Pendeln als Unternehmer Pendel-Wahnsinn

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Privatflug nach München: Seitdem ihr Mann einen Pilotenschein hat, fliegt das Unternehmerpaar - auch ihrem Hund gefällt die Reise.

Privatflug nach München: Seitdem ihr Mann einen Pilotenschein hat, fliegt das Unternehmerpaar - auch ihrem Hund gefällt die Reise.© annette timm

Wenn die Firma wächst, findet man Chefs oft nicht mehr im Büro - sondern in der Bahn, im Flieger oder im Auto. Dabei gibt es kaum etwas, das so zuverlässig die Nerven zersägt. impulse-Bloggerin Annette Timm über den Wahnwitz der Dauerpendelei.

Es gibt viele Menschen, die pendeln. Mitarbeiter verbringen zwischen Familie und Arbeitsplatz viel Zeit auf der Straße und auch Unternehmer können zwischen mehreren Standorten pendeln. Doch was macht das mit einem?

Als unser Münchner Mitbewerber in den wohlverdienten Ruhestand gegangen ist, haben mein Mann und ich uns entschlossen, seinen Betrieb weiterzuführen. Denn es gab schon seit Jahrzehnten eine sehr gute Kooperation, zum Beispiel bei der Weiterentwicklung von Rätselprogrammen (wir führen eine Rätsel- und Presseagentur). Die Sache hatte nur einen Harken: Unser Unternehmen sitzt in Lübeck – da ist München ganz schön weit weg.

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Aber mein Mann und ich haben trotzdem Ja zu dem Projekt gesagt. Das war im Januar vor zwei Jahren. Wir wussten, dass diese Entscheidung mit einer gewissen Mobilität, sprich Reisefreudigkeit, verbunden sein wird. Und doch: Das Ausmaß war uns nicht bewusst.

Die Reisefrequenz: alle 14 Tage, war aber auch schon einmal enger getaktet.

Das Ziel: 900 Kilometer weiter südlich, München.

Das Transportmittel: Bahn, Auto, selten das Linienflugzeug.

Der Anlass: nach dem Rechten sehen, Impulse geben, zuhören.

An zwei Standorten zu agieren, wovon sich einer in einer Phase der Reorganisation befindet, ist zunächst einmal eine wunderbare Herausforderung. Das bleibt auch auf den zweiten Blick so. Jetzt, nach zwei Jahren Change Management und etlichen zurückgelegten Kilometern, ziehen wir Bilanz.

9,5 Stunden auf der Autobahn

„Der Weg ist das Ziel“, sage ich mir immer, wenn die Deutsche Bahn einmal Verspätung hat oder das Stauende bereits an der Zufahrt der heimischen Autobahn auf einen wartet. Ob Bahn oder Auto, egal wie man sich entscheidet, alles hat seine Vor- und Nachteile.

Mehr als einmal haben wir die Vorzüge des Nachtzuges genossen oder mischten uns unter die Frühaufsteher, die bereits mit einem der ersten Züge die Reise nach München antraten. Was alle Nachteile der Bahn verblassen lässt: Hier hat man endlich Zeit zum Lesen. Ganz ehrlich, ich genieße das. (Ja, ich rede mir das Ganze an dieser Stelle schön.)

Bestzeit von Haus zu Haus ohne technische Störungen bei der Bahn: 9,5 Stunden.

Daneben ist die Fahrt mit dem Auto, bei aller Flexibilität, einfach nur anstrengend. Auch wenn wir zu zweit unterwegs sind, es uns an Gesprächsstoff nicht mangelt, fühlen sich die Stunden, die wir auf der Autobahn verbringen, um ein Vielfaches mühsamer an, als wenn wir die gleiche Strecke mit der Bahn zurücklegen.

Durchschnittliche Fahrtzeit zu Randzeiten und ohne nennenswerte Staus: 7,5 Stunden.

Zugegeben: Mein Mann sitzt hinter dem Steuer, ich würde den Schnitt ruinieren!

6 Stunden mit dem Flugzeug

Am abwechslungsreichsten ist die Reise mit dem Linienflugzeug. Alleine bis wir den Hamburger Flughafen erreicht haben, haben wir schon einiges erlebt. Bus, Bahn, S-Bahn und dann endlich am Terminal angekommen, da sind schon einmal locker zwei Stunden vergangen.

Es gilt auch zu berücksichtigen, dass man für den Airport Pufferzeit einplanen sollte. Die Flugzeit Hamburg – München schlägt mit rund einer Stunde schon gar nicht mehr zu Buche. In Bayerns Metropole angekommen, geht die Reise mit Bahn und Bus weiter. Wir sind dann locker bei einer Reisezeit von Haus zu Haus von 6 Stunden.

Egal, wie man sich entscheidet, man verliert wertvolle Zeit. Das sind die Momente, in denen ich mir wünsche, München würde gleich hinter Hamburg liegen.

Mancher mag sich fragen: „Haben die das denn alles nicht im Vorfeld bedacht?“

Das haben wir, aber es zu erleben, ist doch noch etwas anderes, als darüber zu sprechen.

Ein eigener Pilotenschein

Wir haben das große Glück, dass es für uns eine weitere Alternative gibt: Wir fliegen selbst. Mein Mann hat seit einigen Jahren einen Pilotenschein.

