Management Kreativität für die Wirtschaft: Fliegen retten für den Unternehmenswandel

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Der Bielefelder Unternehmer Hans-Dietrich Reckhaus (re.) und die beiden Künstler Patrik und Frank Riklin während der Vorbereitungen für den Aktionstag "Fliegenretten in Deppendorf".

Der Bielefelder Unternehmer Hans-Dietrich Reckhaus (re.) und die beiden Künstler Patrik und Frank Riklin während der Vorbereitungen für den Aktionstag "Fliegenretten in Deppendorf".© Reimar Ott

Wie macht man charmant Werbung, wenn man Insektenvernichtungsmittel herstellt? Statt eine Agentur zu beauftragen, hat sich ein Bielefelder Familienunternehmer mit zwei Konzeptkünstlern zusammengetan. Deren Ideen waren so originell, dass sie die komplette Firmenphilosophie auf den Kopf stellten. Wie es zu der „künstlerischen Intervention“ kam, erzählt Unternehmerin Antje Hinz in ihrer Serie "Kreativität für die Wirtschaft".

Das Geschäft des Unternehmens Reckhaus würden Marketingprofis als „herausfordernd“ beschreiben. Das Familienunternehmen mit etwa 50 Mitarbeitern stellt Insektensprays, Mottenpapier und Ameisenfallen her.

Situation im Unternehmen

Pioniergeist treibt das inhabergeführte Familienunternehmen an. Seit seiner Gründung im Jahr 1956 produziert die Firma nicht nur, sondern forscht, testet und verbessert. Dabei hat Geschäftsführer Hans-Dietrich Reckhaus durchaus Ästhetik und Design im Blick. Weil tote Fliegen an der Klebefolie keinen schönen Anblick bieten, erfindet er als Sichtschutz eine Art Fliegenpilz und löst so das Ekelproblem. Er nennt die neue Fliegenfalle „Flippi“, lässt sie patentieren und will sie groß herausbringen. Doch sein Werbebudget ist begrenzt. Not macht erfinderisch. Reckhaus erinnert sich an ein kreatives Geschwisterpaar, das er in der Schweiz kennen gelernt hat, wo er eine Tochterfirma betreibt. Die Zwillinge Frank und Patrik Riklin vom St. Galler „Atelier für Sonderaufgaben“ hatten bereits mit einigen ungewöhnlichen Ideen und Arbeiten für Aufmerksamkeit gesorgt, etwa mit dem ersten „Null-Stern-Hotel“.

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Idee hinter der Begegnung zwischen Künstlern und Unternehmer

Reckhaus bittet die Konzeptkünstler, für seine Fliegenfalle eine schlagzeilenwirksame Kampagne zu entwickeln. Die Riklin-Brüder brüten mehr als zwei Monate über dem Projekt, doch das Gewissen plagt sie: „Herr Reckhaus, Ihre Produkte sind einfach nur schlecht“, sagen sie ihm auf den Kopf zu. „Wir können keine Kunst für Produkte machen, die Fliegen töten.“ Statt den Auftrag generell abzulehnen, bieten die Künstler dem Unternehmer eine Gegenstrategie an: „Wie wäre es denn, wenn Sie einmal den Spieß umdrehen und Fliegen retten würden? Aber wahrscheinlich können Sie das nicht machen …“

Erweckungserlebnis

Andere Unternehmer hätten sich vielleicht in ihrem Vorurteil bestärkt gefühlt: Künstler sind weltfremd und nicht geschäftstüchtig. Doch Reckhaus lässt den rebellischen Vorschlag erst mal sacken. Er schläft zwei Nächte darüber und ringt sich durch, das Fliegenretten in die Tat umzusetzen. „Eine klassische Werbeagentur hätte meine Produkte niemals in Frage gestellt. Die will ja dem Auftraggeber gefallen“, sagt Reckhaus. Die Riklins haben ihm die Augen geöffnet, ihn aufgeweckt: „Welchen Wert haben Insekten für Sie?“

