• Nachfolge? Nein danke

    Seit 2003 messen Forscher aus St. Gallen weltweit die Bereitschaft von Unternehmerkindern, den Betrieb ihrer Eltern zu übernehmen. Jetzt haben sie erstmals das familiäre und gesellschaftliche Umfeld miteinbezogen.

    Mammutprojekt – selten passt der Begriff so gut wie beim Forschungsprojekt GUESSS der Hochschule St. Gallen. Die Buchstaben stehen für Global University Entrepreneurial Spirit Students` Survey.So umständlich der Name auch sein mag, so groß ist der Anspruch der Schweizer Wissenschaftler. Ihr Ziel: empirisch zu bestimmen, was den Nachwuchs dazu bringt, das Unternehmen der Eltern zu übernehmen – oder eben nicht. Das Projekt läuft seit 2003, doch die fünfte Erhebung, die 2011 stattfand und nun von den St. Gallener Forschern Thomas Zellweger und Philipp Sieger in Kooperation mit der Beratungsgesellschaft Ernst & Young ausgewertet wurde, sprengt jeden bisherigen Rahmen: Mehr als 1,3 Millionen Studenten an fast 500 Universitäten in 26 Ländern erhielten den Fragebogen. Über 93.000 Antworten kamen zurück. Nachdem alle Befragten aussortiert waren, deren Eltern keinen eigenen Betrieb führen, verblieben 28.105 auszuwertende Antworten – ein immenser Datensatz.

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    Bereits die Analyse der Erhebungswelle aus dem Jahr 2008 brachte wichtige Ergebnisse für die Nachfolgeforschung: Lediglich jeder zehnte befragte Firmenerbe plante, den elterlichen Betrieb fortzuführen; mehr als die Hälfte strebten eine Festanstellung an (“Eine Frage der Freiheit”, impulse Wissen, Sommer 2011). Für ein Land, das wie Deutschland händeringend Unternehmensnachfolger sucht, eine katastrophale Nachricht. Doch die neuen Zahlen zeigen: Die Lage hat sich eher noch verschlimmert.

    Abstract
    Nur eine Minderheit der Studenten aus Unternehmerfamilien möchte den elterlichen Betrieb später übernehmen, und zwar weltweit. Der internationale Vergleich der Nachfolgeabsichten zeigt: In entwickelten Ländern, die von Wohlstand und Individualismus geprägt sind, ist eine Unternehmensnachfolge weit weniger attraktiv als in weniger entwickelten Ländern.

    Bereits die Analyse der Erhebungswelle aus dem Jahr 2008 brachte wichtige Ergebnisse für die Nachfolgeforschung: Lediglich jeder zehnte befragte Firmenerbe plante, den elterlichen Betrieb fortzuführen; mehr als die Hälfte strebten eine Festanstellung an (“Eine Frage der Freiheit”, impulse Wissen, Sommer 2011). Für ein Land, das wie Deutschland händeringend Unternehmensnachfolger sucht, eine katastrophale Nachricht. Doch die neuen Zahlen zeigen: Die Lage hat sich eher noch verschlimmert.

    Von den in Deutschland befragten Studenten aus Unternehmerfamilien planen nur vier Prozent, den elterlichen Betrieb direkt nach dem Studium zu übernehmen. Sieben Prozent wollen selbst gründen, und 76 Prozent bevorzugen eine Position als Angestellter. Fünf Jahre nach Ende des Studiums sieht das Bild etwas freundlicher aus: Zu diesem Zeitpunkt wollen immerhin 13 Prozent der Befragten Nachfolger werden, 29 Prozent wollen selbst gründen, und 44 Prozent streben eine Anstellung an.

    Die eigentliche Leistung der aktuellen GUESSS-Studie besteht aber darin, dass sie die Nachfolgebereitschaft auf breiter empirischer Basis international vergleichbar macht. Dazu haben die Forscher einen Nachfolgeindex für jedes der untersuchten 26 Länder entwickelt. Das Ergebnis: Die Absicht, den Eltern als Unternehmer nachzufolgen, ist sehr unterschiedlich ausgeprägt (Grafik rechte Seite).

    Das Umfeld der Nachfolger

    Mehr noch: Die Forscher untersuchen, wie familiäre und gesellschaftliche Umstände die Berufswahl beeinflussen. So zeigen sie etwa, dass die Reaktion der Eltern auf den Berufswunsch der Kinder ebenso mitentscheidend ist wie das Gewicht, das die Kinder der Meinung ihrer Eltern überhaupt zumessen (Grafik Seite 45 unten). Sie analysieren zudem, wie gesellschaftliche Faktoren wie der Grad des Individualismus oder der jeweilige Reichtum eines Landes sich auf die Nachfolgebereitschaft auswirken (Grafiken Seite 46). Und sie betrachten, wie unterschiedlich die erwarteten “Familiennachlässe” in den verschiedenen Ländern sind.

    Das Fazit der Forscher nach all den Analysen: “Es ist alles andere als sicher, dass die Kinder die Firma eines Tages übernehmen. Familieninterne Nachfolge verliert weiter an Relevanz, vor allem in entwickelten Ländern.”

