Management Kommerzallergie, weiche! Oder?

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Zitat von Hans Zaugg, Designer

Zitat von Hans Zaugg, Designer© Tollabox

Béa Beste ist im Kommunismus aufgewachsen und erst mit 15 Jahren nach Deutschland gekommen. Hier stellt sie ein seltsames Phänomen fest: Die Kommerzallergie der Leute, die ständig über fehlende Mittel und Unterstützung klagen. Die Gründerin und impulse-Bloggerin fordert: Baut die Vorurteile gegen unternehmerisches Denken endlich ab!

Aufgewachsen bin ich im Bukarest der 70er und 80er, unter der Diktatur von Ceausescu. Nein, das war keine triste Kindheit, ich habe viel Spaß gehabt und ausreichend Unbekümmertheit. Aber ich weiß, wie ein nahezu lebensmittelleerer Supermarkt aussieht und wie es sich anfühlt, 10 Tage am Stück Polenta mit Eiern zu essen.

Was waren die bunten, gut duftenden Pakete aus dem Westen schön! Und was haben wir in eingeschmuggelten Quelle Katalogen wie blöd geblättert und uns vorgestellt, wir könnten alles kaufen, was darin gezeigt wird. Die bunte Welt des Westens habe ich 1984 mit 15 Jahren betreten, habe mich in Frankfurt von üppigen Markthallen und der schillernden Zeit begeistern und betören lassen. Ich war angekommen im heiß ersehnten Kapitalismus!

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Jahre und einige Aufklärungsstufen später habe ich natürlich gelernt, die Sache differenzierter zu sehen. Und durchaus kritischer. Dennoch schockiert mich immer wieder, mit welcher Aggressivität oft das Kommerzielle als Teufelszeug angegangen wird – mitten in der „westlichen Welt“. Ich bin voll und ganz überzeugt, dass wir uns damit unternehmerische Chancen verbauen.

Auf wessen Rücken bereichern?

Eigene Erfahrung: Zusammen mit einer Unternehmergruppe habe ich 2005 den Grundstein für die bilingualen Phorms Schulen in Form einer Aktiengesellschaft gelegt, um es Investoren zu ermöglichen, sich anders am Schulaufbau zu beteiligen als in Form von Spenden. Eines der ersten und härtesten Urteile aus der Bildungsszene kam vom Philologenverband: „Es ist unanständig, sich auf dem Rücken der Kinder zu bereichern“, sagte Josef Kraus dazu gegenüber allen Journalisten, die fragten.

Ähnlichen Vorurteilen habe ich oft aus den Reihen der Lehrer gehört. Einmal durfte ich triumphieren, mit Szenenapplaus auf der Didakta, als ich bei einer Podiumsdiskussion mit solchen Vorwürfen konfrontiert wurde und parierte: „Ich finde, wir sollten direkt zum nächsten Bäcker gehen und ihn zur Rede stellen! Der bereichert sich doch am Hunger der Menschen!“ Aber die Bildungsbranche reagiert damals insgesamt höchst allergisch auf einen unternehmerischen Ansatz.

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Mit meinem jetzigen Unternehmen Tollabox verfolge ich das Bildungsziel, das mehr Spielen, Neugier und Gelassenheit beim Lernen zu fördern. Wir entwickeln unsere Spiele zusammen mit Pädagogen und testen sie mit Familien. Inzwischen bescheinigt uns sogar das Deutsche Kinderhilfswerk den Lerneffekt. Die Berliner Startup-Szene hat eine offene Willkommenskultur, aber wie oft höre ich bei der Pressearbeit „sorry, zu kommerziell“? Gerade letzte Woche schickte ich eine Pressemitteilung an die Redaktion der Hauszeitschrift eines renommierten Kölner Spielzeughändlers, und bekam prompt direkt vom Inhaber die lapidare Antwort zurück: „Keine Werbung bitte!“ Aha.

Frisst Konzernwelt Verbraucher?

Den Anstoß für diese Gedanken gab mir eigentlich eine meiner Lieblingsbloggerinnen: Anna Luz de Leon alias Berlinmittemom startete hoch engagiert die Aktion „Gemeinsam für starke Mädchen“: Das geschieht im Rahmen der Initiative „Mehr Mut zum Ich“ von Dove und Rossman, die zur Aufklärung und Selbstbewusstseinsentwicklung von jungen Mädchen beitragen sollte. Und schon kommt Gegenwind: „Wohlgemerkt: Doves Interesse bei diesen Kampagnen ist nicht, das Selbstbewusstsein dieser Frauen zu stützen, sondern sie an die Marke zu binden.“ Und noch viel Schlimmer sei die Sache: Damit würden die Konzerne in die Schulen eindringen! Böse, böse.

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Ein fließendes Kontinuum zwischen Profit und Non-Profit

Am Wochenende hingegen war ich auf dem inzwischen gut etablierten Entrepreneurship Summit von Prof. Faltin und Teil einer Podiums-Diskussion zu Social Entrepreneurship, moderiert von Prof. Lindner, der erste Ashoka Fellow in Österreich. Klasse fand ich, dass er an einer Stelle eine Skala auflegte und die Gäste der Diskussion bat, uns auf dieser einzuordnen:
Johannes Lindner Social Entrepreneur

Ich stufte die Tollabox recht mittig ein und freute mich, dass endlich so ein Kontinuum den Punkt macht. Ich nahm mir vor, mich noch mehr einzusetzen, damit dieses Verständnis die Runde macht. Damit es alle Doofen auch kapieren! Damit diese Kommerzallergie mal endlich aufhört! Jaaah!

Genossenschaft? No way!!!

Und dann bekam ich den Spiegel vorgehalten, ganz am Ende der Veranstaltung: Einer der Teilnehmer kam zu mir und stellte sich vor als Gründer einer Genossenschaft. Und just in dem Moment merkte ich, wie bei mir die Schotten dicht gehen: Genossenschaft, das ist doch was Kommunistisches… No way, das hat keine Existenzberechtigung in meiner Welt! Und am milden Lächeln meines Gegenübers merkte ich, das ich das gleiche Brett vorm Kopf trug wie all diejenigen, die sich über eine Aktiengesellschaft als Träger einer Schule empören…

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Können wir weiter schauen und denken als die Zäune unserer Begriffswelten?
Das müssen wir. Nur Transparenz und wohlwollender Diskurs kann uns zusammenbringen. Es ist schwer, über gut gelernte und etablierte Schatten zu springen und sich auf neue Konzepte einzulassen. Es kann sein, dass weder die Welt der reinen Profitorientierung noch funktioniert, noch die klassischen Non-Profis… ähm pardon, Non-Profits keinen Bestand haben. Wir müssen uns aufeinander zu bewegen, und sehen, welche guten und sinnvollen Zwecken mit der Kraft großer Werbebudgets zu erreichen sind. Denn nur über fehlende Mittel und Ressourcen zu jammern hat noch keinen weitergebracht. Und wir müssen sehen, ob soziale Ideen nur mal eine „verzwonullifizierung“ brauchen, um zu fliegen.

Die Fronten müssen aufweichen, und wir müssen alle verstehen, dass eine gute Zukunft für unsere Kinder nur gemeinsam entsteht. Helft mit!

(Die Zitate in diesem Beitrag hängen im Tollabox Kreativbüro an der Lampe. Mehr darüber hier.)

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