Azubi-Mangel So dramatisch ist die Nachwuchskrise in deutschen Unternehmen

Neue Gesichter gesucht! In deutschen Unternehmen spitzt sich der Azubi-Mangel zu  - jede dritte Ausbildungsbetrieb konnte nicht alle Plätze besetzen.

Neue Gesichter gesucht! In deutschen Unternehmen spitzt sich der Azubi-Mangel zu - jede dritte Ausbildungsbetrieb konnte nicht alle Plätze besetzen.© sör alex / photocase.de

Viele Firmen wollen ausbilden, suchen händeringend geeignete Bewerber, finden aber nicht genug. Wie ernst der Azubi-Mangel wirklich ist - und welche Lösungen die Wirtschaft fordert.

Fachkräftemangel ist die Zukunftssorge Nummer eins bei Deutschlands Unternehmen – weit vor Ängsten um die Konjunktur, vor einem möglichen Brexit oder einem US-Präsidenten Donald Trump. Das sagte DIHK-Präsident Eric Schweitzer bei der Präsentation einer neuen Umfrage am Dienstag in Berlin. Deswegen wiegen Probleme um so schwerer, die Fachkräfte von morgen zu gewinnen. Aus Sicht der Wirtschaft spitzt sich die Lage auf dem Ausbildungsmarkt immer weiter zu – eine Übersicht:

Wie viele Unternehmen bilden aus – wie groß sind ihre Probleme?

Rund 190.000 aktive Ausbildungsbetriebe gab es im IHK-Bereich im vergangenen Jahr. Doch 31 Prozent konnten laut DIHK-Umfrage nicht alle Plätze besetzen. Im Westen waren es 28, im Osten 45 Prozent. Während der Anteil der Betriebe mit Lücken im Gastgewerbe mit 61 Prozent fast stabil blieb, sank er etwa im Baugewerbe um 7 Punkte auf 30 Prozent. Die Baubranche selbst führt dies auf hohe Ausbildungsvergütungen zurück – und auf Imagekampagnen. 14.000 Unternehmen bekamen gar keine Bewerbungen.

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Wie viele finden keinen Platz – wie viele Plätze bleiben unbesetzt?

Mit rund 41.000 unbesetzten Lehrstellen wurde laut Bundesagentur für Arbeit vergangenes Jahr der höchste Stand seit 1996 verzeichnet. Die Zahl unversorgter Bewerber ging leicht zurück auf rund 20.700.

Warum besetzen Firmen zehntausende Plätze nicht?

Viele junge Leute wollen lieber studieren – und das bei sinkenden Schulabgängerzahlen. Vor zehn Jahren war ein Abschlussjahrgang noch um 120.000 Schüler größer. 54 Prozent der Unternehmen beklagen auch zu wenig Ausdrucksvermögen, rund 45 Prozent mangelnde Rechenfertigkeiten der Azubis. An Disziplin, Belastbarkeit und Leistungsvermögen mangelt es laut DIHK-Umfrage auch rund jedem Zweiten. Viele Firmen stellten lernschwächere Jugendliche ein.

Was bedeutet das für Firmen, die Azubis einstellen wollen?

Laut der Wirtschaft müssen Azubis immer stärker umworben werden. Denn diese könnten vielfach auswählen und unterschrieben oft mehrere Verträge, um sich erst dann zu entscheiden. Auch beim Gehalt seien die Bewerber anspruchsvoll: Sie verdienten später oft mehr als Akademiker. So sei einem Mechatroniker ein gutes Gehalt sicher, nicht aber Architekten oder Anwälten, heißt es beim Deutschen Industrie- und Handelskammertag (DIHK). Trotzdem liegt die Zahl der Studienanfänger seit 2013 etwas höher als die der jungen Leute, die in eine duale Ausbildung starten, gerundet jeweils mehr als eine halbe Million.

Können junge Flüchtlinge den Mangel ausgleichen?

Bisher nicht. Nur rund drei Prozent der Betriebe geben an, Flüchtlinge auszubilden. Der DIHK geht von rund 10.000 Flüchtlingen aus, die derzeit in Ausbildung sind. Rund 90 Prozent der Betriebe sagen: Das A und O sei das Beherrschen der Sprache.

Sind Flüchtlinge für die Wirtschaft in Zukunft als Azubis wichtig?

Der DIHK sagt: Zumindest in wachsendem Maß – wenn die Koalition den Plan rasch umsetzt, dass sie nach drei Jahren Ausbildung weitere zwei Jahre nicht abgeschoben werden. Die Erfahrung zeigt: Vor einer Ausbildung stehen in der Regel der Wechsel von der Erstunterkunft in andere Wohnungen, das Deutschlernen, weitere Qualifizierungen – im Schnitt 22 Monate sind Betroffene vor Ausbildungsstart in Deutschland. Im kommenden Jahr, so erwartet man in der Wirtschaft, stünden schon viel mehr junge Flüchtlinge als Azubi bereit.

Was ist aus Sicht der Wirtschaft noch nötig?

Viele Unternehmen und Branchen täten schon eine Menge, um Ausbildung attraktiver zu machen und dafür zu werben, so der DIHK. Um den wachsenden Lücken bei den Fachkräften zu begegnen, sollten nun auch Schulen weit stärker über Berufe und Ausbildung informieren. Das Bildungssystem und die Schulausbildung müssten gestärkt werden. Mehr Frauen und Ältere müssten in Beschäftigung gebracht werden. Und auch Einwanderung jenseits der Flüchtlinge sieht man als wichtig an.

Machen die Unternehmen alles richtig?

Laut Deutschem Gewerkschaftsbund (DGB) bei weitem nicht. Die Probleme konzentrierten sich auf die Hotel- und Gastronomiebranche und das Lebensmittelhandwerk. Die jungen Menschen dort beklagten seit Jahren eine schlechte fachliche Ausbildung, einen rüden Umgangston und Verstöße gegen den Jugendarbeitsschutz, sagt DGB-Vize Elke Hannack. „Es ist kein Wunder, wenn die Jugendlichen einen großen Bogen um diese Betriebe machen.“

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