Management „Sie sind unglaublich motiviert“: Wie Bauunternehmer Mezger Azubis in Spanien fand

  • Serie
Konrad Mezger (rechts) und seine neun spanischen Azubis beim offiziellen Empfang am 3. Juni 2013 in Ulm. Auch Raimund Becker (links neben Mezger), Vorstandsmitglied der Bundesagentur für Arbeit, begrüßte den Nachwuchs aus Südeuropa.

Konrad Mezger (rechts) und seine neun spanischen Azubis beim offiziellen Empfang am 3. Juni 2013 in Ulm. Auch Raimund Becker (links neben Mezger), Vorstandsmitglied der Bundesagentur für Arbeit, begrüßte den Nachwuchs aus Südeuropa.© Handwerkskammer Ulm

Von Andalusien nach Deutschland: Seit Anfang Juli machen neun junge Spanier ein Praktikum beim Bauunternehmen Geiger + Schüle in Ulm, im Herbst soll die Ausbildung starten. Im Interview mit impulse.de erklärt Firmenchef Konrad Mezger, wie er die Nachwuchskräfte gefunden hat, auf was man als Unternehmer unbedingt achten sollte - und wo es in der Praxis noch hapert.

Geiger + Schüle Bau ist eines der ersten Unternehmen, in das die Zentrale Auslands- und Fachvermittlung (ZAV) der Arbeitsagentur in diesem Jahr über ein neues Förderprogramm neun Auszubildende aus Südeuropa vermittelt hat. Im Interview mit impulse.de berichtet Firmenchef Konrad Mezger, warum er sich entschieden hat, Mitarbeiternachwuchs in Spanien zu suchen, wie die ZAV ihn dabei unterstützt hat – und was künftig noch besser laufen muss.

 

Anzeige

impulse.de: Warum haben Sie sich dazu entschlossen, neun junge Spanier als Auszubildende in ihr Unternehmen zu holen?

Konrad Mezger, Geschäftsführer Geiger + Schüle Bau: Wir haben in den letzten Jahren mit wachsender Sorge gesehen, dass es immer schwieriger wird, geeigneten Nachwuchs zu finden. Früher waren eigentlich immer etwa zehn Prozent unserer Belegschaft Auszubildende. Das ist zurückgegangen in den letzten zwei, drei Jahren, auf fast die Hälfte. 2012 konnten wir sechs Ausbildungsplätze nicht besetzen. Das hat mich bewogen, diesen Weg zu gehen.

Wie kommt es, dass alle aus Spanien stammen?

Ich war vor zwei Jahren mit meiner Frau im Urlaub auf Mallorca. Eines Nachmittags saßen wir auf einem Marktplatz und haben Kaffee getrunken. Währenddessen habe ich eine große Schar Jugendlicher gesehen, die Fußball gespielt haben und gedacht, das wären die Leute, die du suchst. Das waren nette, kräftige, ordentliche junge Leute. Anfang 2012 habe ich dann mit der Handwerkskammer gesprochen. Sie hat uns dabei sehr stark unterstützt. Ende 2012 wurde es dann immer konkreter. Wichtig war mir, dass es für das Ausbildungsjahr 2013 läuft. Das hat erst nicht so ausgesehen, im April ging dann aber plötzlich alles ganz schnell. Ein Mitarbeiter der Zentralen Auslands- und Fachvermittlung, Ramiro Vera-Fluixá, hatte Interviewtermine in Spanien vereinbart. Und dann hieß es: Jetzt auf, rein in den Flieger und ab nach Andalusien.

Wie viele Gespräche haben Sie dort geführt?

Insgesamt 15 bis 20, in zweieinhalb Tagen. Es ging morgens los, vor 7 Uhr waren Herr Vera-Fluixá  und ich schon auf den Beinen, mittags sind wir mit dem Zug von Malaga nach Sevilla gefahren. Und dann haben wir um 16 Uhr wieder weitergemacht, bis abends. Am Ende haben wir eine Auswahl getroffen. Ich war wirklich sehr begeistert, wie die Sache gelaufen ist. Herr Vera-Fluixá war die ganze Zeit mit dabei. Wir haben mit ihm wirklich einen hervorragenden Mitarbeiter von der ZAV bekommen, der fließend Spanisch und genauso gut Deutsch spricht, aber auch fachlich gut ist.

Sprechen Sie Spanisch? Oder hat er für Sie übersetzt?

Er hat gedolmetscht. Das war ganz prima. Er hat auch diese Untertöne mitbekommen, die jemand nicht so mitkriegt, wenn man die Fremdsprache bloß so gelernt hat. Diese gefühlsmäßigen Dinge, die konnte er auch rüberbringen und einem erzählen. Das ist eine ganz wichtige Sache, dass man nicht das ein oder andere übersieht oder nicht mitbekommt.

