Management Schneller Geld in die Kasse

Unternehmen aus Branchen, die früher keine Chance auf diese Finanzierungsform hatten, können jetzt einsteigen.

Bis zu 70 000 Euro fehlten ständig in der Kasse – wegen unbeglichener Rechnungen. „Teilweise zahlten Kunden erst nach Monaten“, sagt Bau­unternehmer Franz Mittermeier aus dem bayerischen Ampfing. 2009 ging er zu seiner Hausbank, schlug dem Berater vor: „Wenn Sie mir das vorfinanzieren, bräuch­te ich keinen so hohen Überziehungskredit.“

Factoring heißt dieses Konzept. Bei dieser ­Finanzierungsform kauft ein Spezialdienstleister Unternehmen ihre Rechnungen sofort nach Ausstellung ab. Er bezahlt den offenen Posten abzüglich einer Gebühr. Dann kümmert er sich darum, das Geld beim Kunden seines Kunden, Buchhalter nennen ihn Debitor, einzutreiben.

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Die Baubranche war bislang tabu

Das Problem: Mittermeier führt einen Gerüstbaubetrieb. Schon deshalb winkte der Banker damals ab. „Es hieß, für Bau­unternehmen gäbe es grundsätzlich kein Factoring“, erinnert sich der Unternehmer. Die Branche gilt als schwach kapitalisiert; immer wieder gehen Zulieferbetriebe von Baufirmen pleite.

Und Baufirmen rechnen nach der Vergabe- und Vertragsordnung für Bauleistungen (VOB) ab, die für Factoring-Firmen ein Albtraum ist. Die Regeln sehen bis zur Abnahme nur Abschlagszahlungen vor. Es ist üblich, dass Auftraggeber nicht die volle Summe zahlen, weil es irgendwas zu ­reklamieren gibt. Wer eine solche Rechnung eintreiben will, hat ein Problem.

Im vergangenen Jahr konnte Gerüstbauer Mittermeier dann doch ins Factoring einsteigen. Bekannte hatten ihm von einem neuen ­Angebot der Teba Kreditbank erzählt, einer Tochter der VR-Bank Landau. Dort akzeptierte man seine Rechnungen, Mittermeier wurde ­einer der ersten Factoring-Kunden vom Bau. „Bisher kenne ich kaum ein Unternehmen meiner Branche, das ebenfalls Factoring macht“, sagt Mittermeier. Dabei sieht er nur ­Vorteile, etwa beim Kreditbedarf. „Die Linie für das Geschäftskonto habe ich seitdem glatt halbiert.“

Auch andere Handwerker aus dem sogenannten Baunebengewerbe – Elektriker, Trockenbauer oder Isolierer – können jetzt Factoring ­nutzen. Die Vorzüge des Forderungsverkaufs können neuerdings selbst Branchen nutzen, die früher kaum eine Chance gehabt hätten. Landwirte zum Beispiel, Pharma­großhändler und Bestatter.

Die neue Großzügigkeit hat eine Ursache: „Der Wettbewerb der Anbieter im kleinen Segment hat zugenommen“, sagt Alexander Moseschus, Geschäftsführer des Deutschen Factoring-Verbands. Die Finanzdienstleister suchten sich zunehmend bisher unerschlossene Wirtschaftszweige. Bisweilen, sagt Moseschus, eröffnen sich neue ­Geschäftsfelder für die Finanzierer, weil sich die Rahmenbedingungen ändern.

Wie bei Medizinern: Ärzte, die viele Leistungen privat abrechnen, nutzen schon heute häufig Factoring, weil sie dann nicht erst warten müssen, bis ein Patient bezahlt hat. Zuletzt kamen immer neue Fachrichtungen hinzu: „Die Zahnärzte waren die Ersten, weil es hier schon früh hohe private Zuzahlungen gab“, sagt Jens Törper, Vorstand des Hamburger Factoring-Hauses Health, das sich auf Mediziner spezia­lisiert hat. Neuerdings hat Törper Hautärzte im Blick. „Die bringen einige neue Leistungen, die von der gesetzlichen Krankenversicherung nicht bezahlt werden.“ Mit Augenärzten und Orthopäden kam er bereits zuvor ins Geschäft. Der Berliner Orthopäde Wolfgang Gombert etwa hat seine Kassenpraxis 2001 verkauft, seit 2005 nimmt er ausschließlich Privatpatienten an. Von Anfang an hat Gombert auf Factoring gesetzt. „Ich wollte mich entlasten“, sagt der Mediziner. Inzwischen schreibt er noch nicht einmal mehr Rechnungen, sondern gibt nach der Behandlung lediglich Patientendaten und Leistung in den Computer ein. „Der Factoring-Dienstleister wertet das aus und überweist mir das Geld.“ In seiner Branche, sagt Gombert, sei Factoring längst etabliert. Die anfängliche Skepsis der Ärzte – wie sie heute bei Anwälten und Steuerberatern vorherrscht – sei überwunden, sagt Health-Chef Törper.

