Schweige-Seminar Pssssst!

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Beim Schweige-Seminar drei Tage lang nicht reden dürfen? Davor hatte Vanessa Weber Respekt. Bis sie erkannte: Ich muss hier nicht schweigen. Ich DARF schweigen.

Beim Schweige-Seminar drei Tage lang nicht reden dürfen? Davor hatte Vanessa Weber Respekt. Bis sie erkannte: Ich muss hier nicht schweigen. Ich DARF schweigen.© FemmeCurieuse / photocase.de

Was bringt einen als Unternehmer voran: Netzwerken? Managementkurse? Teure Berater? Vanessa Weber hat drei Tage geschwiegen. Und überraschende Erkenntnisse gewonnen.

Eine Auszeit in der Stille – das hatte ich mir schon lange vorgenommen: einfach mal runterkommen, Zeit für mich haben. Neue Kraft schöpfen. Also buchte ich das Schweige-Seminar „Stille:Zeit“ mit Stefan Hund. Stefan ist evangelischer Pfarrer und Führungskräfte-Coach, wir haben uns über die Wirtschaftsjunioren kennen gelernt. Er erzählte mir, dass er diesmal ein Seminar speziell für weibliche Führungskräfte anbietet, im „Ruferhaus Stauffenburg“. Auf so eine Frauenrunde hatte ich Lust.

Das Ruferhaus ist ein altes Fachwerkhaus in Seesen am Südrand des Harz. Buchstäblich weit weg von allem: Um dort hin zu gelangen, muss man von der Hauptstraße abbiegen und drei Kilometer auf einem Feld-Wald-Wiesenweg fahren.

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Ich war die letzte, die dort ankam, bekam ein eiskaltes Zimmer mit scheußlicher grüner Tapete, musste das Bett selber beziehen. Und begann zu zweifeln, ob dieses Wochenende wirklich eine gute Idee war. Auch, weil mir der Gedanke an drei Tage Schweigen Respekt einflößte: Was würde passieren, wenn ich so viel Zeit zum Nachdenken habe? Würde das Gedankenkarussell sich immer schneller drehen, so wie es ab und zu passiert, wenn ich nachts aufwache und nicht mehr einschlafen kann?

Am ersten Abend schwiegen wir noch nicht. Wir stellten uns vor, aßen gemeinsam zu Abend. Danach saßen wir am Kaminfeuer zusammen und hörten Instrumentalmusik.

„Ich darf schweigen. Ich darf diese Zeit in der Stille genießen.“

Die stille Zeit begann am nächsten Morgen mit einem gemeinsamen Frühstück. Und mir huschte der Gedanke durch den Kopf: Haben wir uns eigentlich nichts zu sagen? Bis mir klar wurde: Ich darf schweigen. Ich muss nicht alle am Tisch unterhalten. Ich darf diese Zeit in der Stille genießen.

Und das habe ich auch getan. Obwohl wir nicht geredet haben, war die Stimmung in der Gruppe sehr angenehm und fröhlich. Und überraschenderweise ist mir das Schweigen gar nicht schwergefallen. Dabei bin ich sonst jemand, der viel zu erzählen hat.

Nach meiner harten Zeit Ende des letzten Jahres hat mir das Schweigen sehr geholfen. Mich beeindruckt, wie viel Ruhe und Gelassenheit mir diese drei Tage gegeben haben. Deshalb empfehle ich jedem, der sich manchmal gejagt und getrieben fühlt: Lasst euch auf das Schweigen ein! Ich jedenfalls habe mir vorgenommen: Diesen innerlichen Hausputz mache ich künftig jedes Jahr.

Das hat mich im Schweige-Seminar am meisten überrascht:

Überraschung 1: Ich habe oft nur den nächsten Schritt im Blick.

An einem Tag sind wir eineinhalb Stunden gewandert, gemeinsam, schweigend. Als Impuls gab uns Stefan diesen Satz mit auf den Weg: „Ich gehe, wie es mir geht.“ Ich begann sofort darüber nachzudenken, wie es mir eigentlich geht. Und ob ich wirklich so gehe, wie es mir geht: müde oder schwungvoll, zögerlich oder entschlossen, planlos oder zielstrebig.

Nach einer Weile blieb Stefan stehen und schaute sich um. Erst da merkten wir, dass wir die ganze Zeit über auf den Weg geschaut hatten, auf unsere Füße. Ich hatte den Blick nie mal schweifen lassen. Genauso geht es mir auch im Alltag oft: Ich konzentriere mich oft zu sehr auf die nächste, die übernächste Aufgabe. Und verliere das große Ganze aus dem Blick.

Überraschung 2: Wer weniger redet, schaut genauer hin.

Da wir nicht miteinander sprachen, mussten wir andere Wege finden, um uns miteinander zu verständigen. Als ich mir beim Essen die Salatschüssel nahm, suchte ich die Blicke der anderen Frauen am Tisch, fragte wortlos: Willst du auch noch was?

