Management Teambuilding: Und, wie klingt deine Maschine so?

Die finnische Firma Paroc produziert Steinwolle. Eine bodenständige Branche, eine bodenständige Firma. Dennoch setzte der Personalchef auf ungewöhnliche Hilfe aus der Kunstszene, als es im Unternehmen hakte.

Das Unternehmen Paroc stellt im baltischen Raum energieeffiziente Dämmstofflösungen her. Die Produktpalette umfasst den Hochbau, die technische Isolierung, den Schiffbau, Sandwich-Elemente und Akustik-Produkte. Die Produkte werden in Finnland, Schweden, Litauen, Polen und Russland hergestellt. Paroc hat Vertriebsniederlassungen in 14 Ländern Europas und beschäftigt über 2000 Mitarbeiter, darunter rund 700 in Finnland und 400 in Schweden.

Eigentümer der Paroc Group ist eine Unternehmensgruppe von Banken und mehreren institutionellen Gesellschaftern sowie die Belegschaft von Paroc, die eine Minderheitsbeteiligung besitzt. 2012 belief sich der Nettoumsatz auf 430 Millionen Euro. Seine Unternehmensstrategie hat Paroc auf fünf Kernziele ausgerichtet: Kundenorientierung, Mitarbeiterzufriedenheit, ständige Innovation, profitables Wachstum und nachhaltige
Entwicklung.

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Situation im Unternehmen
In den Jahren 2000/2001 muss Paroc umstrukturieren und verlegt eine Produktionsstätte aus dem schwedischen Skövde in das 55 km entfernte Hällekis an den Vänersee im Südwesten Schwedens. Dort gab es bereits eine Fertigungsfabrik. Fortan sollten beide Produktionsstätten zusammenarbeiten, die Organisation und der Ablauf der Produktion eng miteinander verknüpft werden.

Doch durch die unterschiedliche Geschichte und Entwicklung hatten die beiden Belegschaften sehr eigene Arbeitskulturen entwickelt. Was nach dem Umzug dazu führte, dass die Kooperation der Produktionsstätten nicht gut harmonierte. Die Kommunikation hakte, reibungslose und termingerechte Abläufe wurden wegen Unstimmigkeiten verhindert. Die Folge: Die beiden Produktionsstätten in Hällekis hatten im gesamten Unternehmen die schlechtesten Produktivitätskennzahlen.

Lars Lindström, Personalchef bei Paroc Schweden, war damals klar, dass das Management den Fokus stärker auf die Menschen statt auf die Maschinen legen müsste.

Idee hinter der Begegnung zwischen Unternehmen und Künstlerin
Auf einem Treffen für Personalmanager erfuhr Lindström von der Möglichkeit, das Betriebsklima durch eine „Künstlerische Intervention“ zu verbessern – damals vorgestellt von TILLT, einem schwedischen Vermittlungsbüro für Kunstinterventionen. Der Personalchef führte intensive Gespräche mit TILLT und ließ sich überzeugen, einen kreativen Workshop in sein Unternehmen hineinzutragen.

Klar war, dass es mit einem Wochenprogramm nicht getan sein würde. Das Problem in Hällekis schien komplizierter zu sein. Man einigte sich im Jahr 2008 auf ein Langzeitprojekt über knapp 12 Monate. Verschiedene Ideen und Ansätze für künstlerische Interventionen wurden diskutiert, bis man sich auf ein Projekt der Schauspielerin und Theaterdirektorin Victoria Brattström einigte.

