Management Schafft die gelben Scheine ab!

Gelb gegen blau: Mit der Pflicht zum "gelben Schein" soll verhindert werden, dass Arbeitnehmer blau machen. Aber wer nicht arbeiten will, lässt sich auch durch die Attestpflicht nicht motivieren.

Gelb gegen blau: Mit der Pflicht zum "gelben Schein" soll verhindert werden, dass Arbeitnehmer blau machen. Aber wer nicht arbeiten will, lässt sich auch durch die Attestpflicht nicht motivieren.© fotolia, Alexander Raths

Ärztliche Atteste sollen verhindern, dass Arbeitnehmer blau machen. In Wirklichkeit verstopfen durch sie nur die Wartezimmer. Ein Plädoyer für mehr Vertrauen von Nicole Basel

Wie‘s geht weiß wohl fast jeder noch aus der Schulzeit, wenn die Mathearbeit ansteht und man es verpasst hat, zu lernen:

1. Man suche sich eine Krankheit, die von außen nicht sichtbar ist, aber schon morgen zum Schulfest durch Spontanheilung kuriert sein kann. (Für Mädchen bieten sich Regelschmerzen an, den Jungs ist schlecht.)

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2. Generalprobe des Schauspiels vor Mama und Papa: Schmerzverzerrtes Gesicht, gebeugter Gang, schlechte Laune. Geht wie von selbst.

3. Weil man dummerweise in der Schule eine Attestpflicht aufgebrummt bekommen hat, folgt die Hauptaufführung beim Arzt. Der ahnt vielleicht die Mathearbeit. Aber warum unnötig Ärger provozieren? Gelber Schein, Stempel drauf, fertig ist die Krankschreibung.

Jedes Schulkind weiß es: Gelb hat gegen blau keine Chance. Wer glaubt, mit ärztlichen Attesten zu verhindern, dass jemand blau macht, ist – naiv.

Das deutsche Arbeitsrecht ist naiv

Das gilt auch für das deutsche Arbeitsrecht. Es schreibt vor, dass spätestens ab dem vierten Krankheitstag ein Attest vorzulegen ist. Als ob damit ein arbeitsunwilliger Simulant zum Arbeiten bewegt werden könnte.

Forscher der Universität Magdeburg wagen daher einen Vorstoß, gegen Bürokratie, für mehr Vertrauen. Sie schlagen auf Grundlage einer Studie vor, dass Arbeitnehmer eine Woche fehlen dürfen, ohne einen gelben Schein vorlegen zu müssen.

Deutsche gehen unnötig oft zum Arzt

Drei Jahre lang sind die Mediziner durch deutsche Wartezimmer getigert, um ein Phänomen zu erforschen: Die Deutschen gehen rekordverdächtig häufig zum Arzt, nach Angaben der Magdeburger 17 Mal im Jahr – das ist mehr als in fast allen anderen west- und mitteleuropäischen Ländern. In Norwegen stünden zum Beispiel nur fünf Arztbesuche an – ohne dass bemerkenswerte Folgen für den Gesundheitszustand der Bevölkerung feststellbar wären.

Warum ist das so? Die Magdeburger Ergebnisse machen den deutschen Kontrollwahn dafür verantwortlich. Besonders häufig gehen die Patienten nur zum Arzt, weil sie eine Krankschreibung brauchen. Statt im Bett zu kurieren, schleppt man sich als gewissenhafter Arbeitnehmer total verschnupft zur nächsten Praxis, wartet eineinhalb Stunden im Wartezimmer, inhaliert die Viren und Bakterien der anderen Patienten, und hört dann vom Arzt, dass man sich mit Milch und Honig noch für ein paar Tage ins Bett legen solle. Auch der Ärzteschaft geht das auf die Nerven. Ihre Wartezimmer quellen über, für Schwerkranke bleibt weniger Zeit.

In Ländern wie Norwegen und Dänemark kann der Arbeitgeber hingegen in der Regel selbst entscheiden, ab wann er eine Krankschreibung verlangt – und die Unternehmen zeigen sich äußerst vertrauensvoll. Wer mit Dänen spricht, stellt fest, dass viele gar nicht wissen, dass es solche Atteste gibt. Sie haben in ihrem ganzen Arbeitsleben noch nie eines vorlegen müssen. In Norwegen soll häufig erst ab Tag neun eine Krankschreibung abgegeben werden. Und, oh Wunder: Die Zahl der Fehltage hat sich dadurch nicht erhöht.

Vertraut Euch!

Kontrolle ist gut, Vertrauen ist besser. Vertrauen ist eine unverzichtbare Voraussetzung für Entfaltung und Erfolg – das gilt nicht nur in der Erziehung von Schulkindern, sondern auch im Umgang mit Mitarbeitern. Wer nicht vertraut, kann keine Freiräume gewähren, wer keine Freiräume gewährt, kann keine Innovation, keine Motivation erwarten.

Wer seinen Mitarbeitern nicht glaubt, wenn sie sich krankmelden, hat ein Problem, das mit gelben Scheinen kaum zu lösen ist. Er hat entweder die falschen Leute oder die falsche Einstellung. Arbeitgeber, die kein Vertrauen haben, bleibt nur die Möglichkeit, alles zu regeln, zu überwachen, zu kontrollieren. Sie werden an ihren Kontrollkosten zugrunde gehen.

Was denken Sie über den Vorstoß?

Sollten Arbeitnehmer erst nach einer Woche ein ärztliches Attest vorlegen müssen?

2 Kommentare
  • Eberhard Hilse 7. April 2015 15:57

    Ich kann mich nur dem vorherigen Kommentar anschließen. Hinzu kommt noch, dass die Krankenkasse einen Teil der Lohnfortzahlung übernimmt. Wie soll das ohne Arztbesuch und gelben Schein gehen?

  • Ludwig Glück 21. Februar 2015 15:13

    Vertrauen ist gut, Kontrolle ist besser.
    Wer einmal in einer Firma gearbeitet hat, bei der nicht nur am Schreibtisch gesessen wird, sondern Arbeiter an Maschinen stehen, und diesen zugehört hat, der weiß, dass jede Freiheit ausgenutzt und jedes Vertrauen missbraucht wird. Oder weshalb braucht man Zeiterfassungs-Systeme?
    Sicher gilt das nicht für die Mehrheit der Arbeitnehmer. Aber wer glaubt, dass nur dann zu Hause geblieben wird, wenn man wirklich krank ist, dem fehlt einfach die Erfahrung.

    Ob ein Arztbesuch und ein Attest der richtige Weg ist, ist eine andere – organisatorische – Frage. Für jedes noch so kleine Problem muss ein Beauftragter her, eine Kommission gebildet werden. Warum nicht auch dafür?

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