Business-Knigge für Tschechien Netzwerken beim Kanufahren

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Viele Tschechen sind begeisterte Outdoor-Sportler. Besonders beliebt: Kanufahren.

Viele Tschechen sind begeisterte Outdoor-Sportler. Besonders beliebt: Kanufahren.© Artyom Belozyorov - Fotolia.com

Ob in der Kneipe oder beim Kanufahren: Wer mit Tschechen Geschäfte machen will, braucht Kondition. Was bei deutsch-tschechischen Geschäftsbeziehungen außerdem wichtig ist, lesen Sie in unseren Tipps.

Sie mögen tschechisches Bier? Das ist gut, denn wenn Sie vorhaben, mit Tschechen ins Geschäft zu kommen, werden Sie eine Menge davon trinken. Soweit, so absehbar – doch was gibt es im Umgang mit Tschechen noch zu beachten, damit eine Geschäftsbeziehung erfolgreich wird? impulse.de hat eine interkulturelle Trainerin und einen deutschen Unternehmer, der in Prag lebt, nach ihren Tipps gefragt.

Zehn Tipps zum Business-Knigge in Tschechien:

1. Fragen Sie nach der richtigen Aussprache des Namens!

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„Ich habe es oft erlebt, dass Deutsche auch noch nach jahrelanger Zusammenarbeit die tschechischen Namen derart verhunzen, da hätten andere längst die Geschäftsbeziehung abgebrochen“, sagt die interkulturelle Trainerin Heike Birke. „Die Tschechen ertragen das und würden den Deutschen nie darauf hinweisen. Aber besser wäre es, einfach mal zu fragen: Entschuldigung, wie spreche ich Ihren Namen richtig aus?“ Außerdem sind die Namen auch ein hervorragendes Small-Talk-Thema: Es gibt viele tschechische Familiennamen mit deutschen Wurzeln. „Nicht selten gibt es dann auch einen deutsch-stämmigen Teil in der Verwandtschaft“, sagt Heike Birke, „darüber kann man wunderbar eine kleine Brücke schlagen.“

2. Bauen Sie persönliche Beziehungen auf

Wir Deutschen bewegen uns im Geschäftsleben meist auf der Sachebene und legen weniger Wert auf persönliche Beziehungen. In Tschechien ist mit dieser Haltung der Fehlschlag programmiert: „Einmal nach Tschechien reisen, einen Vertrag abschließen, nach Hause fahren und dann nie wieder ins Land kommen, das geht schief“, sagt Fritjof Winkelmann, Partner der Rechtsanwaltskanzlei BPV Braun Partners, der seit 2005 in Prag lebt. „Die Partnerschaft funktioniert nur, wenn der tschechische Vertragspartner das Gefühl hat, dass er ernst genommen wird.“

Dazu gehört auch, sich für private Dinge zu interessieren und etwas von sich preiszugeben. Heike Birke hat oft erlebt, dass sich Deutsche damit schwer tun. Aufgrund der Höflichkeit der Tschechen würden Deutsche schnell glauben, alles laufe prächtig. „Doch in Tschechien gilt: Solange ich noch nicht weiß, ob jemand verheiratet ist, wie seine Kinder heißen und was er gerne am Wochenende macht, solange kenne ich denjenigen nicht. Deutsche verheimlichen ihr Privatleben ja teilweise über Jahre. In Tschechien können Sie so keine Geschäfte machen.“

3. Äußern Sie Kritik nicht zu direkt

Wenn es um Kritik geht, sind Deutsche vergleichsweise direkt und nehmen wenig Rücksicht auf die Befindlichkeiten des Gegenübers. In Tschechien ist jedoch Einfühlungsvermögen gefragt. Für Tschechen sei sachliche Kritik häufig die Kritik an der ganzen Person, sagt Heike Birke. Konfrontative Strategien seien in Tschechien deshalb riskant: „Wenn man einen Konflikt lösen möchte, sollte man es so einrichten, dass der andere seinen Fehler selbst entdecken kann und sich im Zweifel mal ein bisschen dümmer stellen, als man ist. Manchmal hilft es auch, einen Dritten einzuschalten, der die Person gut einschätzen kann und der das Ganze geräuschlos aus dem Weg räumt – und zwar inoffiziell.“

