Als sich die Gefängnistüren an jenem Sommermorgen im Juli 1988 endlich für ihn öffneten, war alles perfekt vorbereitet. Von der Haftanstalt in Frankfurt ging es direkt zum Flughafen und zehn Stunden später saß er bereits zum Abendessen in New York. "Ich hatte einfach genug von der deutschen Rechtsstaatlichkeit und von diesem Land", sagt Horst-Dieter Esch. "Ich musste mir zwar eine neue Karriere aufbauen, aber kein neues Leben. Ich brauchte keine Resozialisierung und den ganzen Quatsch."
Vier Jahre und vier Monate saß der einstige Chef des Mainzer Baumaschinenkonzerns IBH wegen Betrugs und Konkursverschleppung in Haft. Den größten Baumaschinenkonzern der Welt hatte er formen wollen, einen nationalen Champion, wie Caterpillar in den USA. Nach und nach kaufte er Dutzende angeschlagener Mittelständler und stieg zur Nummer drei der Branche auf. Zimperlich war er dabei nie, lange Diskussionen mochte er gar nicht. "Du gehst mit deiner Meinung zu Esch rein und kommst mit seiner wieder raus", hat mal ein Wegbegleiter über ihn gesagt. Esch war der König der Maschinenbauer.
Sein Konzern wurde immer größer, immer stärker - und immer abhängiger von neuen Krediten. "Mich kann nur noch ein dritter Weltkrieg stoppen", wurde er damals zitiert. "Das habe ich so nie gesagt", stellt er heute klar. Das alles ist lange her.
Doch dann, als das Geld irgendwann knapp wurde, fing Esch an zu tricksen. Bis zum großen Knall.
Im November 1983 war die IBH Holding zahlungsunfähig, Esch stellte Insolvenzantrag. Die Pleite riss die Branche in den Abgrund. Etliche Partnerfirmen mussten ebenfalls schließen, weltweit verloren viele Tausend Mitarbeiter ihre Jobs. Esch hatte das Vermögen seiner Investoren vernichtet, selbst seine Hausbank geriet in Not. Überall verbrannte Erde. Was ihm blieb, waren seine Frau Ana-Gaby und seine Tochter Natascha, damals 17 Jahre alt.
Esch, der Junge aus einfachen Verhältnissen, der sein Betriebswirtschaftsstudium in Amerika auf Pump finanzierte, der einst in Köln das erste Autokino Deutschlands betrieben hatte - dieser Esch hatte sich verzockt. Als er fünf Jahre nach dem Absturz aus der Haft entlassen wurde, war er in Deutschland unten durch. Als verurteilter Betrüger und Ex-Knacki hatte er keine Perspektiven mehr. Doch er hatte neue Ziele - und er hatte Geld: Seine Anwälte und die Gerichtskosten musste er zwar bezahlen, sein Vermögen aber durfte er behalten. Noch während seiner Haft wickelte er alles ab. "Ich hatte alles geregelt, meine Steuern gezahlt und mein Haus verkauft", erinnert sich der heute 67-Jährige.
Da sitzt er nun, in seinem New Yorker Büro, hinter seinem wuchtigen Schreibtisch mit seiner kantigen Honecker-Brille. Umgeben von jungen, dynamischen Menschen, die über die Flure flitzen und ständig telefonieren. Wie ein Patriarch, der seinen Familienbetrieb längst an die nächste Generation überschrieben hat, die Kontrolle aber einfach nicht abgeben will. "Dieses Geschäft ist ein Geschäft für junge Leute", räumt er ein. Aber er hat dieses Geschäft geprägt wie Wenige.
Ende der 80er-Jahre, als Esch mit seiner Familie aus Deutschland nach Amerika kam, wollte er eigentlich eine Agentur zur Vermarktung von Profisportlern kaufen. Das erforderliche Investorenvisum hatte er organisiert, er musste nur noch investieren. Doch die Verhandlungen mit der namhaften Sportagentur IMG liefen ins Leere - und seine Tochter wollte ohnehin lieber ins Modegeschäft.
Quelle: ftd.de
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