Der Weg war durchaus steinig, erinnert sie sich rückblickend: „Wir mussten erst einmal das Eis brechen und dafür sorgen, dass Leute gemeinsam Spaß haben konnten. Sie müssen sich vorstellen, da gab es Leute, die hatten sich in mehr als dreißig Jahren noch niemals die Hand gegeben.“

Impulse und Inspirationen für Mitarbeiter
Brattström ließ es langsam angehen, traf sich zunächst einmal wöchentlich mit einer internen Projektgruppe, in der beide Belegschaften aufeinander trafen. Das zunächst sehr widerspenstige Team sollte das Unternehmen gemeinsam entdecken. Mit geschärftem Blick begaben sich die Mitarbeiter auf Entdeckungsreise, fotografierten ihre Arbeitsplätze im großen Ganzen und im Detail, lauschten den Geräuschen der Maschinen ihrer Fabrik und
nahmen sie mit dem Mikrofon auf. Die Ergebnisse verglichen sie miteinander: Wie sieht Dein Arbeitsplatz aus? Wie klingt Deine Maschine? Führt sie manchmal ein Eigenleben? Was machst Du dann?

Die Belegschaften stellten erstaunt fest, dass es jede Menge Verbindendes gab. Vertrauen und Sympathien wuchsen, man sprach miteinander. Über die Kunst konnten die Mitarbeiter der beiden Produktionsstätten auf Tuchfühlung gehen. Sichtbares Ergebnis der „Künstlerischen Intervention“ bildete in eine Foto-Ausstellung. Sie zeigte den einzelnen Menschen, das Individuum, in seiner Arbeitssituation. Die gesammelten Geräusche wurden fantasievoll zu einer Soundcollage montiert, so entstand ein „Lied der Fabrik“. Der Prozess der Annäherung glückte über das Sammeln von Informationen und die Suche nach Gemeinsamkeiten in einer sehr offenen Atmosphäre. Die Mitarbeiter fühlten sich einander näher und dem Unternehmen stark verbunden.

Irritationen und Vorurteile
Lars Lindström, Personalchef bei Paroc Schweden, erinnert sich rückblickend noch an die Vorbehalte und Bedenken, die er anfangs hatte: „Als ich den TILLT-Vortrag hörte, war ich erst einmal recht skeptisch. Ich meine, wir produzieren Steinwolle und verarbeiten sie weiter zu Dämmstoffen. Mehr down to earth geht gar nicht. Was soll man denn da mit Kunst?!“

Etwas schwer taten sich zu Beginn der Intervention auch die Mitarbeiter: Auf den Kollegen zugehen? Ihm die Hand reichen? Mit ihm reden? Das geht nicht auf Anhieb! Selbst Workshop-Leiterin Brattström plagten Zweifel: Würde es ihr gelingen, die Herzen der Belegschaften zu öffnen? Dank ihrer sozialen Kompetenzen, Geduld, Verständnis und Humor, folgten die Mitarbeiter bald den Ideen und Anregungen der Künstlerin, aus eigener Überzeugung.

Intentionen und Meinungen
Für die Beziehung zwischen den Mitarbeitern erwies sich die „Künstlerische Intervention“ als Erfolgsgeschichte. Sie wurde sogar zum Motor für die Geschäftszahlen. „Der Output hier in Hällekis ist um über 20 Prozent gestiegen. Was die Produktivität betrifft, hat sich der Standort vom Schlusslicht zum Spitzenreiter der Paroc-Fabriken entwickelt“, freut sich Personalchef Lars Lindström. Er fühlt sich bestätigt darin, die künstlerische Intervention mit Leidenschaft im Unternehmen durchgeboxt zu haben: „Innovationsfähigkeit wächst dadurch, dass sich Mitarbeiter aus unterschiedlichen Hierarchieebenen und Produktionsbereichen treffen und über ihre Arbeit austauschen.“

Und warum stiegen die Produktivitätszahlen? „Natürlich nicht nur wegen des Kunstprojekts“, meint Lindström. „Aber es hatte auf jeden Fall einen großen Anteil daran. Der Effekt auf die Betriebskultur war enorm. Als wir irgendwann in 2009 krisenbedingt damit beginnen mussten, unsere Mitarbeiter zwischen den beiden Werken rotieren zu lassen, war das kein Problem mehr.“

