Management Kreativität für die Wirtschaft: Klartext im Kälber-Iglu

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Das Kälber-Iglu kreativ neu interpretiert

Das Kälber-Iglu kreativ neu interpretiert© Dany Heck

Unternehmen und Künstler - passt das zusammen? Ja, sagt impulse-Bloggerin Antje Hinz. In ihrer Serie "Kreativität für die Wirtschaft" stellt Sie regelmäßig Best-Practice-Beispiele vor. Dieses Mal: Das Unternehmen Holm & Laue, das Produkte rund um die Aufzucht von Kälbern vertreibt und ein ungewöhnliches Experiment wagte.

Das Unternehmen Holm & Laue GmbH aus Westerrönfeld, gut 30 Kilometer von der Landeshauptstadt Kiel in Schleswig-Holstein entfernt, entwickelt und vertreibt Produkte rund um die Aufzucht und Fütterung von Kälbern.

Situation im Unternehmen
Seit 1991 ist die Firma stetig gewachsen, sie beschäftigt heute knapp 100 Mitarbeiter. Die rasante Entwicklung des Unternehmens beschreibt Vertriebsleiter Holger Kruse: „Früher wurden Entscheidungen am familiären Frühstückstisch gefällt. Damals gab es acht Mitarbeiter. Seitdem haben wir unser Team mehr als verzehnfacht und aus einer Firma wurden fünf.“

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Anfangs gehörten nur norddeutsche Bauern zum Kundenkreis. Doch inzwischen hat sich der Kernbereich der Firma, die Kälberhaltung und -fütterung, zu einem internationalen Geschäftsfeld entwickelt. Entsprechend flexibel und spezialisiert müssen die Mitarbeiter auf die unterschiedlichen Kundenwünsche und Bedingungen reagieren: auf Stromspannung, Klimabedingungen, regionale Haltungs- und Futterstrategien, auf Sprachen und rechtliche Belange. Um die vielfältigen Bedürfnisse der Kunden zu erfragen, sind ständig Außendienstmitarbeiter unterwegs. Sie sammeln Informationen, mit denen später jedes Gerät individuell nach Kundenwunsch hergestellt werden kann.

Spezialisierungen führen manchmal dazu, dass sich Mitarbeiter nur selten sehen und kaum noch miteinander reden. Die Themen im Job sind zu verschieden. Gesa Holm, die den Firmenalltag vor allem aus der Organisation im Büro verfolgt, bedauert das: „Wir wünschen uns mehr Transparenz zwischen den Abteilungen und damit einhergehend geht es darum, die Kommunikation zu verstärken.“

Idee hinter der Begegnung zwischen Unternehmen und Künstlerinnen
Bei Holm & Laue sollten die innovativen technischen Geräte für die Kälberaufzucht Ausgangspunkt für die neuartige „Künstlerische Intervention“ sein. Milch-Taxi, Kälbergarten, Iglu-Veranda und ComfortZone: Die kreativen Produktnamen ließen auch kreatives Potential bei den Mitarbeitern vermuten.

Die Künstlerinnen Dany Heck (l.) und Christiane Limper

Die Künstlerinnen Dany Heck (l.) und Christiane Limper© Dany Heck

Die beiden norddeutschen Künstlerinnen Dany Heck und Christiane Limper waren sofort überzeugt, dass sie darüber einen Draht zum Team herstellen könnten. Sie wälzten Produkt-Kataloge und überlegten, welches der vielen Spezialutensilien sie als geeignetes „Kontaktinstrument“ im Unternehmen nutzen könnten. Ihre Wahl fiel auf ein Kälber-Iglu. Was das genau ist, mussten sie erst mal recherchieren. Ein Kälber-Iglu ist eine robuste, wetterfeste Schutzhütte für mehrere Kälber, um sie im Freien aufzuziehen. Der Vorteil: An der frischen Luft sind die Kälber Krankheitserregern viel weniger ausgesetzt als in geschlossenen Räumen. Das Iglu steht direkt auf der Wiese, der Eingang ist offen und kann gegen die Witterung ausgerichtet werden.

Impulse und Inspirationen für Mitarbeiter und Künstlerinnen
In Absprache mit der Geschäftsführung richteten die beiden Künstlerinnen für fünf Wochen im Unternehmen ein Künstlerbüro ein. Von dort aus besuchten sie 50 Mitarbeiter in ihren Abteilungen, stellten unbefangen und humorvoll verstörende Fragen: Wohin reisen Sie mit dem Milchtaxi? Warum würde es ein Kalb in Ihrer Abteilung gut haben? Mit der Zeit wurden die Fragen alltagstauglich: Was trägt dazu bei, dass sich die Kälber wohlfühlen? Was brauchen Sie selbst als Mensch, um sich wohlzufühlen?

Die beiden Frauen durchmischten in wechselnden Teams alle Mitarbeiter, von denen viele während der Arbeitzeit wenig Kontakt miteinander hatten. Gemeinsam mit ihnen gestalteten sie schließlich das Kälber-Iglu auf witzige Weise zur Wohlfühlzone für Menschen um. Genau genommen war das künstlerische Endprodukt gar nicht so wichtig. Im Fokus standen die Kommunikation, das Austauschen von Erfahrungen, das Reden über Aufgaben und Arbeitsabläufe im Unternehmen, von Erlebnissen am Arbeitsplatz.

