Management Modist statt Mützenmacher: Wie sich die Ausbildungswelt verändert

Der Modist Michael Merten (l.), die Hutmacherin Birgit Sophie Metzger und ihre Auszubildende Vanessa Kleemann (r.) vor ihrem Geschäft im baden-württembergischen Esslingen.

Der Modist Michael Merten (l.), die Hutmacherin Birgit Sophie Metzger und ihre Auszubildende Vanessa Kleemann (r.) vor ihrem Geschäft im baden-württembergischen Esslingen.© dpa/picture-allaince

Wenn kommende Woche das Ausbildungsjahr startet, dürfte es in manchen Branchen Stirnrunzeln geben. Denn während sich einige vor Bewerbern kaum retten können, ringen andere verzweifelt um Azubis. Um potenziellen Nachwuchs zu locken, werden Berufe sogar umbenannt.

Modist – irgendetwas sagte ihr dieser Begriff. Zuordnen konnte Vanessa Kleemann ihn zunächst aber nicht. „Bis ich mich erinnerte, dass meine Oma auch Modistin und sogar Meisterin war“, sagt die 21-Jährige. Nun lernt sie selbst, Hüte zu fertigen. In der Altstadt von Esslingen, in einem kleinen Geschäft voller bunter, eleganter Kopfbedeckungen, macht Kleemann ihre Ausbildung. Und schaut sich Kniffe von Chefin Birgit Sophie Metzger und ihrem Kollegen Michael Merten ab, der hier selbst bis vor gut einem Jahr lernte.

„Ich habe irgendwann gemerkt, dass ich kreativ arbeiten will“, sagt Merten. Der 31-Jährige arbeitet nicht nur in einem Nischenberuf, sondern ist als männlicher Modist auch eine absolute Ausnahme. Präzise gefertigten Kopfschmuck aus Federn herzustellen, sich interessante Hutformen auszudenken und ausgefallene Materialien wie Barschleder zu verwenden – das will Merten auch in Zukunft machen. „Manchmal kommen die Ideen nachts“, sagt er und erinnert sich an verrückte, die einen Hut in Form eines Luftschlosses hervorbrachten. Es ist die Gestaltungsfreiheit, die ihm so gefällt.

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Hufschmiede und Bogenmacher: Wohin geht die Zukunft?

Auf die legt Modistin Metzger Wert, gerade, weil sich die Anforderungen an ihr Handwerk verändert haben. „Früher hat jeder Hut getragen“, sagt sie. Zwar sei das wieder modern – aber der Markt überschwemmt von Billigproduktionen. Metzger hat ihre Stammkunden, die von überall herkommen.

Hutmacher ist eines der Handwerke, die nur noch von wenigen ausgeübt werden – wie auch Hufschmied, Buchbinder oder Bogenmacher. Die Gründe dafür sind dem Handwerkskammertag zufolge verschieden: Die Nachfrage ist gering, das ursprüngliche Berufsbild ist in einem anderen aufgegangen – oder der Nachwuchs fehlt.

Extreme Unterschiede zwischen den Branchen

Und was den Nachwuchs angeht, könnte die Lage auf dem Arbeitsmarkt kurz vorm Start des neuen Ausbildungsjahres kommende Woche nicht unterschiedlicher sein. Neue Auszubildende zu finden, damit haben die rund 30 selbstständigen Modisten in Baden-Württemberg wie Birgit Sophie Metzger keine Probleme.

Kein Wunder – es gibt ohnehin nur wenige Stellen: 2012 wurden dem Bundesinstitut für Berufsausbildung (BIBB) zufolge nur drei Frauen zur Modistin ausgebildet. „Es gibt hoch spezialisierte Berufe, bei denen man die Nachfrage gar nicht decken kann“, sagt Andreas Pieper vom BIBB. „In anderen Berufen dagegen ist die Zeit der besten Auslese vorbei.“ Besonders im Lebensmittelhandwerk wie in Bäckereien und Metzgereien fehlen Auszubildende – auch im Bau ist es schwer, geeigneten Nachwuchs zu finden.

Negativrekord bei neuen Lehrverträgen

2013 hatten schmale Jahrgänge und die verstärkte Studienneigung der Schulabgänger insgesamt zu Negativrekorden bei neuen Lehrverträgen und der Gesamtzahl der Auszubildenden geführt. Nur noch 525.300 junge Menschen wählten 2013 den Weg über Betrieb und Berufsschule in den Beruf, weit über 100.000 weniger als im gesamtdeutschen Rekordjahr 1999.

Um mehr Bewerber anzuziehen, werden Ausbildungsberufe immer wieder umbenannt. So kann es passieren, dass ein Beruf verschwindet – scheinbar, denn eigentlich heißt er nur anders. So wurde der Drucker zum Medientechnologen, der technische Zeichner zum technischen Produktdesigner und was früher ein Teilezurichter machte, übernimmt heute die Fachkraft für Metalltechnik, wie eine Sprecherin der
Industrie- und Handelskammer (IHK) in Stuttgart sagt.

Frischekur für Ausbildungsberufe

Und auch bei den Modisten hat es eine Veränderung gegeben: Fertigten diese vormals ausschließlich Damenhüte, wurde der Beruf 2004 mit den Hut- und Mützenmachern, die vor allem Kopfbedeckungen für Männer herstellten, unter dem Begriff Modist zusammengefasst.

„Die Arbeitswelten verändern sich“, sagt Pieper. Ausbildungsordnungen müssten modernisiert werden, damit die Azubis den wirtschaftlichen, technologischen und gesellschaftlichen Anforderungen der Zukunft gewachsen sind. Für das neue Ausbildungsjahr modernisierte das BIBB 9 der 328 Ausbildungsberufe. Nun kann man auch Süßwarentechnologe oder Fachkraft für Speiseeis werden – nicht aber mehr Fachkraft für Süßwarentechnik oder Speiseeishersteller.

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