Tschechen sind es selbst auch gewohnt, Kritik sehr vorsichtig zu äußern – wenn überhaupt. „Sie passen sich nach außen hin an, aber leiden im Stillen“, sagt Heike Birke. Das kann die Geschäftsbeziehung belasten, denn das leise Leiden steigert sich nicht selten zur Ablehnung. Achten Sie deshalb genau auf versteckte Kritik in Nebensätzen oder auf die Körperhaltung in Verhandlungen. Je besser Sie ihren Geschäftspartner kennen, desto eher werden Sie die Signale richtig deuten können.

4. Achten Sie auf Höflichkeit

Die Tür öffnen, den Stuhl zurechtrücken – in Tschechien ist das ganz selbstverständlich. Meist seien die tschechischen Geschäftspartner deutlich höflicher als die deutsche Seite, sagt Heike Birke. „Dazu gehört, dass Männer sich sehr galant auch gegenüber Geschäftspartnerinnen verhalten“, sagt sie. „Mir ist es schon passiert, dass mir meine Tasche regelrecht aus der Hand gerissen wurde und ich im ersten Moment dachte, ich werde beklaut“, erzählt Heike Birke, „dabei wollte mir der Herr bloß höflich die Tasche tragen. Das ist man so von deutschen Männer gar nicht gewohnt.“

Auch bei der Anrede gilt, zumindest bei neuen Bekanntschaften, maximale Höflichkeit: Ähnlich wie in Deutschland wird gesiezt, hinzu kommt die Nennung von akademischen Titeln. Diese sollte man geschrieben unbedingt alle aufführen, zum Beispiel auch bei Podiumsdiskussions-Schildern, rät die interkulturelle Trainerin. „Für die Tschechen sind die Titel ein natürlicher Bestandteil des Namens“, sagt Heike Birke. Sie wegzulassen, wäre grob unhöflich.

Auch in E-Mails sollte man maximale Höflichkeit an den Tag legen: „Sehr gut kommt es an, wenn man einige Höflichkeitsformeln in Tschechisch schreibt. Das sind kleine Dinge, die große Türen aufstoßen können“, rät die Trainerin. Hier einige Formeln, die Sie gut verwenden können:

Guten Tag! – – – Dobrý den! (Geht auch als Anrede im Brief)
Auf Wiedersehen! – – – Na shledanou!
Mit freundlichen Grüßen – – – S přátelskými pozdravy
Bitte – – – prosím
Danke – – – děkují

5. Die Anrede mit dem Vornamen ist ein Kompliment, das Sie annehmen sollten

Höflichkeiten bedeutet in Tschechien allerdings nicht, dass man ewig bei der formellen Anrede bleibt: Sobald man sich besser kennt, ändert sich diese. „Es wird schneller zum Du übergegangen“, sagt der Rechtsanwalt Fritjof Winkelmann. Gerade unter jüngeren Tschechen sei auch die Anrede mit Sie und dem Vornamen sehr beliebt. „Das wird auch nicht großartig abgestimmt“, sagt Winkelmann, „wenn sich jemand mit dem Vornamen vorstellt, wird häufig erwartet, dass auch der Andere diese Variante nutzt.“

Gegenüber Deutschen bieten Tschechen oft auch schon deshalb ihren Vornamen an, weil Sie wissen, dass tschechische Nachnamen für uns eine Herausforderung sind. Heike Birke hat die Erfahrung gemacht, dass viele Deutsche damit überfordert sind: „Wenn Ihnen ein Tscheche anbietet, ihn der Einfachheit halber mit dem Vornamen anzusprechen, dann heißt das, dass er eine persönliche Beziehung aufbauen möchte“, sagt sie, „das ist eine Chance.“ Manchen Deutschen gehe das aber zu schnell und sie bestehen auf ihrem Nachnamen. „Dann hat man einen Herrn Müller-Lüdenscheidt und den Karel – das ist keine gute Basis für eine Beziehung auf Augenhöhe.“

