Am Revers des schwarzen Jacketts von Gerhard Köhler steckt eine Nadel, die ihn als Schachspieler ausweist. Dritter war er bei DDR-Jugendmeisterschaften. "Das Schöne am Schach", sagt er, "man kann einen falschen Zug machen und am Ende trotzdem gewinnen." Die Partie Orwo gegen den übermächtigen Wettbewerb hat der 53-Jährige vor sieben Jahren übernommen. Es sieht so aus, als ob Köhler diese Partie gewinnen wird.
Gerhard Köhler ist Vorstandsvorsitzender der Orwo Net AG. Das klingt etwas hochgestochen im charmefreien Chemiepark Wolfen, wo der Wind über das hohe Gras weht. Sein Unternehmen beschäftigt 235 Mitarbeiter, machte 2009 fast 28 Millionen Euro Umsatz. Lachhaft, verglichen mit früher, als Orwo das Agfa der DDR war. Da arbeiteten noch Tausende auf dem Gelände und versorgten die halbe Welt mit Schwarz-Weiß- und Farbfilmen. Mit der Filmproduktion war es nach der Wende bald vorbei. Heute steht Orwo für ein Fotolabor. Und zwar für ein riesiges.
In drei fensterlosen Hallen bringt ein Maschinenmix aus Entwicklern, Belichtern, Cuttern und Sortierern "Deutschland privat" aufs Papier. Die Rechner surren. Analoge Filme sind nur noch ein Nebengeschäft, die meisten Bilder kommen als digitale Dateien in die Belichter. Aus den grauen Maschinen kriecht eine schier unendliche Schlange bunter Fotos: Babys und Kinder, Hochzeiten, Urlaubsschnappschüsse, Oma und Opa. Gearbeitet wird Tag und Nacht. 20.000 Fotos pro Stunde kann eine Maschine ausspucken. In der Hauptsaison, also in den Wochen vor Weihnachten, gehen von Wolfen aus täglich 1,4 Millionen Bilder auf die Reise.
Steigender Umsatz in kränkelnder Branche
Hinter CeWe Color und Fuji hat sich Orwo zum drittgrößten deutschen Finisher entwickelt, wie die Labore in der Branche heißen. Die Umsätze sind in den vergangenen fünf Jahren um durchschnittlich 45 Prozent pro Jahr gestiegen. In einer schrumpfenden Branche hat sich der Marktanteil in dieser Zeit auf zehn Prozent verzwanzigfacht. Und im November haben die Ostdeutschen ihren ehemals ersten Großkunden, Foto Quelle, aus der Insolvenz übernommen. Damit ist Orwo "endgültig eine interessante Größe", sagt Marcus Silbe, der die Branche für das Handelshaus Close Brothers Seydler analysiert.
Orwo, das ist die Geschichte eines Unternehmens, auf das niemand gewartet hat. Und das sich auf eine Branche stürzt, die ihre besten Zeiten hinter sich hat. Obwohl die Deutschen so viel fotografieren wie noch nie, hat sich die Zahl der Bilder, die in den Laboren auf Papier gedruckt werden, halbiert.
Als "spannend" bezeichnet das euphemistisch Rolf Hollander, Chef von Europas Branchenführer CeWe Color. "Eine Zeit für ganze Kerle." Sein Unternehmen hat in den vergangenen Jahren die Hälfte seiner Labore und Mitarbeiter abgestoßen und ist damit noch gut davongekommen. Andere haben ganz aufgegeben. Nicht nur Kleine. Agfa hat sich vor sechs Jahren von seiner Laborsparte getrennt, zusammen mit Kodak. Das Großlabor V-Dia ist 2004 in Konkurs gegangen. Und der Markt bereinigt sich weiter. Fuji, nach CeWe Color die Nummer zwei in Deutschland, schließt gerade zwei seiner derzeit noch vier Labore.
Stark aus Krisen
Doch bei Orwo in Wolfen rechnet Köhler mit Wachstumsraten. Ein jährliches Plus von mindestens zehn Prozent sollte es schon sein - das ist das konservative Szenario. Wie kann das sein? Stellen sich die anderen so dumm an? "Nein", sagt Christian Dyckerhoff, Vorstandssprecher der Wirtschaftsprüfungsgesellschaft BDO. "Aber Orwo hat es geschafft, die Krise der anderen optimal für sich zu nutzen."
Nicht nur die Krise der anderen, auch die eigene. Als der jetzige Firmenchef Gerhard Köhler das Unternehmen übernahm, hatte Orwo bereits zwei gescheiterte Anläufe hinter sich. Zwei Vorgänger hatten versucht, Orwo hinüberzuretten ins kapitalistische System. Der erste Versuch scheiterte an groben handwerklichen Schnitzern, der zweite am Timing. Gerade dieses doppelte Scheitern, und darin liegt fast eine Ironie, ermöglicht den heutigen Erfolg.
Am besten beurteilen kann das Peter Ulbricht. Er war von Anfang an dabei, heute ist er Geschäftsführer. Vor 35 Jahren heuerte der Physiker in der damaligen Filmfabrik Wolfen an, dem Mutterbetrieb des Fotochemischen Kombinats. Zusammen mit Ulbricht arbeiteten rund 15000 Menschen auf dem drei Quadratkilometer großen Gelände und produzierten Filme der Marke Orwo, "Original Wolfen".
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