Zeit hat der Konzern sein zuvor homogenes oberstes Management umgekrempelt. Es gibt ein Mentorenprogramm für Managerinnen und rund 100 ranghohe Mitarbeiter, die weltweit als "Diversitätsbotschafter" die Heterogenität der Belegschaft fördern.
Angestoßen wurden die Veränderungen von Peter Löscher, dem in Österreich geborenen Manager, den Siemens vor drei Jahren nach einer Schmiergeldaffäre an die Konzernspitze holte. Löscher ist in der 160-jährigen Firmengeschichte der erste externe Siemens-Chef.
Siemens sei "zu weiß, zu männlich und zu deutsch", monierte Löscher. Die Situation nach dem Bestechungsskandal sah er als Gelegenheit, die Managementstruktur des Unternehmens zu überholen und zu erweitern.
Quelle: ftd.de
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