Die meisten Baufirmen wiederum hätten lieber heute als morgen mit Factoring begonnen, fanden aber keine Anbieter. Dass auch sie jetzt in den Genuss kommen, liegt daran, dass Anbieter zunächst einen Weg finden mussten, das VOB-Risiko zu managen. „Wir waren lange skeptisch“, gibt Christina Fleischmann, die Chefin der Teba Kreditbank, zu. Baufirmen wie Gerüstspezialist Mittermeier berechnen zunächst nur einen Teil der Leistung, manchmal sogar mehrere Abschläge hintereinander. Das stellt Factoring-Anbieter normalerweise vor ein Problem, denn um die angekaufte Forderung gerichtlich eintreiben zu können, muss die Leistung zu 100 Prozent erbracht und auch die Schlussrechnung angekauft sein.

Damit die Teba am Ende nicht draufzahlt, weil Kunden reklamieren, legt sie einen Teil der Rechnungssumme auf ein Sicherungseinlagenkonto. Außerdem ist die Rechnungshöhe pro Kunde begrenzt. „Und wenn sich im Projektverlauf abzeichnet, dass es Reklamationen gibt, kaufen wir keine weiteren Abschläge an“, erklärt Fleischmann. Für eine Gebühr von 3,5 bis vier Prozent der Rechnungssumme ist das Bau-Factoring laut Teba zu haben.

Auch Bauern bekommen eine Spezialbehandlung. Wer Kartoffeln oder Spargel anbaut und an Lebensmittelhersteller und den Handel liefert, ist naturgemäß im Saisongeschäft tätig. „Solche Unternehmen brauchen immer wieder sprunghaft enorm viel Kapital“, sagt Stefan Wagner, Vorstand von Eurofactor. Nicht nur die hohen Ausschläge sind ein Problem für Finanziers. Lebensmittel­einzelhändler bestehen gegenüber Lieferanten oft auch auf einem Abtretungsverbot. Heißt: Forderungen sollen nicht weitergegeben werden.

Das erhöhte Risiko der Branche kann Eurofactor nach eigenen Angaben tragen, weil man als Tochter­unternehmen der französischen Genossenschaftsbank Crédit Agricole eine hohe Expertise in der Landwirtschaft mitbringt. Eventuelle Abtre­tungs­verbote umgehen Eurofactor-Kunden durch sogenanntes stilles Factoring. Dabei erfährt der Einkäufer nicht, dass sein Lieferant die Forderung weitergegeben hat. „Abtretungsverbote sind in Deutschland laut Handelsgesetz nichtig“, sagt Wagner. Rechtlich ist es also immer möglich, Forderungen zu verkaufen. Nur sollte es der Händler nicht mitbekommen – es droht die Auslistung.

Zu manchen Branchen wiederum passt Factoring ideal, nur haben ­bislang erst wenige Anbieter ent­sprechende Lösungen im Programm. „Das Bestattergewerbe eignet sich hervorragend“, sagt Stephan Ninow, Mitglied der Geschäftsleitung des Kölner Factoring-Anbieters Abc­finance. „Bestattungen sind praktisch einredefrei.“ Will sagen: Es gibt fast nie Beanstandungen.

Kunden die Angst nehmen

Die Bundesregierung hat 2004 das Sterbegeld abgeschafft, das beim Tod eines gesetzlich Versicherten die Beerdigungskosten zumindest teilweise deckte. Seitdem erleben Bestatter es immer häufiger, dass Hinterbliebene nicht zahlen können oder versuchen, vor Gericht zu beweisen, dass der Verstorbene sie zum Beispiel misshandelt hat und sie deshalb nicht zahlen müssen. Der Bamberger Bestattermeister Jörg Freudensprung ­etwa blieb pro Jahr auf bis zu 80 000 Euro sitzen. 2006 wurde er dann einer der ersten Kunden der „Bestatter Solutions“ von Abcfinance.

Wenn er Hinterbliebene nicht kennt oder der Verstorbene keine finanzielle Vorsorge für seine Bestattung getroffen hat, bittet Freudensprung seine Kunden, ein Formular zu unterschreiben, mit dem die sich bereit erklären, dass er die Forderung an Abcfinance weitergeben darf. Die Kölner machen umgehend eine Bonitätsprüfung, und wenn der Kunde kreditwürdig ist, geben sie Freudensprung grünes Licht.

Wenn Kunden es wünschen, akzeptiert Abcfinance eine Ratenzahlung für die Bestattung. Jörg Freudensprung macht sogar gezielt Werbung mit diesem Angebot. Und für den Fall, dass ein Kunde irritiert reagiert, weil die Rechnung für die Beisetzung eines Verwandten oder Freundes abgetreten werden soll, hat er sich ­eine Standarderklärung zurechtgelegt: „Ich sage dann: Wir machen das genauso wie die Ärzte“, sagt der Bestatter. Damit sei das Thema in der Regel erledigt.

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