Mitarbeitersuche „Unternehmen müssen potenzielle Mitarbeiter in Zukunft selbst ansprechen“

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Wo bist du bloß? 2025 wird es rund 6,5 Millionen Erwerbstätige weniger geben. Das macht die Mitarbeitersuche für Firmen härter.

Wo bist du bloß? 2025 wird es rund 6,5 Millionen Erwerbstätige weniger geben. Das macht die Mitarbeitersuche für Firmen härter.© Ulla Deventer für impulse

Mitarbeitersuche wird sich künftig radikal ändern, weil es mehr Jobs gibt als Arbeitnehmer. Worauf sich Arbeitgeber einstellen müssen - und wie auch kleine Firmen mithalten können.

impulse: Herr Wallner, Sie sind Zukunftsforscher und warnen, dass es in Deutschland künftig mehr Jobs als Arbeitnehmer geben wird.

Jörg Wallner: Es werden seit Jahren immer weniger Kinder geboren, und dieser Trend wird sich wohl in Zukunft fortsetzen. Auf die Arbeitswelt wird das starken Einfluss haben: In zehn Jahren wird es rund 6,5 Millionen Erwerbstätige weniger geben als heute.

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Was bedeutet das für Unternehmer?

Die Machtverhältnisse auf dem Arbeitsmarkt werden sich umkehren: Heute sind es überwiegend die Arbeitnehmer, die sich auf einen Job bewerben. Künftig werden Firmen aller Branchen um ihre Mitarbeiter buhlen müssen.

Was brauchen Unternehmer, um in diesem Wettbewerb mithalten zu können?

Ich denke, dass sich zwei Typen von Unternehmen herauskristallisieren: Die fluiden Unternehmen und die Caring Companies, die sich besonders um ihre Mitarbeiter kümmern. Sie werden auf ganz unterschiedliche Weise um Personal werben.

Nämlich wie?

Mit fluiden – also durchlässigen – Unternehmen meine ich Firmen an attraktiven Standorten. Sie arbeiten an sehr komplexen Themen, ich denke dabei beispielsweise an Robotik oder Genomik. Um in diesen Branchen erfolgreich zu sein, sind die Unternehmen auf hoch qualifizierte Mitarbeiter angewiesen. Weil die auf dem künftigen Arbeitsmarkt freie Jobwahl haben, werden sie sich oft nur für einzelne Projekte, die ihnen besonders spannend und sinnvoll erscheinen, an ein Unternehmen binden wollen. Ist das Projekt erledigt, ziehen sie weiter zum nächsten. Unternehmen, die solche Menschen beschäftigen wollen, müssen konstant anspruchsvolle Aufgaben bieten und sich auf einen häufigen Mitarbeiterwechsel einstellen.

Und die Caring Companies?

Dazu werden viele Mittelständler gehören. Sie sitzen oft in der Provinz und haben es schwerer, qualifizierte Leute in ihre Region zu locken. Sie werden deshalb eine Art Kokon um ihre Mitarbeiter spinnen: Denkbar ist, dass sie auch dem Partner des neuen Mitarbeiters einen Job anbieten oder den Umzug der Familie organisieren und bezahlen. Sie kümmern sich um Kita- und Schulplätze für die Kinder oder einen Pflegeheimplatz für die Eltern. Solche Angebote machen einige Firmen ausgewählten Mitarbeitern schon heute. Künftig wird das für Caring Companies zum Standard. Sie setzen im Unterschied zu den fluiden Unternehmen darauf, dass die Leute lange bei ihnen bleiben und gehen deshalb auch stärker auf deren Bedürfnisse außerhalb des Jobs ein.

Wie finden Unternehmer künftig ganz praktisch neue Mitarbeiter? Auf eine Stellenanzeige wird sich ja vermutlich niemand bewerben.

