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16.11.2010

Heinrich Binder: Der Crash-Erfahrene

Von: Jarka Kubsova
Heinrich Binder
Zoom Heinrich Binder
© dpa
Heinrich Binder war Chef der Holzmann AG. Als der damals größte deutsche Baukonzern ohne Staatshilfe nicht mehr überleben konnte, musste Binder gehen. Nun ist er zurück: beim Airbaghersteller Takata.

Es geht so schnell: ein Knall, etwas Scheppern, dann Stille. Zwei Gummipuppen hängen traurig in den Gurten. Etwas abseits, hinter einer Glasscheibe, steht ein Riese von einem Mann, lächelt und sagt: "Alles richtig gemacht." Der Airbag ist aufgesprungen, die Gurte eingerastet. Wäre das hier nicht nur ein Crashtest, hätten gerade zwei Menschen einen schweren Autounfall überlebt.

Für den Körper gibt es das: Sicherheitssysteme. Für einen Ruf nicht, und erst recht nicht für die Seele. Was wird, wenn einem ein Fehler unterläuft? Wenn man eine Entscheidung trifft, die sich als falsch herausstellt, weil man einmal nicht aufpasst?

Der Hüne hinter der Glasscheibe ist Heinrich Binder, 60 Jahre alt, die ergrauenden Haare sauber gescheitelt, Chef des Europa- und Afrikageschäfts von Takata. Das japanische Unternehmen stellt Insassenschutzsysteme her: Sicherheitsgurte, Airbags, Kindersitze. Etwa 31.000 Mitarbeiter arbeiten weltweit für die Firma, sie macht 3,3 Mrd. Euro Umsatz. Ein Unternehmen von Bedeutung - aber kaum bekannt.

Ganz anders als die Philipp Holzmann AG, der deutsche Baukonzern, der den Frankfurter Bahnhof baute, die Paulskirche, Staudämme, Flughäfen, Wolkenkratzer. Der wuchs und wuchs und dann, Ende der 90er-Jahre, spektakulär unterging. Bei Holzmann war Binder auch mal Chef.

Elf Jahre ist das nun her. Es gibt Fotos von ihm aus dieser Zeit. Binder auf Pressekonferenzen, Binder auf der Straße, das Gesicht eingerahmt von Mikrofonen und Kameras. Und dann das bekannteste Foto: Binder winkend, ein wenig ungelenk, die Hände grob, die Nase groß, die Ohren fleischig, an seiner Seite Bundeskanzler Gerhard Schröder. Auch sein Arm ragt in die Höhe, er wirft einen Schatten auf Binders Gesicht.

Das Bild entstand Ende November 1999: Philip Holzmann räumte Schulden und Verluste in Milliardenhöhe ein, die Banken wollten nichts mehr geben - der Konzern war Pleite. Weihnachten war nicht mehr fern, 17.000 Arbeitsplätze allein in Deutschland standen auf dem Spiel. Schröder schaltete sich ein, kündigte ein Staatsdarlehen und eine Bundesbürgschaft an. Dann trat er mit Binder vor die Bauarbeiter. Die weinten und riefen "Schröder! Schröder!".

Holzmann war gerettet, das Ansehen des Bundeskanzlers auch.

Nur Binder hatte verloren.

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