Am Abend zuvor wird das Wetter gecheckt und eine etwaige Abflugzeit für den nächsten Tag bestimmt. Am Reisetag haben wir dann bis um 10 Uhr alles Wichtige mit unseren Mitarbeitern durchgesprochen, geben den Flugplan auf, schnappen uns den Hund und sind, wenn alles gut läuft, eine Stunde später in der Luft. Richtig cool ist es, wenn wir das trübe Novemberwetter unter uns lassen und die Sonne über den Wolken zu Gesicht bekommen.

Wir landen in Augsburg, steigen in unseren uralten klapprigen Skoda (Baujahr 1994, absolutes Understatement-Auto) und fahren noch 40 Minuten zum Münchner Büro. Bei dieser Variante brauchen wir durchschnittlich vier Stunden von Haus zu Haus.

Unsere Jahresbilanz 2016 hat ergeben, dass wir bis jetzt 123 Tage in München waren.

Wären wir alleine auf die Bahn oder das Auto angewiesen, wäre das Ganze extrem anstrengend geworden. Durch das Fliegen haben wir eine hohes Maß an Flexibilität gewonnen, vor allem, wenn wir betriebsbedingt umplanen müssen.

Aber München ist ein teures Pflaster. Das gilt auch für Hotelpreise, die vor allem zu Messezeiten ins Unermessliche steigen. Darum hat es uns für die Übernachtungen aufs Land verschlagen. Mit der Folge: Täglich reihen wir uns in die Kolonne der Pendler ein, die sich frühmorgens in Richtung München und am späten Nachmittag wieder gen Süden bewegt. Wenn es gut läuft, ist die Hinfahrt in vierzig Minuten zu schaffen, wenn es schlecht läuft, brauchen wir doppelt so lange.

Das hat sich in den letzten zwei Jahren verändert

1. Respekt: Wir haben Respekt vor allen Pendlern und allen, die geschäftlich unterwegs sind. Alleine in unserem Münchner Büro arbeiten mehrere Mitarbeiter, die täglich mehr als 1,5 Stunden unterwegs sind, um zur Arbeit zu kommen.

2. Mehr Flexibilität für alle: Ziemlich schnell wurde von uns auch das Thema Home Office in die Runde geworfen. Zwei Mitarbeiter nutzen derzeit die Möglichkeit, zwei Tage pro Woche zu Hause zu arbeiten.

3. Mehr Zeitdruck: Wir haben weniger Zeit oder „Aus Zeitfenstern wurden Gucklöcher“.

4. Neue betriebliche Prozesse: Da die Arbeit am heimischen Standort in einer kürzeren Zeit erledigt sein muss, haben wir innerbetriebliche Abläufe verändert. Nach einer Analyse aller Tätigkeiten, wurde klar, dass wir gar nicht alles selbst machen müssen. Grafiker und Texter kamen mit ins Boot und die Aufgaben wurden neu verteilt, Produktionsabläufe vereinfacht und gestrafft. Eine positive Entwicklung! Ohne den Zeitdruck hätten wir vermutlich alles beim Alten belassen. Das Loslassen und vom Team zu hören: „Wir machen das schon“, fühlt sich gut an.

Die Vor- und Nachteile des Pendelns

Die Kehrseite der Medaille: Unser soziales Umfeld hat uns in den letzten 24 Monaten deutlich weniger zu Gesicht bekommen als zuvor. Wir versuchen, private Kontakte zu pflegen, spüren aber auch, dass das Reisen und alles, was mit einem zweiten Standort zusammenhängt, kräftezehrend ist.

Aber ein Tapetenwechsel hat auch Vorteile. Ein unbekanntes Team, eine neuer Kundenstamm, eine andere Arbeitsweise: Keine Frage, das waren Herausforderungen. Heute können wir sagen, wir sind froh, dass wir sie angenommen haben. Denn uns haben die vergangenen zwei Jahre schlauer gemacht.

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Inzwischen haben uns Mitglieder des Münchner Teams in Lübeck besucht und andersherum. Wir nutzen Synergien, die unterschiedlichen Produktionsweisen wurden bis ins Detail angesehen und dort, wo es sinnvoll war, angepasst. Manchmal ist es besser, einiges zu belassen, denn was an einem Standort funktioniert, klappt nicht zwingend auch beim anderen.

Dabei stets in Rufnähe: unsere Programmierer. Sie sind es, die die Ideen beider Teams aufgreifen und dafür sorgen, dass Arbeitsabläufe vereinfacht werden. Davon profitieren alle. Und Reden ist wichtig! Ohne regelmäßigen Gedankenaustausch geht es gar nicht. Teamsitzungen, Skype, Telefongespräche – alle Kommunikationswege werden genutzt, um im Gespräch zu bleiben.

Und der neue Standort hat noch einen Vorteil: Wie haben mit dem Müncher Team nicht nur hochqualifizierte Mitarbeiter gewonnen, sondern auch Menschen, die bewirken, dass wir unsere Sicht auf die Dinge öfter hinterfragen und uns auf Neues einlassen.

Fazit: Alles im Leben hat seinen Preis. Wir sind froh, dass wir diesen Weg gegangen sind, auch wenn das Pendeln zwischen den beiden Standorten manchmal mühsam ist.

1 Kommentar
  • Holger Schmidt 3. Januar 2017 08:34

    …und für die Mitarbeiter ohne Pilotenschein empfiehlt sich für das tägliche Pendeln Comovee, wir setzen das seit einigen Jahren ein, es ist sehr populär, denn auch die paar täglichen Kilometer läppern sich aufs Jahr gerechnet.

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