• Lösungen für die demografischen Sorgen des Mittelstands

    Mittelständischen Unternehmen fällt es immer schwerer, Personal zu finden. Die Belegschaften gehen dem Rentenalter entgegen. Viele Schulabgänger beherrschen dagegen kaum noch einfache Fertigkeiten. Wie Unternehmer alte Kollegen fit halten und junge an den Betrieb binden.

    Dass sich etwas ändern musste, bemerkte Holger te Heesen, weil sich immer mehr Angestelle krank meldeten. Der Geschäftsführer des Spediteurs ABC-Logistik aus Düsseldorf, Chef von rund 300 Mitarbeitern, fragte in der Belegschaft herum: “Wir wissen nicht, wo wir stehen”, bekam er zu hören. Oder “Ist doch alles Mist”. Die Unzufriedenheit war groß. Anfang 2012 wendete sich der Logistiker an den Unternehmensberater Hans-Jürgen Dorr. Gemeinsam hörten sie der Belegschaft zu.

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    Sie gaben Fragebögen aus, stellten fest, dass sich vor allem ältere Kollegen häufig überfordert in ihren Positionen fühlten und gerne ein paar Arbeiten weniger auf ihrer Aufgabenliste hätten. Jüngere dagegen suchten die Herausforderung und würden gerne Aufgaben der Älteren übernehmen. Ihre Chance bekamen viele junge Kollegen. “Es macht bei älteren Mitarbeitern einfach keinen Sinn, sie morgens um zwei Uhr in die Frühschicht kommen zu lassen”, lernte Holger te Heesen etwa. “Da muss man Rücksicht nehmen. Diese Mitarbeiter arbeiten in der Regel nur noch zwischen sieben und 18 Uhr.”

    Was Obst und Wasser bringen

    Der Unternehmer führte regelmäßige Gesundheitschecks ein, stellt seinen Angestellten Obst und Mineralwasser gratis in den Pausenraum, ließ einen Kicker aufbauen. 30 Mitarbeiter absolvierten einen Nichtraucherkurs auf Kosten der Firma – per Akkupunktur. Immerhin fünf haben die Zigaretten aufgegeben.

    Den Mittelständler hat die demografische Entwicklung eingeholt. Die Belegschaften werden immer älter. Und weil die Geburtenraten sinken, ist es zunehmend schwierig, Nachwuchs zu finden, sagt Andreas Bendig, ein auf die alternde Gesellschaft spezialisierter Unternehmensberater. “Wenn ich Unternehmer nach dem demografischen Wandel frage, sagen viele, dass sie ihre Ausbildungsstellen noch besetzt bekommen”, berichtet Bendig. “Wenn ich dann aber nachfrage, ob es in den vergangenen Jahren nicht weniger Bewerbungen gab, kommen die Verantwortlichen ins Grübeln.”

    ABC Logistik steht mit einem Altersschnitt von 38 Jahren noch gut da. Doch der gute Durchschnitt kommt daher, dass es viele sehr junge und auf der anderen Seite viele alte Mitarbeiter gibt. Es ist noch nicht lange her, dass ein 72-Jähriger das Lager leitete – es fand sich kein Nachfolger, deshalb arbeitete der Lagerleiter weit über das Renteneintrittsalter hinaus. Inzwischen lässt te Heesen seine Leute gern in Zweierteams arbeiten: Ein Älterer und ein jüngerer Kollege sollen voneinander lernen. Mit Computern kennen sich die Jungen etwa oft besser aus – die Alten haben dafür mehr Erfahrung. Von ihnen können sie Kompetenzen lernen, die sich die alten Mitarbeiter im Laufe der Jahre angeeignet haben: etwa Verantwortungsbewusstsein und Urteilsfähigkeit. “Die können auch ruhig mal aneinandergeraten”, sagt te Heesen. “Das gehört dazu und hilft beiden, sich gegenseitig zu respektieren.”

    Schulabgänger mit Wissenslücken

    Damit löst Holger te Heesen indes nicht das Problem, dass er immer weniger und auch schlechtere Bewerber bekommt. Laut Bildungsbericht 2010 der Bundesregierung bringt bis zu jeder zweite Schulabgänger keine ausreichenden Vorkenntnisse für eine Berufsausbildung mit. Vielen Bewerbern fallen schon Grundrechenarten und Rechtschreibung schwer, sagt te Heesen. “Ein gewisses Minimum an Bildung ist aber erforderlich.” Als Dienstleistungsunternehmen sei ABC Logistik stark vom Telefon abhängig. “Unsere Mitarbeiter sprechen permanent mit Lieferanten und Kunden.” Deshalb müssen Ausbildungssuchende bei ABC-Logistik einen schriftlichen Test bestehen. “Der wird teilweise grauenhaft beantwortet. Um es überspitzt zu sagen: Dass wir in Düsseldorf am Rhein sind weiß jeder, aber dass Köln auch am Rhein liegt – damit tut man sich hier schon schwer. Wer die Bundeskanzlerin ist, kriegen sie mittlerweile alle hin. Das sah vor zwei Jahren aber noch anders aus.“ In Zukunft will sich das Unternehmen deshalb verstärkt auf Abiturienten konzentrieren. Wer die Stelle bei ABC-Logistik bekommt, wird während seiner Ausbildungszeit auch einmal die Woche im Betrieb unterrichtet.

    Unternehmensberater Bendig sieht noch einen Faktor, der es mittelständischen Betrieben schwer macht, geeigneten Nachwuchs zu finden: Die Konkurrenz durch Konzerne. Höheres Gehalt, bessere Aufstiegschancen, Geschäftsreisen ins Ausland und ein Firmensitz, der oft in einer großen Stadt liegt: Alles Gründe, deretwegen viele Arbeitnehmer versuchen, in einem Großunternehmen Fuß zu fassen.

    Hilfsmittel zur Verringerung der körperlichen Belastung

    Und so versuchen Unternehmer, ihre Mitarbeiter so lange wie möglich gesund und fit zu halten, möglichst ohne Rücken- oder Gelenkschmerzen. Damit Angestellte im Büro nicht acht Stunden lang sitzen müssen, werden Schreibtische angeschafft, die sich so einstellen lassen, dass die Angestellten auch im Stehen arbeiten können. In Hallen werden Holzböden ausgelegt, sodass niemand über harten Betonboden gehen muss und sich damit über die Jahre die Kniegelenke kaputt macht. Wo schwere körperliche Arbeit Alltag ist, helfen Hebehilfen wie Sackkarren oder Tragegurte, den Körper zu schützen. Mit diesen Gurten wird die Last gleichmäßig auf beide Schultern verteilt und die Arme werden entlastet. Gegen Burn-Out sollen Stressbewältigungskurse helfen.

    Um junge Mitarbeiter an den Betrieb zu binden, gibt es seit Anfang 2012 ein neues System, um im Betrieb aufzusteigen. Wer nach der Ausbildung bleibt oder nach dem Studium wiederkommt, wird zunächst Sachbearbeiter in einer Abteilung. Je nachdem, wie gut er sich schlägt, wird er nach zwei oder drei Jahren Bereichsleiter. Bewährt er sich auch da, kann er nach einer gewissen Zeit zum Abteilungsleiter aufsteigen. Über diesen stehen nur noch die Prokuristen und der Geschäftsführer. “Das motiviert die Belegschaft unglaublich”, sagt Holger te Heesen. Und tatsächlich scheinen die Mitarbeiter all die Veränderungen dankend anzunehmen: Die Krankheitsquote ist mittlerweile von drei auf unter ein Prozent gesunken.

    • Quelle: impulse.de
    • Copyright: impulse.de

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