Management Wie Stewart Butterfield ganz nebenbei Slack und Flickr erfand

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Stewart Butterfield, der Geschäftsführer von Slack, ist im Silicon Valley bekannt für radikales Umdenken in schwierigen Situationen.

Stewart Butterfield, der Geschäftsführer von Slack, ist im Silicon Valley bekannt für radikales Umdenken in schwierigen Situationen.© David Paul/Getty Images

Stewart Butterfield hat Millionen verbrannt. Zwei Mal scheiterte er mit der gleichen Geschäftsidee. Zwei Mal entstand nebenbei ein Erfolgsprodukt: erst der Fotodienst Flickr und nun die Büro-App Slack.

Als es vorbei war, so erzählt er es selbst, weinte Stewart Butterfield. Jahrelang hatte er für seine Idee geackert. Er wollte mit seinem Team etwas entwickeln, das die Welt noch nicht gesehen hat. Ein futuristisches Videospiel, das nie endet und auf unglaublich vielen Ebenen abläuft – in der Gedankenwelt von Riesen. Es funktionierte nicht. Niemand, außer einer Handvoll Computerfreaks, verstand auch nur annähernd den komplexen Ansatz des Spiels.

So versammelte Butterfield eines Tages sein Team in der Firmenzentrale im kanadischen Vancouver, wählte die Kollegen in San Francisco per Telefon ein und teilte ihnen die traurige Nachricht mit: Sie waren gescheitert. Sie würden nicht weiter an dem Spiel arbeiten. Doch – wie bei seinem ersten Misserfolg – sollte das Ende seines Traums der Beginn einer spektakulären Erfolgsgeschichte werden. Es ist eine Geschichte, wie Amerika sie liebt.

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Butterfields Erfindung Slack könnte die E-Mail verdrängen

Stewart Butterfield ist der Mann der Stunde im Silicon Valley. Mit 41 Jahren etabliert der Kanadier gerade sein zweites erfolgreiches Online-Geschäftsmodell. Der Fotodienst Flickr, den er vor Jahren gründete, hat ihn in der Start-up-Szene berühmt und reich gemacht. Sein neues Start-up soll die Kommunikation im Büro verbessern. Obwohl Slack erst 2014 gegründet wurde und bislang nur einige Millionen Dollar Umsatz erlöst, wird das Unternehmen bereits mit sagenhaften 2,8 Milliarden US-Dollar bewertet. Die Geldgeber stellten gerade erst weitere 160 Millionen Dollar für das Wachstum bereit.

Weltweit wollen Menschen wissen, wie Butterfield das geschafft hat. Am Rande der Internetkonferenz DLD in München sitzt er in einem Interviewraum. Die Augen sind etwas müde, die Stimme klingt, als hätte er in der Nacht zuvor als einer der Letzten die Party verlassen. Butterfield spricht leise, fast schüchtern: „Wir hatten auch das unfassbare Glück, Slack zu einem günstigen Zeitpunkt rauszubringen“, sagt er. „Die Leute waren offen für unsere Idee.“

Seine Idee, glauben manche Experten, könnte sogar die E-Mail verdrängen. Etliche Unternehmen in Nordamerika nutzen Slack bereits. Technologiegetriebene Firmen wie AOL und Airbnb, aber auch eher konservative Konzerne wie Sony oder NBC Universal. Für viele Start-ups gehört Slack genauso zur Grundausstattung wie der obligatorische Kickertisch. 93 Prozent aller Firmen, die Slack einmal ausprobiert haben, entscheiden sich später für die zahlungspflichtige Version, teilt das Unternehmen mit.

„Du musst deine Idee in einem Satz erklären können“

Das Angebot der App erscheint simpel: Nachrichten eines jeden Mitarbeiters werden wie bei anderen Messenger-Diensten zentral an einem Ort gebündelt, egal, ob sie von einem Laptop oder einem Smartphone geschickt werden, ob sie über SMS oder Social-Media-Programme wie Twitter einlaufen. Während aber bei vielen Internetgründungen nicht ganz klar ist, wie sie einmal Geld verdienen wollen, zahlen heute bereits Tausende Firmenkunden für den Dienst – weil ihre Mitarbeiter einen Mehrwert darin sehen. Von einer halben Millionen Menschen, die Slack im März täglich nutzten, seien bereits 135.000 zahlende Mitglieder gewesen, so das „Wall Street Journal“.

Pro Nutzer sind rund 7 Dollar im Monat fällig – für größere Unternehmen ist Slack durchaus ein kostspieliges Vergnügen. Und Butterfield schwebt noch viel mehr vor: Die Messenger-Funktion ebnet Slack den Weg in die Unternehmen, dort soll das Programm schon bald zur digitalen Schnittstelle für alle möglichen Programme werden. Slack soll, so der Plan, für die Büroarbeit so alltäglich und dominierend werden wie die Office-Anwendungen von Microsoft.