Bei aller Freude über die Annäherung der Belegschaften und die erreichten Erfolge warnt Pia Areblad von der Vermittlungsagentur TILLT davor, eine Kunstintervention mit zu klaren Zielen zu verplanen: „Damit eine Kunstintervention dem Unternehmen auch wirklich etwas bringt, muss es die Offenheit des Prozesses akzeptieren. Das ist erfahrungsgemäß für viele Unternehmen schwierig, ist aber die Voraussetzung für die Wirksamkeit der Intervention.“

Was erfolgreich ist, wird fortgesetzt: eine Weihnachtsgeschichte
Ermutigt vom Erfolg in Hällekis folgte bei Paroc schon ein Jahr später am Standort von Skövde ein ähnliches Projekt. Der Stoff, aus dem eine neue Vision geboren werden sollte, war schnell gefunden: Steinwolle. Also das, was die Mitarbeiter täglich im Unternehmen begleitete. Die Probierfreude wuchs mit jedem Tag und förderte die Offenheit der Belegschaft ganz enorm.

Am Ende erfüllte sich ein großer Wunsch: Die Mitarbeiter träumten schon lange von einem traditionellen „Julbock“, wie es ihn jedes Jahr zur Adventszeit in der schwedischen Stadt Gävle gibt. Doch dort brennt der Ziegenbock aus Stroh häufig ab. Das Paroc-Team baute ein robustes, feuerbeständiges Exemplar aus Steinwolle und dekorierte es mit Lichterketten. Der Weihnachtsbock „Stene“ wird nun jedes Jahr im Dezember auf dem Marktplatz von Skövde aufgebaut und bringt Licht und Freude in die Herzen der Menschen. Besser kann man sich Teambildung kaum vorstellen!

Nachhaltigkeit
Victoria Brattström war erfreut, dass die Mitarbeiter im Verlauf der Kunstintervention immer mehr Eigenverantwortung übernahmen. Irgendwann konnte sie loslassen und sich aus dem Projekt zurückziehen. Denn nachhaltig wirkt eine Aktion nur, wenn sie nicht mehr von außen gesteuert werden muss. Die Mitarbeiter lernten, sich selbst zu organisieren, Aufgaben und Zuständigkeiten zu verteilen, Ergebnisse abzufragen und gegebenenfalls nachzubessern.

Kommunikationsprobleme, die durch Umstrukturierungen und Wachstum entstehen, müssen kein Dauerzustand sein. Mit intelligenter Personalpolitik, die nah am Menschen ist, lassen sich Fehlsituationen beheben. Kunstinterventionen als Alternative zu übergestülpten, überteuerten Beratungsangeboten sind daher eine Überlegung wert. Entscheidend ist, auf die Bedürfnisse der Mitarbeiter einzugehen, ihnen zuzuhören und zu vertrauen, ihnen Herausforderungen anzubieten und verborgene Talente zu fördern. So können wunderbare
Nebeneffekte entstehen, wie Paroc beweist.

Als sich die Kunstintervention bei Paroc auch in anderen Ländern herumgesprochen hatte, wurde ein Mitarbeiter von Paroc, der am Geräusche-Soundprojekt beteiligt war, zur EU-Konferenz „Creativity and Innovation“ nach Brüssel eingeladen. Der Gabelstaplerfahrer hielt die Eröffnungsrede und erzählte mit großem Stolz, wie er ganz persönlich am Kunstprojekt gewachsen war.

Quellen und Inspirationstipps:

 

In meiner Blog-Reihe „Kreativität für Wirtschaft“ stelle ich Ihnen Best-Practice-Beispiele für „Künstlerische Interventionen“ zwischen Unternehmern und Kreativschaffenden vor. In der 5. Folge gebe ich Ihnen Anregungen, wie Sie Ihre Weihnachtsgeschenke im Unternehmen zur unterhaltsamen Teamaufgabe machen können.

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