Mit dem angebotenen Perspektivwechsel haben die Künstler Werte und Überzeugungen des Unternehmers wieder belebt, die im Laufe seines Geschäftsalltags verblasst waren. Reckhaus erinnert sich, dass er seine Examensarbeit einst auf Umweltpapier eingereicht hat, was damals völlig unüblich war. Frühe Produktversuche mit ökologischen Bioziden im Unternehmen seien gescheitert. „Ich war immer offen für innovative Dinge, wollte etwas bewegen“, meint Reckhaus, „aber mir fehlte das Werkzeug dazu.“ Die Riklin-Zwillinge haben ihm mit den richtigen Fragen die passende Initialzündung gegeben.

Fliegenretten in Deppendorf

Im Sommer 2012 soll ein geeigneter Ort für die Fliegenrettung gefunden werden. Der Unternehmer lädt die beiden Künstler in sein Auto und fährt mit ihnen durch die Provinz. Erfahrungsgemäß gibt es auf dem Land mehr Fliegen als in der Stadt.

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Im ostwestfälischen Deppendorf finden sich schließlich begeisterte Mitstreiter. Das ganze Dorf will bei der Aktion mitmachen: Feuerwehr, Gesangsverein, Gastwirte planen ein Event zur Fliegenrettung mit Rahmenprogramm. Über 800 der 1000 Einwohner lassen sich von der kuriosen Idee anstecken. Zumal als Belohnung für das erfolgreiche Fliegenfangen ein dreitägiger Aufenthalt auf Schloss Elmau winkt – einem bayerischen Fünfsterne-Wellnesshotel. Mit Tupperdosen, Marmeladengläsern und Netzen machen sich die Deppendorfer am 1. September 2012 auf die Jagd und liefern immerhin 902 lebendige Fliegen im eigens dafür aufgestellten Festzelt ab. Per Auslosung wird die Gewinnerfliege Erika samt menschlichem Begleitehepaar ermittelt. Es darf mit dem Flugzeug und mit Erika nach Bayern reisen. Für die Fliege wird ein extra Platz in der Lufthansa-Maschine reserviert.

Nachdenken im Umfeld und Medienrummel

Vor der Fliegenrettung spricht Reckhaus vier Stunden lang mit seinem Bankberater. Der soll nicht denken, Reckhaus sei verrückt geworden. „Ich habe ihm meine Anliegen erklärt und dass ich es wirklich ernst meine.“ Nicht wenige beargwöhnen die Aktion kritisch … glauben an einen Werbegag. Dennoch: Die medialen Reichweiten nach dem Fliegenretten sind traumhaft: Zeitungen, Radio, Fernsehen, Internet – überall ist das „Fliegenretten in Deppendorf“ Thema. Über 200 Medien berichten.

Immer wieder stellen die beiden Künstler ungewöhnliche Fragen und sorgen für Kopfzerbrechen:
– Wie verwöhnt man eine Fliege?
– Wer fliegt mit einer Fliege in den Wellness-Urlaub?
– Kann man ein Flugticket für eine Fliege buchen?
– Wie reagiert die Lufthansa-Crew, wenn ein offizieller Sitzplatz mit einer Fliege besetzt wird?
– Was passiert, wenn die Menschen realisieren, dass die scheinbar absurde Aktion „Fliegen
retten in Deppendorf“ kein Marketing-Gag, sondern ernst gemeint ist?

Für die künstlerische Arbeit von Frank und Patrik Riklin gilt die Devise: „Prozesse beginnen dort, wo sie vermeintlich enden.“ Dies trifft in gewissem Maße auch für Hans-Dietrich Reckhaus zu. Das Eintages-Ereignis beflügelt den Unternehmer. Reckhaus beginnt grundsätzlich umzudenken und leitet einen Wandel in seinem Unternehmen ein. Er sieht das Insektenretten nicht als „Eintagsfliege“ an, sondern als ernsthaftes Handlungsmodell. Unermüdlich erklärt er seinen Mitarbeitern und seinem Umfeld, warum er das Wagnis eingeht, was ihn antreibt.