Die Mitarbeiter berichteten von ihren Problemen im Arbeitsalltag, die ohne ein Kälber-Iglu wohl nie zur Sprache gekommen wären. Und sie sagten sich auch gegenseitig die Meinung. „Jetzt wissen wir, wo die Kollegen der Schuh drückt“, kommentiert Vertriebsleiter Holger Kruse den Erfolg der „Künstlerischen Intervention“ im Unternehmen. Um sich mit seinem Unternehmen identifizieren zu können, muss man sich erst mal darüber austauschen und wissen, wie es funktioniert, was die Menschen und Abteilungen leisten. Das Kälber-Iglu hat die Leute über die Arbeitsthemen hinaus miteinander ins Gespräch gebracht. Das Künstlerinnen-Büro wurde als gemeinsame Plattform genutzt, um Kritik und Verbesserungsvorschläge auszutauschen.

Irritationen
Zwei Künstlerinnen kommen ins Unternehmen??! Die Skepsis war groß unter den Mitarbeitern. Hatten sie denn nicht schon genug zu tun? Wie und warum sollten sie sich während der Arbeitszeit auch noch mit Künstlern herumschlagen, die ihnen merkwürdige Fragen stellen würden. Ein Kälber-Iglu als Wohlfühlzone für Menschen? Das Team von Holm & Laue plagte viele Fragen: Landwirtschaft, Kälberaufzucht und Technik auf der einen Seite, auf der anderen die fremde Welt der „Schönen Künste“: Wie soll das zusammengehen? Würde man sich überhaupt etwas zu sagen haben?

Gesa Holm erzählt, dass sie anfangs schon Überzeugungsarbeit bei den Kollegen leisten musste: „Wir sind ein innovatives Unternehmen mit neugierigen Menschen. Unsere Mitarbeiter sollen spüren, dass uns das Thema so wichtig ist, dass wir nicht nur mit herkömmlichen Methoden Lösungen erarbeiten wollen.“

Die Aufbauarbeiten rund um den Iglu

Die Aufbauarbeiten rund um den Iglu© Dany Heck

Die Flensburger Künstlerinnen fühlten sich persönlich herausgefordert, gerade jene Menschen zu packen, die sich normalerweise nicht mit Kunst beschäftigen: „Kunst ist Kommunikation, sie braucht den Menschen und sucht die Auseinandersetzung“, sagt Christiane Limper. Und tatsächlich ist ihr und ihrer Kollegin das scheinbar Unmögliche gelungen: Sie haben das Kälberaufzuchtsteam bei Holm & Laue in die Welt der Kunst entführt und mit ihrer Begeisterung angesteckt. So sehr, dass viele Mitarbeiter das Kälber- Iglu auch noch in ihrer Freizeit weiter gestalteten, Materialien und Einrichtungsgegenstände aus dem eigenen Haushalt aufstöberten und Transporte gemeinsam organisierten.

Intentionen und Meinungen
Projektbegleiterin Lena Mäusezahl vom EU-geförderten Projekt „Unternehmen! KulturWirtschaft“ am Nordkolleg Rendsburg weiß, dass Unternehmer Courage brauchen, eine „Künstlerische Intervention“ zuzulassen. Und Innovationsgeist, wenn sie die daraus gewonnenen Erkenntnisse später in den Unternehmensalltag einfließen lassen wollen: „Es gibt wohl kaum eine Firma, in der es nirgendwo hakt“, meint Mäusezahl. „Unsere teilnehmenden Unternehmen aber haben den Mut, ihre Themen offen anzusprechen. Mehr noch: Sie wollen ihren Problemen aktiv entgegenwirken und zwar auf innovative Weise mit künstlerischen Mitteln.“

Nachhaltigkeit
Nach der Umgestaltung des Kälber-Iglus zur Wohlfühlzone hat Holm & Laue das Objekt versteigert. Den Erlös stiftete das Unternehmen an die Waldkindertagesstätte und den Kinderschutzbund in Rendsburg. Das Iglu ist Geschichte, doch die Mitarbeiter sind miteinander im Gespräch geblieben. Die Erkenntnisse aus den Frageprozessen sind in den Arbeitsalltag eingeflossen und haben das Zusammengehörigkeitsgefühl im Unternehmen gestärkt.

Was die künstlerische Intervention an weiteren Nebeneffekten gebracht hat, ermittelt das Forscherteam um Ariane Berthoin Antal und Anke Strauß vom Wissenschaftszentrum Berlin für Sozialforschung. Sie evaluieren die Erfolge der künstlerischen Interventionen durch langfristige Befragungen.

 
Quellen:

 
 

In meiner Blog-Reihe „Kreativität für Wirtschaft“ stelle ich Ihnen Best-Practice-Beispiele für „Künstlerische Interventionen“ zwischen Unternehmern und Kreativschaffenden vor. In der 3. Folge geht es ausführlich um die Akteure, die hinter den „Künstlerischen Interventionen“ in Schleswig-Holstein stehen, die zwischen Unternehmen und Künstlern vermitteln und die Prozesse wissenschaftlich begleiten.

 
Hier finden Sie die erste Folge der Serie: Kreative Querdenker: Diese Vorteile haben Künstler als Unternehmensberater

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