Bei unserer Wanderung war es selbstverständlich für mich, dass ich mich umschaue, um zu sehen, ob alle mitkommen. Schließlich konnte ja niemand sagen: „Hey, könnt ihr bitte mal warten?“

Auch mein Essen habe ich in der Stille viel bewusster wahrgenommen, jede einzelne Zutat und geschmackliche Note der wirklich sehr guten, frisch gekochten Speisen. Ich habe bewusst wahrgenommen, wann ich satt war. Auch das war auch ein neues Erlebnis für mich. Sonst sehe ich oft fern dabei, lese was im Handy oder unterhalte mich. Dann registriere ich gar nicht richtig, ob es mir schmeckt.

Überraschung 3: Man kann sich auch ohne Worte kennen lernen.

Ich bin eine Netzwerkerin: eine, die auf neue Leute zugeht, die ins Gespräch kommen will. Es war eine interessante Erfahrung, wie viel ich über andere erfahren kann, ohne mit ihnen zu reden: Wie gehen sie? Wie lächeln sie mich an? Welches Buch lesen sie? Wie reagieren sie, wenn ich beim „Mensch ärgere dich nicht“-Spielen ihre Figur rauskegele? Wir hatten ein sehr vertrautes Miteinander. Insbesondere bei den Mahlzeiten habe ich erlebt, wie verbindend gemeinsames Schweigen sein kann.

Überraschung 4: Nicht jede Sekunde nutzen zu wollen, tut gut.

Viele Unternehmer kennen den Gedanken: Ich muss das Gespräch am Laufen halten. Irgendwann machst du das nicht nur beim Geschäftsessen mit Kunden, sondern auch privat. Im Schweige-Seminar habe ich erfahren, wie erholsam es ist, mal nicht den Alleinunterhalter spielen zu müssen.

Selbst beim Autofahren höre ich meist Radio oder Hörbücher und telefoniere oft noch dabei. Auf der Rückfahrt war es anders: Ich hatte nicht das Gefühl, ich müsste jede Sekunde nutzen, unbedingt produktiv sein. Zwei Stunden lang habe ich einfach nur die Stille genossen. Das hat sich gut angefühlt.

Überraschung 5: Die Welt dreht sich auch ohne mich weiter.

Für die Stille Zeit gilt: kein Internet, kein Fernsehen, keine eigenen Bücher. Unsere Handys durften wir abgeben – oder zumindest in den Flugmodus versetzen.

Ich hatte zwar manchmal das Bedürfnis zu erfahren, was draußen in der Welt los ist. Aber ich bin diszipliniert geblieben und habe mein Handy nicht benutzt. Als ich es am Sonntag wieder anschaltete, hatte ich 68 Facebook-Nachrichten, 35 WhatsApp-Nachrichten und 60 Mails – und habe entschieden, dass ich das alles erst am Montag lese. Mein guter Vorsatz: keine geschäftlichen E-Mails mehr nach Feierabend und am Wochenende.

Überraschung 6: Bücher zu lesen bringt mir mehr als Nachrichten zu konsumieren.

Im Alltag komme ich selten zum Lesen. Beim Schweige-Seminar war das anders. Stefan hatte einige Bücher mitgebracht. Ich habe ein Buch von Pater Anselm Grün gelesen: „Achtsam sprechen, kraftvoll schweigen“. Es geht um die Macht von Worten, den Unterschied zwischen Gesprächen und leerem Gerede und um Achtsamkeit. Ungemein inspirierend.

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Noch mehr beeindruckt hat mich „Ganz oder gar nicht“ von Lance Secretan. Der Autor stellt darin sechs Prinzipien bewusster Führung vor: Mut, Authentizität, Dienen, Wahrhaftigkeit, Liebe und Effektivität. Hier habe ich besonders das Thema Authentizität mitgenommen. Ich will noch viel mehr als ohnehin schon auf meine Überzeugungen hören und mein Unternehmen im Einklang mit den Werten zu führen, die ich vertrete.

Überraschung 7: Runterkommen ist einfach wunderbar.

Am zweiten Schweigetag ging ich zu einem kleinen Teich in der Nähe. Das Wasser war ganz ruhig und spiegelglatt. Ich schaute auf das Wasser und erkannte: So fühlt es sich auch in meinem Kopf an. Ganz ruhig. Nichts rattert. Eine ganz neue Erfahrung. Ich bin runtergekommen. Bei mir angekommen.

Auf neue Ideen gekommen bin ich durch diese drei Tage Schweigen dennoch, da kann ich wohl nicht aus meiner Haut. Das nächste Schweige-Seminar, 2018, planen Stefan und ich gemeinsam – mit Pferden. Ich habe schon Erfahrung im Führen mit Pferden gemacht und denke, das könnte sich gut ergänzen: Pferde sind gute Sparringspartner, da sie ja nicht mit Worten kommunizieren 😉

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