Management Störmanöver

Angst vor Eliten, ein Hang zur Gleichmacherei und der ewige Neid: Die Deutschen machen es ihren "Kapitalisten" nicht leicht. Dabei ist Unternehmertum die Lebensform des 21. Jahrhunderts.

Was für ein seltsames Schauspiel: Stolz halten die Deutschen ihr Gütesiegel „Made in Germany“ hoch, brüsten sich damit, eine der größten Volkswirtschaften der Welt zu sein, und haben doch ein gespaltenes Verhältnis zum Unternehmertum. In Statistiken – sei es zur Quote der Selbstständigen oder zur Anzahl der Gründer – schneiden die Deutschen regelmäßig schlecht ab. Viele scheuen vor dem Risiko zurück, haben Angst zu scheitern. Sicherheit geht vor. Wer, bitte schön, will schon Unternehmer werden?

Unternehmer haben hierzulande einen schlechten Ruf. Sie gelten als Kapitalisten. Und das ist, seit Karl Marx, ein Schimpfwort in Deutschland. Das negative Unternehmerbild hat eine lange Tradition. Bereits im 19. Jahrhundert, im Zuge der Industrialisierung, wurden Unternehmer als Fabrikherren karikiert: wohlstandsfett, mit Doppelkinn und Zigarre im Mund. Raffgierig, herzlos, menschenverachtend – die Bilder aus der Frühzeit des Kapitalismus sind Spiegelbild einer Realität, in der die Kluft zwischen Arm und Reich weit auseinanderging. Wer verstehen will, warum die Gleichung Unternehmer = Profitmaximierer = Ausbeuter bis heute ihre Wirkung zeigt, darf die jüngste Geschichte nicht ausblenden. Es sind vor allem zwei Namen, die hier ins Spiel kommen und die kaum gegensätzlicher sein könnten: Ludwig Erhard und Adolf Hitler.

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Dem Diktator gelang es, binnen wenigen Jahren den Elitebegriff zu diskreditieren. Er schaltete die politische Opposition aus, machte kritische Publizisten mundtot, brachte Wissenschaftler und Richter auf Linie; selbst die Kirchen fügten sich. Und viele Unternehmer entpuppten sich als meisterhafte Opportunisten. Kein Wunder, dass nach 1945 von Eliten, zu denen auch einflussreiche Unternehmer gehörten, so schnell keiner mehr etwas wissen wollte. Umso mehr Anklang fand das Modell der sozialen Marktwirtschaft, das auf Zusammenarbeit und Ausgleich setzte und den „Sozialpartnern“ eine starke Rolle einräumte. Das korporatistische Modell, das später mit dem Namen Ludwig Erhards verbunden werden sollte, war in Grundzügen schon in den letzten Kriegsjahren entwickelt worden – unter dem Eindruck einer Wirtschaft, die sich durch den Staat hatte missbrauchen lassen. Die Architekten einer künftigen Gesellschaftsordnung drangen auf ein stärkeres Gegengewicht zur Machtfülle der Unternehmer und Manager: Betriebsräte und Gewerkschafter, von den Nazis verfolgt, sollten mit weitreichenden Rechten ausgestattet werden. Auch die Mitbestimmung von Arbeitnehmern in Aufsichtsräten und Vorständen, nur wenige Jahre nach Kriegsende eingeführt, wäre ohne dieses Trauma kaum vorstellbar gewesen.

Es sind neben den unternehmerkritischen Traditionen wohl vor allem diese historischen Gründe, die den deutschen Drang nach sozialem Ausgleich und die Skepsis gegenüber Eliten erklären: ein schwerer Stand für Unternehmer, die für eine freie Marktwirtschaft und einen gesunden Wettbewerb mit Gewinnern und Verlierern eintreten und mit ihrem Kapital nicht zuletzt als Arbeitgeber eine herausragende Rolle in der Gesellschaft spielen.

