Alternative Führungsmodelle Soll ich mich als Chef selbst abschaffen?

Nicht nur ein neuer Anstrich an den Wänden kann Wunder wirken. Auch alternative Führungsmodelle können frischen Wind in die Firma bringen.

Nicht nur ein neuer Anstrich an den Wänden kann Wunder wirken. Auch alternative Führungsmodelle können frischen Wind in die Firma bringen.© suze / Photocase.de

Was tun, wenn es in der Firma nicht läuft? Alternative Führungsmodelle sind ein möglicher Weg aus der Krise - doch viele Unternehmer scheuen diesen radikalen Schritt. Diese Fragen machen die Entscheidung für einen Neuanfang leichter.

Aufträge gehen verloren, Kunden wechseln zur Konkurrenz, Innovationszyklen dauern länger als gewohnt oder länger als die von Mitbewerbern, Mitarbeiter kündigen vermehrt, es ist schwierig, Stellen neu zu besetzen: All das sind Signale, dass in einem Unternehmen etwas schiefläuft. Und Anlässe für Unternehmer, sich zu fragen: Muss ich etwas ändern? Sollte ich mich von klassischen Strukturen verabschieden, Führung mit meinen Mitarbeitern teilen? Immer mehr Firmen machen das vor: Sie lassen Mitarbeiter Gehalt und Urlaubstage selbst bestimmen, setzen bei der Leistungsbewertung auf ein Modell, bei dem sich die Mitarbeiter gegenseitig einschätzen, oder schaffen gleich alle Hierarchien im Unternehmen ab.

3 Fragen, die bei der Entscheidung helfen

Nicht jeder Unternehmer muss gleich sein Organigramm über den Haufen werfen, sagt Carsten Schermuly, Professor für Wirtschaftspsychologie an der SRH Hochschule Berlin. Unter Umständen könne es auch ausreichen, anders zu führen, anstatt Führung ganz abzuschaffen. Schermuly hat drei Faktoren identifiziert, die Unternehmern bei der Entscheidung helfen können, ob sie ihre Organisationsform grundsätzlich in Frage stellen sollten:

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  1. Hohe Komplexität: Unternehmer sollten sich zunächst fragen, ob die Anforderungen an ihre Mitarbeiter sehr komplex sind. Müssen sie also sehr viel Wissen einsetzen?
  2. Hoher Kreativitätsanspruch: Müssen die Mitarbeiter sehr kreativ sein, um ihre Aufgaben lösen zu können? Auf Entwickler oder Designer in einer Software-Firma mit hohem Innovationsdruck trifft das sicher zu. Ein Hersteller von Bratpfannen wird es eher verneinen.
  3. Hohe Interdependenz: Braucht es unter den Mitarbeitern viel Abstimmung? Oder kann im Prinzip jeder seinen Job allein machen?

„Wer diese drei Fragen mit Ja beantwortet, für den bietet es sich an, die Strukturen anzupassen“, sagt Schermuly.

Vorsicht vor Aktionismus!

Bei aller Begeisterung für neue, alternative Führungsmodelle: Organisationsexpertin Katharina Pötz warnt davor, die Organisation unbedacht von einem auf den anderen Tag auf den Kopf zu stellen. „Hierarchien und formellere Strukturen können zwar ihre eigenen Probleme mit sich bringen, haben aber durchaus ihren Sinn“, sagt die Wissenschaftlerin von der Universität Wien. „Sie steigern die Effizienz und senken die Koordinationskosten. Wer Führungsebenen abschafft, sollte also aufpassen, dass er nicht ganz auf Start geht und diese Vorteile wieder hergibt.“ Fehlende Hierarchieebenen müssen also anderweitig von sehr klaren Regeln und Strukturen aufgefangen werden, etwa indem die Firma in Projektzyklen arbeitet oder temporäre Führung einführt.

Und: Manch Mitarbeiter wird es als Befreiung erleben, Teil eines agilen Teams zu sein und selbstverantwortlich arbeiten zu können. Das muss aber nicht allen so gehen. „Aus der psychologischen Forschung wissen wir, dass solche Strukturen auch dazu führen können, dass Mitarbeiter verängstigt sind oder den Halt verlieren“, so Carsten Schermuly. Wenn Firmen sich von traditionellen Strukturen verabschieden wollen, sollten sie sich also vorher sehr genau überlegen, ob die Mitarbeiter dazu willens und in der Lage sind.

 


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1 Kommentar
  • BuGaSi GmbH 15. August 2017 09:12

    Alternative Führungsmodelle klingen allein deshalb schon spannend, weil sie Veränderung und fast schon zwangsläufig neue Ideen und Strukturen mit sich bringen. Es lässt sich im Vorfeld ganz hervorragend in einem guten Seminar [entfernt – bitte keine Eigenwerbung, siehe auch unsere Netikette] herausfinden wo bei wem welche Stärken und Schwächen liegen und worauf das Team wert legt, damit Abläufe gut funktionieren können. Innovation braucht aber natürlich auch immer ein bisschen Mut.

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