Die Kunst des Unternehmenswandels

Gemeinsam mit den Konzeptkünstlern entwickelt Reckhaus ein nachhaltiges Programm namens „Insect Respect“. Das Gütesiegel prangt fortan auf der gleichnamigen, neu entwickelten Produktpalette. „Insect Respect“ steht gleichermaßen für Insektenbekämpfung und Insektenschutz. Reckhaus hat einen Biologen beauftragt auszurechnen, welchen Schaden seine Biozide anrichten, das heißt wie viele Insekten je Spraydose ihr Leben lassen. Mit der Maßeinheit „Biomasse in Gramm“ plant Reckhaus exakt, welchen Ausgleich er schaffen muss, um der Natur die Biomasse „zurückzugeben“. Mit jedem verkauften Produkt von „Insect Respect“ finanziert Reckhaus Flächen, auf denen sich Insekten neu ansiedeln können. Die Größe der Kompensationsfläche variiert je nach Produkt.

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Der Unternehmer hat ausrechnen lassen, dass sein Fliegenfänger Flippi etwa 100 Fliegen das Leben kostet. Unterstützt von seinem Biologen hat Reckhaus auf 200 Quadratmetern sein Firmendach begrünt, es mit Baumstämmen ausgestattet und so einen neuen Lebensraum mit Rückzugsorten für Insekten geschaffen. Auf diese Weise kann er insgesamt 35.000 Fliegenfallen „neutralisieren“. „Eine ökologische Kompensation, wie man sie auch vom Ausgleich von CO2-Emissionen kennt“, erklärt der Unternehmer.

Erkenntnisse durch Perspektivwechsel

Was passiert, wenn Kunst auf Wirtschaft trifft und in die Unternehmensentwicklung eingreift? Die Aktion „Fliegen retten in Deppendorf“ hat zunächst für Verwirrung gesorgt. Die beiden Künstler haben den Unternehmer zu einem Perspektivwechsel herausgefordert. Hier die Fakten auf einen Blick:
– Ein Unternehmer gibt eine Kampagne für ein neues Insektenbekämpfungsmittel in Auftrag.
– Zwei Künstler liefern ihm unerwartet das Konzept für die Gegenstrategie: retten statt töten.
– Der Unternehmer lässt sich auf das Experiment ein und greift die Idee auf.
– Ein Umdenkungsprozess und Unternehmenswandel gerät in Gang.
– Der Unternehmer entwickelt ein neues Produktsortiment mit einem Gütesiegel, das einerseits zwar Insekten vernichtet, andererseits jedoch auch schützt.
– Mit Anteilen aus dem Verkaufserlös werden Ausgleichsflächen finanziert, auf denen sich neue Insekten ansiedeln können.
– Das Siegel steht auch anderen Herstellern von Bioziden zur Verfügung, wenn sie sich ebenfalls verpflichten, neue Biotope für Insekten zu schaffen oder das Unternehmen Reckhaus beauftragen, entsprechende Biotope anzulegen.

Innovationsvorsprung

Ist dies der Beginn einer neuen Ära in der Biozid-Nutzung? Seine Branche hat Reckhaus jedenfalls ordentlich aufgemischt. Viele können seinen Sinneswandel nicht nachvollziehen und empfinden sein Engagement als Provokation. Dabei ist für Reckhaus glasklar, dass er im Interesse seiner Firma und seiner Mitarbeiter handelt und in die Zukunft denkt „Die Menschen werden immer umweltbewusster. Deshalb werden langfristig auch die Absatzzahlen für Biozide sinken. Die Leute werden weniger davon kaufen beziehungsweise genauer hinschauen, was sie kaufen“, meint Reckhaus. „Also ist es doch gut, wenn ich mein Unternehmen frühzeitig für die Zukunft rüste und nachhaltig denke. Ich bin meinen Konkurrenten voraus, weil ich nicht aus der Not heraus handle, sondern aus Überzeugung.“