In den Wirtschaftswunderjahren der 50er und 60er genossen Unternehmer für eine kurze Zeit einen respektablen Ruf, alle wollten teilhaben am Wohlstand. Die Ernüchterung folgte mit dem Anstieg der Arbeitslosenzahlen in den 70er-Jahren, als sich die schmerzhafte Erkenntnis durchsetzte, dass auch das Wachstum Grenzen kennt. „Die Bundesrepublik Deutschland ist ein übelgelauntes Land“, schrieb Johannes Gross damals, „aber ihre Einwohner sind glücklich und zufrieden.“ Als der Publizist 1980 das Magazin impulse gründete, war der Ruf der Unternehmer längst ramponiert. Der neue Titel sollte eine „Plattform für die Kommunikation innerhalb der mittelständischen Wirtschaft bieten“, ihr aber auch Gehör in der Öffentlichkeit verschaffen. An der Skepsis gegenüber Unternehmertum hat sich bis heute wenig geändert.

Krise nährt Klischee.

Die aktuelle Finanzkrise ist vor diesem Hintergrund nicht nur eine gewaltige Zäsur, die selbst die abgeklärten Banker erschrecken ließ – die Weltwirtschaft stand nach der Lehman-Pleite am Rande des Zusammenbruchs –, sie hat auch die traditionellen Klischees wiederbelebt und die Skepsis gegenüber der Wirtschaft bestärkt. Die Politik, noch zur Jahrtausendwende zu Zeiten der New Economy in der Defensive, hat das Steuer wieder übernommen. Ihre Aufgabe: für mehr Transparenz und Kontrolle zu sorgen oder – metaphorisch ausgedrückt – die „entfesselte“ Wirtschaft wie ein wildes Tier zu bändigen.

Es ist kein Zufall, dass angesichts der verbreiteten Ressentiments die Metapher der Heuschrecke, 2005 vom damaligen SPD-Chef Franz Müntefering populär gemacht, in Deutschland auf solch eine große Resonanz gestoßen ist – und heute längst nicht mehr nur zur Charakterisierung von Beteiligungsgesellschaften eingesetzt wird. Angesicht einer komplexen Wirklichkeit ist die Öffentlichkeit (das schließt Journalisten ausdrücklich ein) schnell mit animalischen Bildern zur Stelle. Ob Heuschrecken, Blutsauger oder Finanzhaie – die Bilder rufen Emotionen hervor und erschweren damit eine differenzierte Auseinandersetzung über ökonomische Prozesse. Leidtragende dieser intellektuellen Verweigerungshaltung sind Unternehmer, die in gleichem Maße wie Banker oder Manager für die Exzesse der vergangenen Jahre verantwortlich gemacht werden.

Das Misstrauen ist groß. Wer macht sich schon die Mühe zu unterscheiden? Banker verkauften ihren Kunden skrupellos Produkte, die sie selbst nicht verstanden, und jonglierten wie im Rausch mit Milliardensummen, die ihnen längst entglitten waren. Manager setzten auf kurzfristige Gewinne, schadeten so mutwillig ihren Firmen und nährten den bösen Verdacht, sie seien ohnehin nichts anderes als Söldner, die sich für ein (unangemessen) hohes Salär verdingen. Ausgestattet mit einem Vertrag auf Zeit, seien sie auswechselbar und könnten ebenso gut an anderer Stelle wirken.

Wie sollen Unternehmer sich diesem negativen Bild entziehen? Auch wenn gerade Familienunternehmer vorsichtiger agierten und jetzt in einem positiveren Licht erscheinen als vor der Krise, werden sie dennoch oft in Kollektivhaftung genommen. Warum dies so ist, hat mit dem tief wurzelnden Bedürfnis der Deutschen nach Sicherheit und Gerechtigkeit zu tun. Sie scheuen nicht nur das Risiko. Sie können es auch schlecht ertragen, wenn sich Unterschiede auftun. Wohl in kaum einem Land ist der egalitäre Hang, Widersprüche der Gesellschaft mit einer gewaltigen Umverteilungsmaschinerie auszugleichen, so groß wie in Deutschland – auch das eine Spätfolge der traumatischen Ereignisse des 20. Jahrhunderts.