Dabei war Slack einst nur ein Nebenprojekt von Butterfield und seinen Spiele-Entwicklern. Mit der Software wollten sie ihre eigene Zusammenarbeit verbessern. 2013 nahm Butterfield sein Videospiel wegen mangelnder Nachfrage vom Markt, 12 Millionen US-Dollar hatten er und seine Geldgeber investiert – und kurz bevor das Geld zur Neige ging die Reiß­leine gezogen. „Du musst deine Idee in einem Satz erklären können, sonst wird es schwierig“, sagt der Gründer im Nachhinein über den Flop.

Seine Vision einer neuen Art zu spielen bekam er nie in einen Satz gepresst. Um nicht alle Mühe der insgesamt dreieinhalb Jahre abzuschreiben, arbeitete Butterfield fortan mit einem kleineren Team weiter, um zumindest ihre Kommunikationsplattform zu perfektionieren. Weniger aufregend sei das Produkt, sagt er heute, aber klar auf einen Markt und einen Nutzen fokussiert.

Flickr verkaufte er für 20 Millionen Dollar

Butterfield, so sagen sie im Silicon Valley, sei der König der Pivots (wörtlich „Drehpunkt“) – so bezeichnen amerikanische Gründer einen radikalen Schwenk, bei dem ein Start-up seine Ausrichtung und Strategie radikal ändert, um zu retten, was zu retten ist. Heute ist das nicht unüblich, doch Butterfield war einer der ersten Pivots. Mit Slack hat er bereits zum zweiten Mal einen radikalen Schwenk vollzogen. Bei seinem ersten Versuch, ein Videospiel auf den Markt zu bringen, ersann er mit seiner damaligen Frau und seinem Team Flickr, den erfolgreichen Fotodienst im Internet.

Als ihm zwei Jahre nach der Gründung das Geld ausging, ließ Butterfield seine Entwickler darüber abstimmen, ob sie weiter am Spiel basteln oder ihre Ressourcen darauf konzentrieren sollten, ihre Technologie zum Teilen von Fotos weiterzuentwickeln. Butterfield sprach damals auf einer Konferenz über Flickr, die Zuhörer waren begeistert. 2004 waren Fotos in Sozialen Medien das große Thema. Butterfield spürte diesen Trend.

Während das „Game Neverending“ nie zu Marktreife gelangte, entwickelte sich Flickr prächtig. Monat für Monat verdoppelte sich die Zahl der Nutzer. Es folgte ein Jahr wie im Rausch, dann kaufte Yahoo das Start-up für 20 Millionen Dollar. Nach der Übernahme blieb Butterfield einige Jahre beim Internetkonzern, nur, um sich dann wieder selbstständig zu machen. Er ordnet sich nicht gern unter, sucht lieber den eigenen Weg.

„Wir wollen so werden, wie Microsoft war, als es noch cool war“

Das mag auch an Butterfields Herkunft liegen. Denn seine Eltern waren Hippies. Der Vater floh, wie er einmal in einem Interview erzählte, wegen des drohenden Kriegseinsatzes in Vietnam aus den USA über die Grenze nach Kanada. Butterfield wurde in einer Kommune ohne Strom und Wasser geboren. Seine Eltern nannten ihn Dharma – was in indischen Religionen Ethik oder Moral bedeutet.

Mit zwölf Jahren ließ der Junge seinen Vornamen in Stewart ändern. „Das war der normalste Name, der mir damals einfiel“, sagt er. Mit 16 reiste er dann allein nach China, aus Neugier. Später schrieb er sich an der University of Victoria im Hauptfach Philosophie ein, absolvierte das Studium und wollte promovieren, als das World Wide Web seinen Durchbruch erlebte. Butterfield ließ den Doktortitel sausen und heuerte bei einem Start-up an. Die Freiheit des frühen Internets – die Idee, dass jeder mitmachen kann – war es auch, die ihn zum Gründer werden ließen.

Die Ziele, die er nun mit Slack anstrebt, könnten kaum ehrgeiziger sein. „Wir wollen so werden, wie Microsoft war, als es noch cool war“, verspricht er. „Ein Microsoft, das die Nutzer lieben!“ Schon bald will Butterfield auch ein Büro in Europa eröffnen.

An einen Verkauf denkt er diesmal nicht, sagt Butterfield, obwohl im Moment so viel Geld im Spiel ist wie nie zuvor und es gut möglich ist, dass bald ein Milliardenangebot eines Konzerns auf dem Tisch liegt. „Ich bin 41 Jahre alt. Die Chance, etwas wirklich Großes aufzubauen, kommt wahrscheinlich nie wieder.“

 

impulse-Magazin Mai 2015Dieser Artikel stammt aus der impulse-Ausgabe 05/15.

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