„Das Ungesuchte finden“

„Das Projekt hat mein Leben verändert“, sagt der Unternehmer rückblickend. „Unsere Innovation der ‚Insektenrettung’ ist nicht kompliziert und nur vordergründig außergewöhnlich. Vielmehr geht es hier um den Blickwinkel und um das Bewusstsein für das eigene Tun. Hier ‚musste’ die Kunst helfen. Und ich füge mich der Kunst, weil sie die richtigen Fragen stellt. Andere Unternehmen suchen leider nur selten den Dialog mit der Kunst, weil sie sich nicht vorstellen können, dass Künstler Ideen haben, die praxisnah und erfolgreich umgesetzt werden können.“

Und die Künstler? Haben die Brüder mit dem überwältigenden Erfolg ihrer Aktion gerechnet? Sie sind zufrieden und auch ein wenig stolz. Frank Riklin: „Es ist toll, ein System so durchzurütteln!“ Sein Bruder Patrik erzählt, dass er bei dem Projekt immer an Kafkas Erzählung „Die Verwandlung“ denken musste, an den Helden Gregor Samsa, der eine „Transformation“ erlebte – so wie Reckhaus.

Bewusstseinswandel durch mehr Wissen

Hans-Dietrich Reckhaus hat in gut zweieinhalb Jahren an die 500.000 Euro in seine Idee investiert. Beachtlich für ein mittelständisches Unternehmen mit 20 Millionen Umsatz pro Jahr. Doch Reckhaus ist vom Sinn und Nutzen seines Einsatzes überzeugt: von der Kunstaktion in Deppendorf über das Biotop bis zum neuen Internet-Auftritt. Dort erzählt Reckhaus die ganze Geschichte. Er hat Fakten und Zahlen zusammengetragen und sie lebendig und gut verständlich in kleinen Videos und Erklärtrickfilmen aufbereitet. So soll die breite Öffentlichkeit für das Thema sensibilisiert werden, auch präventiv: Was kann jeder von uns tun, damit sich Insekten im Haus nicht ansiedeln und der Einsatz von Bioziden gar nicht erst nötig wird?

Reckhaus hat inzwischen viel gelesen, recherchiert, gelernt und gibt sein Wissen, wo immer es sich anbietet, begeistert weiter: „Insekten sind für uns Menschen und unser Ökosystem überlebenswichtig. Wir haben ihnen zum Beispiel 75 % der Pflanzenbestäubung zu verdanken.“ Er zitiert gerne den Soziobiologen Edward Osborne Wilson: “Wenn es von heute auf morgen keine Insekten mehr gäbe, würden wir Menschen bis 2024 aussterben”.

Preise und neue Fragen

Für sein kreatives Engagement und seinen Wagemut wird Reckhaus auf Konferenzen, Tagungen und in den Medien gefeiert und für zahlreiche Preise nominiert, etwa den Kyocera-Umweltpreis und den „Deutschen Unternehmerpreis“. Ende November kürte ihn die Querdenker-Organisation zum „Vordenker 2014“.

Die beiden Künstler haben Reckhaus regelrecht angestiftet. Gemeinsam reisen sie mit Vorträgen durchs Land und werden nicht müde, neue Fragen zu stellen: Wie viele Insekten kommen an der Windschutzscheibe eines Autos um? Auf einer Strecke von 100 Kilometern sollen es über 4000 sein, wie ein Biologe kürzlich im Auftrag von Reckhaus herausfand. Das Zählexperiment soll in Kürze mit einem Zug der Schweizer und der Deutschen Bahn fortgesetzt werden.

In ihrer Blog-Reihe „Kreativität für die Wirtschaft“ stellt Antje Hinz Best-Practice-Beispiele für „Künstlerische Interventionen“ zwischen Unternehmern und Kreativschaffenden vor. In der nächsten Folge erfahren Sie, was Sie von Dirigenten und Orchestern lernen können.

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