Management Open-Book-Management: „Wer die Business-Droge einmal genommen hat, kommt nicht mehr von ihr los“

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Der Besprechungsraum von Tasty Catering: An der Wand hängen Tafeln, an denen die Mitarbeiter ihre Zahlen eintragen.

Der Besprechungsraum von Tasty Catering: An der Wand hängen Tafeln, an denen die Mitarbeiter ihre Zahlen eintragen.© impulse

Alle Geschäftszahlen für jeden Mitarbeiter jederzeit einsehbar - in Deutschland fast undenkbar, in vielen US-Unternehmen Teil der Firmenkultur. Tom Walter, Chef von Tasty Catering im Nordwesten Chicagos, erklärt, wie das sogenannte Open-Book-Management seine Firma grundlegend verändert hat.

Tag 3 der impulse-Unternehmerreise: Mit jedem Tag kommt auf der Suche nach einer gelungenen Firmenkultur ein neues Puzzle-Teil dazu, dieses Mal das „Great Game of Business“ – ein Managementansatz, der vor mehr als 20 Jahren von dem US-Unternehmer Jack Stack entwickelt wurde, als er zusammen mit seinem Team einen Maschinenbauer aus der Insolvenz rettete.

Um die Wende zu schaffen, legte Jack Stack damals die internen Zahlen offen. Er tat alles dafür, dass seine Mitarbeiter das Geschäftsmodell, die Kosten- und Umsatztreiber, verstanden. Auch verpflichtete er sich, sie an künftigen Gewinnen zu beteiligen. Sein Kalkül ging auf: Die Mitarbeiter fingen an, selbst unternehmerisch zu denken und zu handeln – mit der Konsequenz, dass die Firma schnell in die Gewinnzone zurückkehrte. Mit einem Mal hing der Erfolg nicht mehr allein am Unternehmer, das gesamte Team sorgte dafür, dass Kosten niedrig gehalten und neue Chancen ergriffen wurden.

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Eines der Unternehmen, das diesen Ansatz seit Jahren mit großem Erfolg praktiziert, ist Tasty Catering, ein Caterer für Geschäftskunden im Westen Chicagos. Von außen ist das Gebäude unscheinbar, wer hineintritt, blickt erst einmal auf Dutzende Auszeichnungen, mit denen das Unternehmen in den vergangenen Jahren geehrt wurde, unter anderem mit dem Preis für den „psychologisch gesundesten Arbeitsplatz“, verliehen von der Vereinigung der amerikanischen Psychologen.

Entweder Du änderst Dich – oder wir gehen!

Lange war Gründer Tom Walter ein konventioneller Chef, der bestimmte, wo es langging – und sich regelmäßig mit seinen beiden Brüdern, die ebenfalls in der Firma arbeiteten, in die Haare bekam. „Wir hinterließen Schlachtfelder“, gibt Tom Walter heute freimütig zu. 2006 wurde er von seinen beiden besten Mitarbeitern vor die Wahl gestellt: Entweder Du änderst Dich – oder wir gehen! Er änderte sich.

Von da an wurde ein Wandel angestoßen, der die gesamte Firma auf den Kopf stellte. Das Team verständigte sich auf einen Wertekanon, der jeder Entscheidung zugrunde liegen sollte, gab sich gemeinsame Ziele, entwickelte einen detaillierten Weiterbildungsplan für jeden Angestellten – und startete das „Great Game of Business“.

Open-Book-Management ist wie eine Droge, sagt Tom Walter (l.)

Open-Book-Management ist wie eine Droge, sagt Tom Walter (l.)© impulse

In einem großen, hell ausgeleuchteten Saal, in dem die Mitarbeiter mittags zusammen essen, hängen große Tafeln an der Wand – mit sämtlichen Zahlen aus allen Abteilungen. Jeden Mittwochmittag kommt das Team hier zusammen und trägt handschriftlich neue Zahlen ein, und zwar möglichst präzise Prognosen der kommenden Wochen, keine Zahlen der Vergangenheit. „Zukünftige Zahlen kann man noch beeinflussen, vergangene nicht“, sagt Toms Walters Bruder Kevin, der sich auf Open-Book-Management spezialisiert hat und inzwischen auch andere Firmen berät.

Es sind nicht nur einzelne Führungskräfte, die gefordert sind, viele Mitarbeiter tragen die Verantwortung für Teilbereiche – und tragen entsprechend Zahlen ein, etwa über die erwarteten Benzinkosten, Marketingausgaben oder die Summe der Gehälter. Wenn die Gewinnmarge eine bestimmte Schwelle überschreitet – nämlich 5 Prozent – fließen die ersten Bonuszahlungen, und zwar nach jedem Quartal, nicht erst nach Jahresende. Und wer Ideen hat, wie sich der Gewinn weiter steigern lässt, profitiert auch entsprechend davon. „Es ist wie eine Business-Droge“, sagt Kevin Walter. „Wer sie einmal genommen hat, kommt nicht mehr von ihr los.“

Am Ende des Besuchs gaben Tom und Kevin Walter den Besuchern aus Deutschland und Österreich Kopien sämtlicher interner Kennzahlen mit – als Anschauungsmaterial für Open-Book-Management. „Ich kann mich nicht daran erinnern, so etwas in Deutschland schon einmal erlebt zu haben“, sagte ein Teilnehmer. „Das wäre undenkbar!“

 
 

 
Verlagshinweis: impulse-Unternehmerreisen
 

 
Von den Besten Lernen: Was macht herausragende Unternehmen aus? Nicht die Größe, auch nicht allein die Qualität der Produkte. Was sie auszeichnet, ist eine Firmenkultur, in der das gesamte Team unternehmerisch denkt – und damit die Konkurrenz aussticht. impulse bietet auch im kommenden Jahr für eine begrenzte Teilnehmerzahl Unternehmerreisen in die USA an. Treffen Sie zusammen mit impulse-Chef Nikolaus Förster herausragende Unternehmer, lassen Sie sich inspirieren und holen Sie sich in Workshops konkrete Tipps, wie Sie Ihr eigenes Unternehmen weiterentwickeln können.
 
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