6. Nutzen Sie Englisch als Geschäftssprache

Die ältere Generation und die Einwohner der Grenzgebiete können oft noch recht gut Deutsch, doch die Sprache ist lange nicht so verbreitet, dass man als Deutscher Kenntnisse voraussetzen darf. „Jüngere Tschechen sprechen kaum noch Deutsch“, sagt Fritjof Winkelmann, „Englisch dagegen können sie in der Regel recht gut, während ich bei den Deutschen da häufig Lücken bemerke.“ Auch wenn der Partner Deutschkenntnisse hat, kann es schwierig werden: „Wenn ein Tscheche die Deutschen nicht richtig versteht, weil sie zu schnell sprechen oder einen Dialekt haben, ist er zu höflich, noch einmal nachzufragen“, sagt Heike Birke. „So entstehen leicht Missverständnisse.“ Meistens sei es daher besser, wenn man sich auf Englisch als Geschäftssprache einigt.

8. Stellen Sie sich auf andere Geschlechterverhältnisse ein

In Tschechien sind die Geschlechterrollen ausgeprägter als in Deutschland. „Wenn junge dynamische Geschäftsfrauen aus Deutschland auf wesentlich ältere und etwas altmodische männliche Machtpersonen in Tschechien treffen, ist das eine schwierige Konstellation“, sagt Heike Birke. Sie rät, in so einem Fall ruhig die väterliche Seite des Gegenübers anzusprechen: „Fragen Sie nach Rat und nehmen Sie die eigene Klugheit anfangs ein bisschen zurück.“

Auch bei der Kleidung macht es sich bemerkbar, dass die Geschlechter in Tschechien stärker betont werden – auch im Geschäftsleben. „Frauen dürfen in Tschechien auch als Frauen identifizierbar sein, sie dürfen also gerne Kleider und Röcke tragen und richtig toll ausschauen“, sagt die interkulturelle Trainerin. „Das geht so weit, dass wir aus unserer Sicht vielleicht denken: Was für eine Tussi. Doch da sollte man sich nicht täuschen lassen: Es kann sein, dass die vermeintliche Tussi einen Doktortitel hat und den Laden leitet.“

9. Vermeiden Sie politische Fettnäpfchen

Das Land, um das es hier geht, heißt Tschechien. Nicht Tschechei! Heike Birke hat oft erlebt, dass Deutsche sich dessen nicht bewusst sind. Es ist aber keinesfalls eine Lappalie, den falschen Namen zu benutzen: „Für Tschechen der älteren Generation ist Tschechei ein sehr verletzendes Wort, weil es an die deutsche Besatzung im 2. Weltkrieg erinnert“, sagt sie. Deutsche sollten den Begriff daher unbedingt meiden. Auch darüber hinaus hapert es auf deutscher Seite leider manchmal mit der Landeskunde. Beim Geschäftspartner macht das einen enorm schlechten Eindruck: Böhmen und Mähren zu verwechseln etwa, komme nicht so gut an, sagt Heike Birke. „Und Tschechien ist in Mitteleuropa, nicht in Osteuropa“, stellt sie klar. „Prag liegt viel westlicher als Wien. Da kann man schon den ersten Minuspunkt sammeln, wenn man sagt: Hier bei euch im Osten…“

Insgesamt ist bei allen politischen Themen Vorsicht geboten. „Man kann nicht wissen, was die Familie des Gesprächspartners im Krieg oder während der sozialistischen Ära erlebt hat“, sagt Heike Birke, „da klaffen unter der Oberfläche noch immer tiefe Wunden.“ Auch aktuelle Politik sei kein gutes Smalltalk-Thema. Das hat auch der Rechtsanwalt Fritjof Winkelmann beobachtet: „Politische Themen sind so eine Sache“, sagt er, „damit sollte nur anfangen, wer schon sehr gute Kenntnisse von Tschechien hat.“