Nikolaus Förster
Nikolaus Förster, seit 2009 Chefredakteur von impulse, zuvor zehn Jahre bei der Financial Times Deutschland, ist Herausgeber des Buchs „Die kreativen Zerstörer der deutschen Wirtschaft“. 2007 arbeitete er als Bucerius Fellow an der Harvard University zum Thema Kapitalismus.

Wunsch nach Selbstbestimmung

Kein Wunder, dass Unternehmern – die darauf aus sind, den Status quo zu verändern – Misstrauen entgegenschlägt. Sie bringen Dynamik in die Wirtschaft, hebeln veraltete Geschäftsmodelle aus und stoßen ökonomische und gesellschaftliche Veränderungen an; der österreichische Ökonom Joseph Schumpeter hat dies 1942, als er in Harvard lehrte, mit der berühmten Formulierung der „kreativen Zerstörung“ auf den Punkt gebracht. Altes zu zerstören und Neues zu schaffen, das sei das „wesentliche Faktum“ des Kapitalismus. Dieser Prozess gleiche einem Feuer, das immer wieder neu entflammt und verbrannte, fruchtbare Erde hinterlässt.

Unternehmer spielen seit Schumpeters Schriften nicht nur eine wichtige Rolle in der Wirtschaftstheorie. Sie stehen zugleich für eine Lebensform, die den Wunsch der Menschen nach Autonomie und Selbstbestimmung widerspiegelt. Sich aus Abhängigkeiten zu befreien, etwas Neues aufzubauen, sein eigener Herr zu sein – all dies sind zutiefst aufklärerische Momente. Doch der Mythos des Selfmademan, die unglaublichen Geschichten vom Tellerwäscher, der es aus eigener Kraft zum Millionär bringt, finden in Deutschland kaum Widerhall. Was in den USA wie eine Verheißung klingt, wird hierzulande als Bedrohung wahrgenommen: die Dinge selbst in die Hand zu nehmen. Das Anspruchsdenken ist hoch: eine gute Ausbildung, eine lebenslange Arbeitsplatzgarantie, ein geregelter Urlaub, eine sichere Altersvorsorge – all dies wünschen sich die Deutschen. Und stets sind es die anderen, die dafür sorgen sollen. Es lebt sich gut in der Rolle des Empfängers von Wohltaten. „Ein junger Deutscher“, schrieb Johannes Gross Ende der 80er-Jahre, „wird daran gewöhnt, ja, er wird dazu erzogen, dass Wagemut, Abenteuerlust, Unternehmergeist nur als Schlagwörter für die Freizeitgestaltung ihr Recht haben, aber keinen Platz in der Wirtschaft oder im eigenen beruflichen Leben.“

Der Wunsch nach Selbstbestimmung, den Unternehmer wie kaum eine andere Gruppe verkörpern, geht im 21. Jahrhundert mit zwei wichtigen Entwicklungen einher: dem Ende der traditionellen Erwerbsbiografie und dem Durchbruch der Internettechnologie. Die Zeiten, als Menschen – und ihre Familien – über Generationen hinweg für ein Unternehmen arbeiteten, von der Wiege bis zur Bahre, sind vorbei. Heute sind unbefristete Arbeitsverhältnisse zunehmend die Ausnahme, Menschen werden entlassen, orientieren sich neu, erlernen einen zweiten oder dritten Beruf. Und mit jeder Zäsur – auch wenn sie oft als Niederlage empfunden wird – ergibt sich die Chance auf einen Neuanfang. Es ist kein Zufall, dass viele Neugründungen in wirtschaftlichen Krisenzeiten entstehen – und langjährige Angestellte sich mit einem Mal in Unternehmer verwandeln.

So entdecken viele erst spät und aus der Not heraus, dass es neben dem Angestelltendasein eine andere Lebensform gibt, die sehr viel mehr Selbstbestimmung verspricht. Dass das Internet seit der Jahrtausendwende die Hürden für die Gründung eines Unternehmens dramatisch heruntergesetzt hat, tut ein Übriges, Menschen neue Perspektiven zu eröffnen. Heute lassen sich viele webbasierte Unternehmen von zu Hause aus steuern.