    Große Unterschiede

    Um die Nachfolgebereitschaft international vergleichen zu können, entwickelten die Forscher einen Nachfolgeindex. Sie teilten die Studenten in acht Gruppen ein, je nachdem wie intensiv über Nachfolge nachgedacht wird oder diese schon vollzogen wurde. Jeder Student bekam einen Wert zugewiesen, von null für “Niemals” bis sieben für “Ich halte bereits die Mehrheit am Betrieb meiner Eltern”. So ließ sich für jedes der 26 untersuchten Länder ein Mittelwert bilden. Der Vergleich dieser Nachfolgeindizes zeigt große Unterschiede. Am höchsten ist die Nachfolgebereitschaft in Liechtenstein, Argentinien, Russland und Mexiko, am niedrigsten in den Niederlanden, in Finnland, Frankreich und Belgien. Deutschland belegt einen Platz im unteren Mittelfeld und liegt damit unter dem Durchschnitt aller Länder.

    Nachfolgeindex in den Ländern der GUESSS-Studie 2011

    Eine Frage der Entwicklung

    Welche Rolle spielt das familiäre Umfeld für die Karriereabsichten von Unternehmerkindern? Um das zu beantworten, fragten die Forscher danach, wie die Eltern darauf reagieren, wenn die Kinder eine Unternehmerlaufbahn anstreben. Außerdem wollten sie wissen, wie wichtig den potenziellen Nachfolgern die Meinung der Eltern ist. Beide Faktoren zusammen zeigen, dass vor allem hoch entwickelte Länder keinen “besonders fruchtbaren Boden für familiäre Nachfolge bieten” (Quadrant unten links): In Deutschland, Österreich oder der Schweiz etwa ist die Reaktion der Eltern weniger positiv, die Meinung der Eltern ist den Kindern zugleich weniger wichtig als im Durchschnitt. Das Gegenteil gilt für weniger entwickelte Länder wie Südafrika, Rumänien oder Brasilien. Hier reagieren Eltern überdurchschnittlich positiv, diese Meinung ist den Kindern zugleich überdurchschnittlich wichtig (Quadrant oben rechts).

    Gründungsmut

    Forscher betrachten auch das gesellschaftliche Umfeld, in dem Nachfolgeabsichten entstehen. Dazu bedienen sie sich einer kulturwissenschaftlichen Individualismusskala des niederländischen Sozialpsychologen Geert Hofstede. Stellt man dem jeweiligen Individualismusgrad die Nachfolgeindizes der einzelnen Länder gegenüber, zeigt sich: Je individualistischer eine Gesellschaft, desto weniger bevorzugen Studenten aus Unternehmerfamilien die Nachfolge. Die vergleichsweise lockere familiäre Bindung und die große Bedeutung von Unabhängigkeit führten in individualistischen Gesellschaften dazu, dass die Übernahme des elterlichen Betriebs unattraktiver werde, schreiben die Forscher. “Hier bevorzugen es die Befragten oft, ein eigenes Unternehmen zu gründen.”

    Erfolgshunger

    Auch der Wohlstand eines Landes hat Einfluss auf die Nachfolgebereitschaft. Die Forscher unterscheiden zwischen Nachfolge als Notwendigkeit (Necessity- Succession) und Gelegenheit (Opportunity-Succession): “In armen Ländern ist der Nachfolgeindex hoch, weil Studenten keine vernünftige Alternative auf dem regulären Arbeitsmarkt haben”, schreiben sie. Wird die Nachfolge zu einer Option unter vielen, sinkt der Nachfolgeindex. Erst in sehr wohlhabenden Ländern steigt er wieder. Die Forscher sehen einen “u-förmigen Zusammenhang zwischen Bruttoinlandsprodukt pro Kopf und Nachfolgeabsichten”.

    Es bleibt in der Familie

    Eine Firma zu übernehmen ist auch eine Frage des Geldes. Deswegen wollten die Forscher wissen, von welchem Kaufpreis für die elterliche Firma die studierenden Unternehmerkinder ausgehen. Sie fragten die Studenten, die eine Nachfolge anstreben: “Angenommen ein familienfremder Käufer müsste eine Summe von 100 für sämtliche Anteile am Familienunternehmen zahlen, wie viel müssten Sie zahlen?” Das Ergebnis: Im Durchschnitt rechnen die potenziellen Nachfolger mit einem Abschlag von 57,06 Prozent auf den Firmenwert. Doch zwischen den einzelnen Ländern gibt es große Unterschiede. Während Nachfolger in Brasilien, Finnland, Pakistan und Griechenland von einem unterdurchschnittlichen Family-Discount ausgehen, erwarten Studenten in Japan, Belgien und Großbritannien A bschläge von über 80 Prozent. Sie rechnen also damit, den elterlichen Betrieb für weniger als ein Fünftel des Wertes zu übernehmen. Dass das nicht bloßes Wunschdenken ist, zeigt der Vergleich mit realen Werten: Diejenigen, die bereits übernahmen, erhielten von den Eltern im Durchschnitt einen Abschlag von 55 Prozent.

    Literatur

    Literatur
    Thomas Zellweger, Philipp Sieger, Peter Englisch: Coming Home or Breaking Free? Career choice intentions of the next generation in family businesses, Ernst & Young- Publikation, 2012. Weitere Informationen finden Sie unter www.impulse.de/impulsewissen Prof. Dr. Thomas Zellweger ist Professor für Family Business an der Universität St. Gallen und Managing Director des Center for Family Business (CFB-HSG).
    Dr. Philipp Sieger ist Assistenzprofessor für Family Business am CFB-HSG und verantwortet dort das Forschungsprojekt GUESSS , auf dem die Nachfolgestudie basiert.
    Peter Englisch ist Partner bei der Prüf- und Beratungsgesellschaft Ernst & Young und Direktor des Ernst & Young Family Business Center of Excellence.

    • Quelle: impulse
    • Copyright: impulse
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