Hatten Sie vorher die Lebensläufe der Kandidaten?

Ja, ich hatte einen kurzen Abriss, was sie vorher gemacht haben. Das war vielleicht eine Din A4 Seite, sodass man ein bisschen wusste, was sie bisher gemacht haben.

Was war für Sie ausschlaggebend, sich für diese neun zu entscheiden?

Sie konnten authentisch rüberbringen, dass sie das, was sie bei uns machen wollen, auch wirklich wollen. Das sind Leute, die sagen, das ist für mich eine Mordschance, und die muss ich jetzt nutzen, sonst drehe ich mich in Spanien weiterhin im Kreis. Und wollen das jetzt wirklich hinkriegen.

Welche fachlichen Qualifikationen hatten die Bewerber?

Das war unterschiedlich. Sie haben meistens schon ein bisschen im technisch-handwerklichen Bereich gearbeitet oder in der Freizeit jemandem geholfen, die Installationen im Haus zu verlegen oder einen Hof zu pflastern. Sie sind alle arbeitslos gewesen, haben aber temporär gejobbt – in der Gastronomie oder im Handel. Das war nicht so überragend. Aber man merkt schnell, ob jemand Angst hat, ein Werkzeug in die Hand zu nehmen, oder ob er einer ist, der zupackt. Das bekommt man im Gespräch heraus, wenn man mit ihnen eine Stunde lang spricht. Dann hat man einen Eindruck von jemandem – und kann sich ein Bild machen. Deswegen ist es ganz wichtig, dass man sich die Zeit nimmt, sie zu treffen. Mir war am Ende klar: Der muss in der Kolonne oder in diesem oder jenem Bereich auf jeden Fall arbeiten, der eignet sich hierfür oder dafür.

Wie lange haben die einzelnen Gespräche gedauert?

Etwa eine Stunde.

Würden Sie im Nachhinein wieder nach Spanien fliegen?

Ja. Wenn man miteinander ein Vieraugen- oder Sechsaugen-Gespräch führt, bekommt man einen ganz anderen Eindruck, wie wenn man nur Beschreibungen von seinen bisherigen Erfahrungen und seiner Vita liest. Das ist höchstens ein Drittel dessen, was wichtig ist, um zum Erfolg zu kommen. Die persönliche Ansprache ist ein unglaublich wichtiger Aspekt. Und es muss da irgendwas rüber springen, dass man merkt, der passt zu uns.

Sie haben aber auch Interviews über das Internet geführt. Wie ist das gelaufen?

Ja, über Skype haben wir auch Interviews geführt. Aber es ist nicht so gut, wie wenn sie mit den Leuten direkt in Kontakt sind. Das war auch nicht ganz schlecht. Aber das andere war schon wesentlich besser. Es ist ganz klar: Wenn man sich gegenüber sitzt, in die Augen schauen kann und die persönliche Atmosphäre spürt, dann ist das etwas anderes, wie wenn man das über so ein Medium macht.

Seit wann sind die Spanier nun in Deutschland?

Sie sind Anfang Juni nach Deutschland gekommen, und haben zuerst einen Monat nur Sprachkurs gemacht. Seit dem 1. Juli sind sie zwei Tage im Praktikum auf der Baustelle und vier Tage im Sprachkurs. Am Ende dieses Praktikums steht dann die Frage: Wird er übernommen als Azubi? Oder nicht. Noch sind beide Seiten nicht hundertprozentig aneinander gebunden.

Wie ist ihr Eindruck von den Spaniern bisher?

Bis jetzt kann ich mich nicht beklagen. Die Motivation hält nach wie vor an. Und auch die Mitarbeiter sagen, dass das ganz andere Leute sind als hier bei uns, dass sie viel ernsthafter und motivierter an das Geschäft herangehen als das Deutsche tun.

Der Sprachkurs fällt ihnen natürlich schon schwer. Deutsch ist eben auch nicht gerade eine ganz leichte Sprache. Bei dem einen oder anderen geht es schon ganz gut –  natürlich noch sehr rudimentär, aber man kann sich einigermaßen in einfacher Weise mit ihnen unterhalten. Andere sind noch nicht so weit. Für mich ist die Frage: Packen sie es, dass sie bis Ende August so weit sind, dass sie Anfang September eine Ausbildung anfangen können.

Sind sie optimistisch, dass es klappt?

