Ulrich Götze schlägt das Herz bis zum Hals. Seine Hände sind kalt und feucht. Schreiben wie dieses vom Amtsgericht würde er am liebsten gar nicht mehr öffnen. Zu viele flatterten in letzter Zeit auf seinen Schreibtisch. "Zwangsversteigerung" steht im Briefkopf. Die Nachricht trifft den sächsischen Unternehmer wie ein Keulenschlag - sie bedeutet den Verlust seines Mehrfamilienhauses.
Götze steht mit dem Rücken zur Wand: Seine komplette Altersvorsorge hat der Textilrecycler in die Immobilie gesteckt, die nach dem Elbhochwasser 2002 teilweise unbewohnbar war. Der Mietausfall kippt damals seinen Finanzierungsplan. Als ein US-Finanzinvestor dann auch noch seinen Kredit aufkauft und ihn massiv unter Druck setzt, weiß er allein nicht mehr weiter.
In dieser scheinbar ausweglosen Situation geht Götze einen Weg, der manchem deutschen Unternehmer noch immer suspekt ist: Er sucht sich professionelle Hilfe und zwar nicht bei einem Anwalt, sondern einem Mediator. Er sucht Rat bei Ulli Engelmann. Der Chemnitzer ist spezialisiert auf das Schlichten von Bankkonflikten.
Die Aufgabe eines solchen Vermittlers ist es, die zerstrittenen Parteien wieder an den Verhandlungstisch zu bringen. Er sortiert mit ihnen die Fakten und die Interessenlagen, die rechtlichen und auch die emotionalen Aspekte. Und er sucht eine Lösung, mit der alle leben können. Nicht nur bei Streit mit der Bank. Auch wenn es in der Führungsetage oder der Belegschaft kracht oder es bei Generationswechseln, Fusionen und laufenden Geschäften Ärger gibt, werden Mediatoren gerufen. Oft mit Erfolg: Die Hilfe eines Schlichters kann eine echte Alternative zu einem langen, teuren und rufschädigenden Gerichtsverfahren sein.
Fünf Schritte zur Versöhnung
Ziel einer Mediation ist es, zerrüttete Geschäftsbeziehungen zu flicken und einen Kompromiss zu finden, den alle Beteiligten akzeptieren. So funktioniert der Vermittlungsprozess:
Klare Spielregeln
Anders als bei einem Gerichtsverfahren ist die Teilnahme an einer Mediation freiwillig, alle Details und Vereinbarungen bleiben vertraulich. Üblicherweise durchläuft die Vermittlung fünf Phasen:
1. Der Mediator erklärt die Spielregeln.
2. Die Parteien stellen ihre Sichtweise dar, der Mediator fasst sie zusammen, und alle entwickeln die nächsten Schritte.
3. Die Streitenden analysieren, welche Interessen hinter dem Konflikt stehen.
4. Sie suchen eine Lösung, von der beide Seiten profitieren.
5. Die Parteien unterzeichnen eine rechtsverbindliche Vereinbarung.
Aussicht auf Erfolg
Streitigkeiten entstehen meist, weil Kleinigkeiten sich anhäufen, bis die Situation eskaliert. Im Rahmen von Geschäftsbeziehungen passiert das nicht selten zwischen Kunden und Lieferanten, Arbeitgebern und Betriebsrat oder Geschäftsführung und Aufsichtsrat. Hier können Mediatoren in acht von zehn Fällen helfen.
Kaum Chancen
Wenig geeignet für den Einsatz eines Schlichters sind Streitigkeiten, bei denen Institutionen wie Versicherungen involviert sind, die nur zahlen, wenn sie dazu verurteilt werden. Ebenfalls schwierig sind Forderungen, die allein von komplizierten technischen oder rechtlichen Frage abhängen. Auch wenn es den Streithähnen nur darum geht, „es dem anderen ordentlich zu zeigen“, ist der Mediator chancenlos.
Kluge Vorsorge
Vorausschauende Unternehmer legen etwa in Betriebsvereinbarungen fest, dass sie im Streitfall einen Mediator hinzuziehen wollen. Viele Notare empfehlen Mandanten eine Mediationsklausel für ihre Gesellschafterverträge. Die findet sich auch häufig in Liefer- oder Kooperationsverträgen, insbesondere wenn US-Firmen beteiligt sind.
Gelingt die Vermittlung, sparen die Kontrahenten jede Menge Geld und Nerven. Und doch hat dieses sanfte Verfahren ein Imageproblem: "Gerade Mittelständler halten die Mediation immer noch für Hokuspokus", sagt der Kölner Wirtschaftsmediator Eckhard Eyer. Da sich die Mediation in Deutschland zunächst als Familientherapie etabliert habe, dächten viele an "therapeutische Gesprächskreise, bei denen ein Psychosoftie in der Mitte" sitze.
In vier von fünf Fällen erfolgreich
Ein Klischee. Die bundesweit etwa 6000 Wirtschaftsmediatoren sind meist Anwälte, Coaches oder Berater mit Zusatzausbildung. Und weil in Krisenzeiten wie diesen immer mehr Firmen in Not geraten, haben sie, wie Mediator Eyer sagt, "mächtig zu tun". Ihre Bilanz ist nach eigenen Angaben hervorragend: "Die Erfolgsquote liegt bei etwa 80 Prozent."
Doch Ulrich Götzes Fall ist selbst für den als "Bankenbändiger" bekannten Mediator Engelmann knifflig. Denn er hat es mit hartgesottenen Finanzinvestoren zu tun - mit Heuschrecken: Hudson Advisors kauft für den US-Finanzinvestor Lone Star Kredite auf, um sie dann profitabel zu verwerten. Gefackelt wird nicht lange. "Die wollen das große Geld, und zwar schnell", sagt Engelmann. Auch Götze vermutet: "Die sind gar nicht an einer langfristigen Rückzahlung des Darlehens interessiert, sondern wollen günstig an die Immobilien ran." Dafür spulen sie das komplette Programm ab, bis zur Vollstreckung in das persönliche Vermögen. Für Götze, der seine kleine Firma nach der Wende aufgebaut hat, bedeutet dies das Aus. Doch wenigstens die drohende Zwangsversteigerung des Hauses will Mediator Engelmann verhindern.
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