Pünktlichkeit Warum es sich lohnt, zu früh da zu sein

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Ärgerlich, wenn man die Bahn knapp verpasst - denn gerade unter deutschen Geschäftspartnern wird Pünktlichkeit groß geschrieben.

Ärgerlich, wenn man die Bahn knapp verpasst - denn gerade unter deutschen Geschäftspartnern wird Pünktlichkeit groß geschrieben.© läns / photocase.de

U-Bahn verpasst, Bus schon weg, Mist - wie kriege ich jetzt ein Taxi? Unternehmer Sven Franzen ist früher öfter mal zu spät gekommen. Dann legte er sich eine Strategie zurecht. Von den Ergebnissen ist er selbst überrascht.

Ich hetze und laufe, so schnell ich kann, um die U-Bahn 7 in Frankfurt noch zu erwischen. Weg ist sie. Mist. Was jetzt? Wie komme ich nun am schnellsten zu meinem Termin? Die App der öffentlichen Verkehrsmittel zeigt mir den Weg, seitdem ich das Auto abgeschafft habe. Auch meinem bekannten Geschäftspartner schicke ich eine kurze Nachricht auf sein Handy.

Beim Termin angekommen, rund 20 Minuten später als verabredet, macht dieser aber die Tür nicht auf. “Oh, jetzt hast du es vermasselt”, denke ich. Als sich die Tür endlich öffnet, sagt der Geschäftspartner: „Ich wollte Sie auch mal warten lassen.“ Eine unangenehme Situation.

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Pünktlichkeit in Deutschland

Pünktlichkeit ist für viele meiner Kunden, Partner und meinen Unternehmensbeirat in Deutschland ein Qualitätsindikator, der Zuverlässigkeit des Gegenübers signalisiert. Zudem zeigt es ihnen klar, welche Priorität ich dem Termin und damit meinem Gegenüber zumesse. Aus diesem Blickwinkel bekommt Pünktlichkeit eine ganz neue Bedeutung.

Ich war nicht immer ein pünktlicher Mensch. Aber weil Pünktlichkeit eben etwas mit Respekt zu tun hat, habe ich mir angewöhnt, meinen Kunden und Gesprächspartnern diesen Respekt zu zollen und für meine eigene Planung 15 bis 30 Minuten vorher anzureisen und am Ort zu sein, damit Situationen wie die oben geschilderte nicht mehr vorkommen.

Das hat gleich zwei Vorteile. Da ich vorher da bin, kann ich mich auf den Termin mental und inhaltlich genau vorbereiten. Das Ergebnis ist wirklich erstaunlich: Die Ruhe und Vorbereitung steigert die Konzentration auf das Wesentliche und erhöht die Erfolgschancen erheblich. Je pünktlicher ich bin, desto mehr Abschlüsse in Vertriebs- und Verkaufsgesprächen erreiche ich. Umso häufiger enden Verhandlungen mit Lieferanten und Kunden erfolgreich.

Der andere Vorteil: Ich bin derjenige, der auf den anderen wartet und ihn empfängt – eine gute Position für den Gesprächsbeginn. Um die Zeit zu überbrücken, falls sich der andere verspätet, lohnt es sich auf jeden Fall, Lesestoff mitzunehmen – auch im pünktlichen Deutschland. Ich habe seit einigen Jahren immer ein Buch dabei, meist Management- und Gesundheitsthemen. Das wird vom Gegenüber oft angesprochen – und bietet oft die Möglichkeit für einen lockeren Gesprächseinstieg.

Pünktlichkeit in Brasilien

Pünktlichkeit und Zeiteinstellung sind eine Frage der Kultur. Der Deutsche ist bekannt dafür, auf die Minute pünktlich zu sein und akkurat zu planen. Ich bin zwar Deutscher, habe aber auch lange in Brasilien gelebt und mich an das dortige Zeitgefühl gewöhnt. Der Brasilianer lebt das Leben und nimmt es da manchmal nicht so genau. Das durfte ich dort tagtäglich aufs Neue kennen lernen und erleben.

Zum Beispiel hatte ich Freunde zu einem Grillfest eingeladen. Pünktlich zur Einladungszeit war alles vorbereitet und fertig, doch niemand kam. Erst gut zwei bis drei Stunden später trudelten langsam die ersten Gäste, richtig voll wurde es erst vier Stunden nach meiner Einladung. Man hat mir wohl mein verdutztes Gesicht angesehen und ein brasilianischer Freund gab mir den Tipp, dass Brasilianer eine private Einladung meist als Startzeit sehen und dann so kommen, wie es in den eigenen Tagesplan passt.

In Brasilien gibt es also keine starre Startzeit für einen Termin. Brasilianer leben mehr nach ihrer inneren Uhr, statt sich von außen stressen zu lassen. Das gilt aber – wichtig zu wissen – nur fürs Privatleben. Wenn es ums Geschäft geht, sind Brasilianer sehr zuverlässig und pünktlich.

Wie wichtig ist mir eigentlich Pünktlichkeit?

Ich finde es spannend, zwischen den Zeit-Einstellungen in Deutschland und Brasilien zu wechseln. In Brasilien überlege ich ständig: Bin ich jetzt privat oder geschäftlich unterwegs? Wie pünktlich muss ich sein und wie pünktlich wird der andere sein?