Die Stellenanzeige wird langfristig aussterben. Unternehmen müssen potenzielle Mitarbeiter selbst ansprechen. Größere Firmen werden Datenbanken von aktuellen und ehemaligen Mitarbeitern anlegen und von Menschen, mit denen sie aus anderen Gründen in Kontakt waren. Wer das nicht leisten kann, wird auf entsprechende Dienstleister zurückgreifen. Personalabteilungen oder solche Dienstleister werden eine wichtige Zusatzaufgabe übernehmen: Denn bei immer weniger Arbeitnehmern wird es zunehmend schwieriger, Menschen zu finden, die von vornherein alle Anforderungen des Unternehmens erfüllen. Gefragt sind daher Dienstleister, die sich darum kümmern, dass sich neue Mitarbeiter in kurzer Zeit fehlende Qualifikationen aneignen können.

All das kostet sehr viel Geld. Werden kleinere Firmen damit automatisch zu Verlierern?

Wie die Modelle ganz genau aussehen, über die Unternehmer künftig Mitarbeiter rekrutieren, ist heute schwer vorherzusagen. Ich glaube aber, dass kleine Mittelständler gerade dann gute Chancen haben, wenn sie sich zusammentun.

Wie könnte eine solche Zusammenarbeit von verschiedenen Firmen funktionieren?

Um den Nachwuchs überhaupt für die eigene Branche zu begeistern, könnten sie zum Beispiel unternehmensübergreifende Traineeprogramme anbieten. Ein Headhunter kann auch von mehreren Firmen gemeinsam engagiert werden und so mit einem viel größeren Angebot auf potenzielle Mitarbeiter zugehen. Vielleicht werden Firmen auch dazu übergehen, sich Personal zu teilen, weil jemand besonders gut für eine Aufgabe in der einen und für eine andere Aufgabe in der anderen Firma geeignet ist. Wichtig ist, dass kleine Unternehmen offen für Kooperationen und Veränderungen sind.

Wenn es künftig 6,5 Millionen Erwerbstätige weniger gibt, werden immer Stellen unbesetzt bleiben – ganz egal, wie groß die Bemühungen sind. Müssen Unternehmer das hinnehmen?

Wer heute geboren wird, hat eine durchschnittliche Lebenserwartung von 90 Jahren. Schon sehr bald werden wir deshalb bis zum 75. Lebensjahr oder noch länger arbeiten. Das wird dazu führen, dass viele Menschen sich mit Anfang oder Mitte 50 noch einmal umorientieren: Einige werden sich zusätzliche Qualifikationen aneignen, andere noch einmal einen ganz anderen Beruf erlernen. Für Unternehmer heißt das: Auch ältere Menschen werden immer stärker zu einer spannenden Zielgruppe. Die längere Lebensarbeitszeit wird den Fachkräftemangel etwas abmildern – verschwinden wird er dadurch nicht.

Sehen Sie dafür gar keine Möglichkeit?

Doch: Wenn Deutschland sich entschließt, gezielt Fachkräfte aus dem Ausland zu rekrutieren oder endlich Modelle gefunden werden, die Frauen gleichzeitig Kinder und einen Vollzeitjob ermöglichen. Aber davon sind wir momentan ziemlich weit entfernt.

Wann sollten Unternehmer beginnen, sich aktiv auf die Veränderungen auf dem Arbeitsmarkt vorzubereiten?

In den nächsten fünf Jahren wird sich der Fachkräftemangel deutlich verstärken. Unternehmen sollten deshalb schon jetzt mit den Vorbereitungen beginnen. Auch wenn es momentan im eigenen
Unternehmen noch einigermaßen gut aussieht.

Wie gehen Unternehmen dabei am besten vor?

Als Erstes sollte man sich überlegen, welche Strategie für das eigene Unternehmen am sinnvollsten ist: die der Caring Companies oder die der fluiden Unternehmen. Wer heute schon neue Methoden zur Mitarbeitergewinnung ausprobiert – zum Beispiel Kitaplätze organisiert oder Mitarbeiter nur für ein Projekt einstellt – und merkt, was für seine Firma funktioniert, hat, wenn der massive Fachkräftemangel da ist, einen Wettbewerbsvorteil.

impulse-Magazin September 2015Ein Artikel aus der impulse-Ausgabe 09/15.

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