Aus der heutigen Sicht würde ich sagen, das müssen wir hinkriegen. Ich will jetzt nicht sagen, dass es zu 100 Prozent klappt. Aber wir sollten es eigentlich schaffen, dass es kein Problem gibt. Das sind die jungen Leute wert. Es ist eine Freude, ihnen zuzusehen. Sie sind unglaublich motiviert. Und meine Mitarbeiter sind auch der Meinung, dass die das ordentlich hinbekommen werden.

Ist das Praktikum vorher Pflicht?

Wenn es ohne Praktikum geht, hat das Arbeitsministerium sicherlich auch nichts dagegen. Aber das wird sicherlich unumgänglich sein, weil in der Regel Sprachkurse notwendig sind, die in dieser Praktikumszeit absolviert werden müssen. Und die neuen Mitarbeiter müssen ja auch sehen, ob ihnen der Beruf, den sie sich ausgesucht haben, überhaupt liegt. Und der Betrieb muss sehen: Packen die das?

Worauf muss man als Unternehmer noch achten, damit es ein Erfolg wird?

Neben der Sprache ist die sozialpädagogische Betreuung sicherlich wichtig, damit sie – wenn sie hierher kommen – nicht in ein riesiges Loch fallen, sondern jemand haben, der sich um sie kümmert, auch in der Freizeit. Dass sie sich nicht verlassen vorkommen. Und auch im Unternehmen müssen sie einen Ansprechpartner haben.

Was haben Sie dafür konkret organisiert?

Die Handwerkskammer hat sich sehr intensiv darum gekümmert, dass der schulische Bereich abgestimmt wird. Sie hat auch die Unterkunft organisiert. Die Azubis sind jetzt in einem Wohnheim der Handwerkskammer untergebracht. Das ist natürlich auch wieder ein Nachteil, weil dort spanisch sicherlich die erste Sprache ist. Wichtig ist aber, dass sie dort gut aufgehoben sind. Außerdem kümmert sich der spanische Verein hier sehr intensiv um sie. Dort macht ein Deutscher die sozialpädagogische Betreuung, der 25 Jahre lang in Argentinien war und deshalb weiß, wie es ist, im Ausland zu leben, ein Handwerksmeister. Der hat es sich richtgehend auf die Fahnen geschrieben, die Leute intensivst zu begleiten und sie soweit es geht zu unterstützen. Das ist eine ganz ganz wichtige Sache, dass die außerbetrieblichen Dinge gut organisiert sind.

Was läuft noch nicht optimal, auch im Hinblick auf das Förderprogramm MobiPro-EU, über das die Azubis Zuschüsse zu ihren Reise- und Umzugskosten und Sprachkurse finanziert bekommen?

Es gibt schon noch einiges, was man nachbessern muss. Die Bürokratie ist schon sehr schwerfällig. Bis etwas durchgeht und Anträge bewilligt sind, dauert es zum Teil lange.

Über das Programm wird auch ein Zuschuss zum Lebensunterhalt von maximal 818 Euro gezahlt. Wie sieht es damit in der Praxis aus?

Das hört sich zunächst einmal sehr großzügig an. Das ist auch durchaus großzügig, während des Praktikums auf jeden Fall. Aber wenn sie nachher in der Ausbildung sind, bekommen sie ja eine sehr opulente Ausbildungsvergütung. Und dann muss der Bund nicht mehr so furchtbar viel dazu schießen, beziehungsweise wenn sie dann 818 Euro oder mehr als Ausbildungsvergütung bekommen, zahlt der Bund gar nichts mehr. Sie bekommen zwar den Flug bezahlt, und die Sprachschule, das muss man schon sehen. Aber dann relativiert sich das auf jeden Fall sehr schnell.

Was lief besonders gut?

Wir haben sehr sehr Glück gehabt, mit Herrn Vera-Fluixá einen hervorragenden Mitarbeiter von der ZAV bekommen zu haben, der das mit Herzblut macht. Es war ihm ein persönliches Anliegen, das gut zu machen. Und solche Leute findet man ja nicht gerade wahnsinnig viele.

 

Für die Bewerbungsgespräche hatte ZAV-Teamleiter Ramiro Vera-Fluixá aus 150 Kandidaten am Ende 20 ausgewählt, die er im April gemeinsam mit Konrad Mezger in Andalusien getroffen hat. Im nächsten Teil der Serie erklärt er, worauf er dabei geachtet hat, welche Qualifikationen viele Spanier mitbringen – im Gegensatz zu deutschen Bewerbern. Und was aus seiner Sicht ein wichtiger Schlüssel zum Erfolg ist.

Hinterlassen Sie einen Kommentar

(Kommentare werden von der Redaktion montags bis freitags von 10 bis 18 Uhr freigeschaltet)

Bitte beantworten Sie die Sicherheitsabfrage (Anti-Spam-Schutz): * Time limit is exhausted. Please reload CAPTCHA.