Pünktlichkeit sehe ich als etwas Positives an, gerade im beruflichen Bereich. Schließlich funktionieren alle unsere Gesellschaften auf Grund von Regeln und dazu zählt auch, die tägliche Zeitplanung einzuhalten. Aber bei privaten Feiern halte ich es etwas brasilianischer – da komme ich durchaus gerne ein wenig später, wenn das Fest bereits warm angelaufen ist.

Wie sehen Sie das? Wie gehen Sie vor? Kommentieren Sie gerne.

5 Kommentare
  • Christian Göwecke 21. November 2016 17:04

    Pünktlichkeit würdigt die Lebenszeit meines Gegenübers. Ich empfinde es daher als eine innere Verpflichtung, dass man andere Menschen nicht warten lässt. Denn mit Pünktlichkeit drückt man Respekt und Demut aus. Genau die Werte, die oftmals mit „verloren“ oder „wünschenswert“ in unserer Gesellschaft als Fehlend moniert werden. Die Demut hat ihren Wortstamm in der Dienmut – mal drüber nachdenken, ob es nicht hilfreich ist, sich in den Dienst des Anderen zu stellen.

  • Angelika Zwang 21. November 2016 06:58

    Lieber Sven,
    Pünktlichkeit ist auch für mich sehr wichtig – sei es beruflich wie privat. Gerne fahre ich mit einem Zeitpuffer von mindestens 30 Minuten los (bei langen Fahrten auch mal mehr als eine Stunde früher als notwendig). Es gibt für mich nichts Schlimmeres als zu spät zu kommen. Und wenn es doch passiert? Das ist mir furchtbar unangenehm, auch wenn ich nichts dafür kann (Stau auf der Autobahn etc.).
    Zwei „schlimme“ Beispiele: Zur Beisetzung meiner kleinen Schwester kam ich eine halbe Stunde zu spät zum Friedhof (man wartete damals gottlob auf mich) und zur Trauerfeier meines verstorbenen Schwagers konnte ich überhaupt nicht pünktlich ankommen – trotz sehr großem Zeitpuffer stand ich in einem Mega-Stau und kam knapp eine Stunde zu spät.
    Vielleicht ist dies der Grund, weshalb ich lieber viel zu früh losfahre – die Peinlichkeit, zu spät zu kommen und als unsensibel oder gar ignorant zu gelten macht mir echt zu schaffen.
    Und trotz großzügiger Gleitzeitregelung fahre ich lieber morgens bereits gegen 5.30 Uhr zur Arbeit – da bin ich dann gegen 6 Uhr im Büro und kann den Tag gut starten. 😉
    Liebe Grüße
    Geli

  • Sven L. Franzen 17. November 2016 16:57

    Sehr geehrter Herr Mühlenkamp,
    sehr geehrter Herr Schade,

    haben Sie besten Dank für Ihre Kommentare. Das freut mich, dass mein Blog Sie so zum „Kommentieren“ anregt. Es freut mich ebenfalls, dass wir uns in Punkto Pünktlichkeit so einig sind. Eine kurze Anekdote dazu: heute hatte ich einen Call mit einem Kunden und zu diesem war ich zu spät, da ich den Termin in Kanada eingetragen hatte. Inzwischen hatte sich die Zeitverschiebung geändert (auf Grund der Umstellung zur Winterzeit) und das Telefonat war schließlich bei mir eine Stunde später als vereinbart eingetragen. Die Reaktion des Kunden fand ich klasse: Er sandte mir meinen eigenen Blog als Link. Wir telefonierten schließlich mit 25 Minuten Verspätung – es war kein Problem und wurde positiv aufgenommen.

  • Stephan Schade 17. November 2016 15:20

    Hallo Herr Franzen,

    In der heutigen Zeit mit all ihrem Stress kann man mit Unpünktlichkeit komplette (durchorganisierte) Tage von Geschäftspartnern ruinieren, man sollte es also tunlichst vermeiden. Auf der anderen Seite könnte uns ein wenig mehr „brasilianische“ Pünktlichkeit hin und wieder nicht schaden, sonst kommt man nur pünktlich zu seinem eigenen Herzinfarkt 😉
    Mit einem Augenzwinkern
    Stephan Schade

  • Berthold Mühlenkamp 17. November 2016 08:43

    Hallo Herr Franzen,
    Pünktlichkeit ist für mich auch eine Tugend. Ich zolle dem Gesprächspartner damit meinen Respekt – ausserdem hat es für mich auch etwas mit Selbstorganisationstalent zu tun.
    In meiner beruflichen Vergangenheit war mir zudem wichtig mit Pünktlichkeit auch immer eine Vorreiterrolle einzunehmen, bzw. als Vorbildfunktion zu dienen.
    Natürlich habe ich auch das Gegenteil kennen gelernt: Gesprächspartner und auch Mitarbeiter die permant zu kamen und sogar Geschäftsführer die in der Vorstellung lebten, das das „Privilig des zu spät Kommens“ die Wichtigkeit Ihrer Person unterstreichen würde.
    Natürlich passiert es auch mir mal das ich zu spät gekommen bin, aber durch eine gutes Zeitmanagement und eine funktionierende Selbstorganisation sollten das Ausnahmen bleiben…
    Freundliche Grüße
    Berthold Mühlenkamp

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