Ständige Erreichbarkeit Niemals wirklich Feierabend? Das hat Folgen für die Mitarbeiter

Abends schnell noch eine E-Mail beantworten: Ein Drittel der Befragten fühlt sich durch die ständige Erreichbarkeit in ihrem Familienleben gestört.

Abends schnell noch eine E-Mail beantworten: Ein Drittel der Befragten fühlt sich durch die ständige Erreichbarkeit in ihrem Familienleben gestört.© bramgino / Fotolia.com

Arbeiten können, wann und von wo aus man will - das klingt nach einer mitarbeiterfreundlichen Lösung. Zwei aktuelle Studien legen nahe: Unternehmen, die ihren Leuten zu viel Flexibilität erlauben, schaden ihnen am Ende womöglich.

Hand aufs Herz: Rufen Sie Ihre Angestellten nach Feierabend an? Natürlich nur, wenn’s wichtig ist! Und wie oft ist das der Fall? In vielen deutschen Unternehmen scheint der abendliche Anruf jedenfalls an der Tagesordnung zu sein: Bei etwa 20 Prozent der Erwerbstätigen in Deutschland klingelt mindestens einmal pro Woche nach Feierabend das Diensttelefon. In einer Befragung des Meinungsforschungsinstituts YouGov für die Nachrichtenagentur dpa gaben außerdem 28 Prozent an, das komme weniger als einmal pro Woche vor, bei 42 Prozent überhaupt nicht.

Wer seine Mitarbeiter auf diese Weise aus dem Feierabend reißt, tut sich selbst unter Umständen keinen Gefallen – weil dadurch die Motivation der eigenen Leute sinkt. Ein Drittel der Erwerbstätigen finden die Störungen im Feierabend „ein wenig belastend“, ebenfalls etwa jeder dritte Angestellte empfindet die ständige Erreichbarkeit inzwischen als „eher“ oder „sehr belastend“. Ein weiteres Drittel sieht darin kein Problem.

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Zu viel Flexibilität kann krank machen

An dem Stress durch die ständige Erreichbarkeit haben Mitarbeiter allerdings auch selbst einen Anteil: Fast jeder zweite Erwerbstätige in Deutschland schaut der Umfrage zufolge nach Feierabend in seine dienstlichen E-Mails: Insgesamt gaben 45 Prozent an, in der Regel mindestens einmal oder öfter nach Dienstschluss in ihr geschäftliches Mailpostfach zu gucken. Etwa jeder Dritte schaute sogar in seinem letzten Urlaub mindestens einmal in seine E-Mails.

Offenbar wünschen sich zwar viele Arbeitnehmer, Arbeitszeit und -ort flexibel wählen zu können. Sie unterschätzen aber die Folgen, die eine solche Flexibilität haben kann. Ständig für den Beruf auf Abruf zu stehen, kann sogar auf die Gesundheit schlagen, zu diesem Schluss kommt eine ebenfalls am Montag veröffentlichte Studie der Initiative Gesundheit und Arbeit (iga). Der iga gehören neben dem Verband der Ersatzkassen auch die Gesetzliche Unfallversicherung, der AOK-Bundesverband und der BKK Dachverband an.

Die Gedanken kreisen um die Arbeit

Etwa ein Fünftel der Befragten in der iga-Studie gaben an, in ihren Schlaf- und Erholungszeiten beeinträchtigt zu sein. Etwa ein Drittel fühlt sich im Familienleben und bei Freizeitaktivitäten unter der Woche und am Wochenende gestört. Der Anteil der Beschäftigten, die wegen der permanenten Erreichbarkeit nicht zur Ruhe kommen, sich schlecht erholen oder gedanklich von der Arbeit lösen können, sei außerdem signifikant größer als bei Berufstätigen mit klar abgegrenzter Freizeit, heißt es in der Studie.

Gut 60 Prozent der Befragten, die in der Freizeit erreichbar sind, wünscht sich deshalb gesetzliche oder betriebliche Regelungen für die Erreichbarkeit. Das Bundesarbeitsministerium hat verschiedene Beispiele zusammengetragen. So gibt es beim Mischkonzern Evonik, ebenso wie beim Autobauer Daimler Regeln für den Umgang mit E-Mails nach Feierabend. BMW bietet spezielle Schulungen für flexibles Arbeiten an.

Bei den Partnern der Berufstätigen ist der Leidensdruck der iga-Studie zufolge noch höher. Etwa 83 Prozent sind für klare Regeln, fast 70 Prozent sprachen sich dafür aus, dass die Erreichbarkeit komplett wegfällt. Schon im ersten Teil der Studie aus dem Jahr 2013, für den Experten und Firmen befragt wurden, teilten alle Experten die Einschätzung, dass negative Auswirkungen auf die Gesundheit mit ständiger Erreichbarkeit verbunden sein können.

Klare Absprachen helfen, Stress zu reduzieren

Arbeitgeber sollten klar kommunizieren, was sie in Sachen Erreichbarkeit erwarten. Denn für Stress sorgt bei den Mitarbeitern nicht so sehr das Handyklingeln, sondern eher das Warten darauf: „Schon das Wissen, dass jederzeit ein Anruf oder eine Mail kommen kann, ist eine Belastung“, erklärt Hiltraut Paridon vom Dresdener Institut für Arbeit und Gesundheit (IAG) der Deutschen Unfallversicherung, eine der Autorinnen der Studie. Klare Absprachen im Team seien daher besonders wichtig. Viele Führungskräfte erwarten eigentlich keine direkte Antwort, wenn sie am Freitag um 23 Uhr noch Nachrichten verschicken. „Das müssen sie dann aber auch in die Mail schreiben, sonst setzt es Mitarbeiter nur unter Druck.“

Besteht Handlungsbedarf?

Haben Sie das Gefühl, dass die ständige Erreichbarkeit der Mitarbeiter in Ihrem Unternehmen ein Problem ist? Dann sollten Sie die Situation im Unternehmen zunächst analysieren, um passende und effektive Maßnahmen ableiten zu können, empfiehlt die iga. Folgende Checkliste gibt die Initiative Unternehmen an die Hand:

  • Welche Personen bzw. Personengruppen sind betroffen?
  • In welchem zeitlichen Umfang ist es wirklich erforderlich, dass Mitarbeiter erreichbar sind?
  • Kommt es regelmäßig vor, dass Mitarbeiter erreichbar sein müssen und ist es damit prinzipiell planbar?
  • Unterscheidet sich die Arbeit von der regulären Arbeitszeit?
  • Gibt es Gründe seitens der Beschäftigten für eine Erreichbarkeit?
  • Wenn ja, welche sind dies?
  • Kann die zusätzliche Arbeitszeit auf die reguläre angerechnet werden?
  • Gibt es bereits Regelungen oder Absprachen für die Erreichbarkeit?

Hinweise zum weiteren Vorgehen finden Sie in der Studie ab Seite 51.

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