Maßhalten

Es kommt ein zweiter, wesentlicher Punkt hinzu, der Unternehmertum auszeichnet: das richtige Maß – oder der bewusste Verzicht auf Extreme. Während in der Aufarbeitung der Finanzkrise ein Superlativ nach dem anderen an die Öffentlichkeit gespült wurde, gilt für die meisten Unternehmer die Maxime: maßhalten. Sie machen dem deutschen Begriff Mittelstand, der auch im Englischen verwendet wird, alle Ehre. Mittelstand definiert eben nicht nur eine Betriebsgröße – nach Umsatz- oder Mitarbeiterzahlen –, sondern umreißt auch einen Lebensstil. Selbst diejenigen, die mit ihren Ideen und ihrem Einsatz viel Geld verdient und viele Stellen geschaffen haben, sind meist bodenständig geblieben. Bei aller Risikofreude nicht abzuheben und sich selbst zu bescheiden ist eines ihrer Erfolgsgeheimnisse.

Warum ist das so? Es liegt keineswegs am fehlenden Ehrgeiz. Gerade der treibt Unternehmer an. Was sie bremst, ist die Kopplung des Eigentums an die persönliche Haftung. Wer für seine eigenen Fehler haftet, überlegt sich gut, wie er handelt. Die Haftung wirkt wie eine eingebaute Bremse, die den Eigentümer zur Vorsicht anhält und ihn daran hindert, alles auf eine Karte zu setzen. Handelt er zu risikofreudig, setzt er das gesamte Vermögen aufs Spiel.

Die Freiheit, die den Unternehmer als Eigentümer auszeichnet, wird auf diese Weise gekoppelt an den Wert der Verantwortung. Und die erstreckt sich nicht nur auf seine eigene Person. 95 Prozent der Firmen in Deutschland sind in Familienhand, das Wohlergehen der Firma ist also eng verknüpft mit dem der engsten Verwandten. Und auch mit dem der Mitarbeiter, deren Schicksale die Unternehmer oft persönlich kennen. Sie wissen, dass ihr Erfolg maßgeblich von der Loyalität ihrer Angestellten abhängt, und wollen dieses Vertrauen nicht enttäuschen. Die Identifikation der Unternehmer mit der eigenen Firma ist oft so groß, dass viele Betriebe über Generationen hinweg von Familienmitgliedern geführt werden – oder sie zumindest, als Gesellschafter, weiter ihren Einfluss geltend machen.

Schumpeter beschreibt diesen dynastischen Aspekt des Unternehmertums als „Traum und Willen, ein privates Reich zu gründen“. Vor diesem Hintergrund verwundert es nicht, dass die meisten Unternehmer einen Großteil ihrer Gewinne reinvestieren, um auf diese Weise die Substanz der Firma nachhaltig und auf Dauer zu stärken. Stärker kann man sich nicht von Akteuren, die kurzfristige Profite erzielen wollen und die Wirtschaft als Spiel begreifen, absetzen.

Schützende Rhetorik. Die Deutschen scheinen – nach der Wirtschaftskrise mehr denn je – fest entschlossen, sich von den erdrückenden Fakten, dem Erfolg ihrer eigenen Unternehmer, nicht beirren zu lassen. Sie halten an ihrer antikapitalistischen Rhetorik fest. Zu groß ist die Sehnsucht nach Stabilität, zu stark der Glaube, alles könne bleiben, wie es ist. Störmanöver: unerwünscht.

Dabei ist das, was die Unternehmer praktizieren, die Antwort auf die tief greifenden Veränderungen, denen sich niemand entziehen kann. Abschied nehmen von vermeintlichen Sicherheiten, sich radikal auf Neues einlassen und zugleich maßhalten – das ist die Lebensform schlechthin für das 21. Jahrhundert. Und eine Formel für erfolgreiches Wirtschaften.

Aus dem Magazin
Dieser Beitrag stammt aus der impulse-Ausgabe 9/2010.

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