10. Ab in die Kneipe – und ins Kanu!

Wer eine gute Beziehung mit dem tschechischen Gesprächspartner aufbauen möchte, wird um den Genuss des einen oder anderen Pils nicht herum kommen. „In der Kneipe werden Dinge erzählt, die am Verhandlungstisch nicht erzählt wurden“, sagt Heike Birke, „deswegen sollte man zu Gesprächen nicht morgens hin und abends wieder zurückfliegen, sondern einen Abend mit viel Alkohol einplanen und am nächsten Tag erst den Flug ab mittags buchen, wenn man wieder reisefähig ist.“ Während Frauen ruhig bei einem Gläschen Wein oder auch bei Alkoholfreiem bleiben dürfen, werde von Männern in Tschechien Trinkfestigkeit erwartet: „Wenn man in eine Kneipe eingeladen wird, sollte man Kondition mitbringen. Männer, die nicht trinken, werden einfach nicht ernst genommen“, sagt Heike Birke. Die gute Nachricht ist: Sie brauchen keine Angst haben, sich zu übernehmen. Im Gegenteil: „Es ist enorm hilfreich, sich mit Geschäftspartnern mal richtig die Kante gegeben zu haben“, sagt sie. „Wenn man einmal von den Kollegen nach Hause getragen wurde, dann gehört man zusammen. Das ist wie ein Ritterschlag.“

Kondition ist allerdings nicht nur in der Kneipe gefragt: „Die Tschechen lieben Outdoor-Sport“, sagt der Rechtsanwalt Fritjof Winkelmann. Camping, Wandern, Kanu fahren, Fahrrad fahren, Skaten, Skifahren – alles, was draußen stattfindet, sei enorm beliebt. „Die Tschechen hält am Wochenende nichts zuhause“, sagt Winkelmann, „im Vergleich dazu sind wir Deutschen wirklich ganz faule Leute.“ Besonders das Kanufahren hat es den Tschechen angetan. Da man hierbei meist in der Gruppe unterwegs ist, bietet sich die Sportart hervorragend an, um seine Geschäftspartner besser kennen zu lernen. Fragen Sie also beim Smalltalk einfach mal nach der schönsten Kanuroute der Gegend. „Da hat man mit Sicherheit ganz schnell ein gutes Gesprächsthema und es ist eine super Möglichkeit, um Anschluss zu finden“, sagt Winkelmann.

Tipp für das Geschäftsessen in Prag

„Das Café Savoy in Prag ist ein Kaffeehaus, man kann dort aber auch sehr gut essen“, sagt Heike Birke. „Sogar die Würstchen werden dort so fein serviert, dass man das Gefühl hat, gerade sehr edel zu speisen“, erzählt sie. Auch die hauseigene Patisserie zeichnet das Café aus. „Es ist ein beliebter Treffpunk, auch für Geschäftsgespräche“, sagt die interkulturelle Trainerin. Zwar sei Prag innerhalb Tschechiens ein teures Pflaster und das Savoy ein Lokal für Besserverdienende, doch für deutsche Verhältnisse seien die Preise immer noch günstig, findet sie: „Der Kaffee kostet um die zwei Euro.“

Unsere Gesprächspartner: Heike Birke (48) ist Diplom-Sozialpädagogin und ausgebildete Trainerin für interkulturelle Kommunikation. Sie hat familiäre Wurzeln in der ehemaligen Tschechoslowakei und lebte nach dem Studium mehrere Jahre in Prag. Seit 1994 wohnt sie in Landsberg am Lech, reist oft zwischen Deutschland und Tschechien hin und her und berät als selbstständige Trainerin Unternehmen bei ihrer interkulturellen Zusammenarbeit. Zusammen mit ihrer tschechischen Kollegin Gabriela Hunger hat sie den Sprachführer „Erste Hilfe Tschechisch“ herausgegeben.

Der Anwalt Fritjof Winkelmann (48) stammt aus Buchholz und zog 2005 aus familiären Gründen nach Prag. Er war in Deutschland bereits mit einer eigenen Kanzlei selbstständig, in Tschechien arbeitete er zunächst für die Anwaltssozietät Haarmann Hemmelrath. Als diese aufgelöst wurde, gründete er gemeinsam mit Partnern 2006 die Kanzlei BPV Braun Partners, die die osteuropäischen Büros der Sozietät weiterführt.

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