Management Türkei – Das Boomland am Bosporus

Die türkische Wirtschaft wächst und wächst. Die Regierung unterstützt den Boom, indem sie verstärkt die Infrastruktur ausbaut: Tunnel, Autobahnen und Brücken für den Staat zwischen Europa und Asien. Deutschen Unternehmen bieten sich vielfältige Chancen.

Istanbul stinkt hier. Doch Marcus Michel stört das nicht, dafür ist er ja angereist. Im Norden türmen sich Hochhäuser in einem der vielen neuen Geschäftsviertel. Im Süden leuchtet das Marmarameer. Im Westen dröhnt der Flughafen. Im Osten liegen die Hagia Sophia und die Blaue Moschee. Direkt vor seinen Füßen allerdings erstrecken sich stinkende Absetzbecken, so groß wie zehn Fußballfelder. Dazu Nachklärbecken, Belebungsbecken, Faultürme. Im Klärwerk Ataköy sammelt Istanbul das, was beim Boomen übrig bleibt.

Michel wirkt bei seinem Klärwerksrundgang ähnlich beeindruckt wie die Touristen in der Hagia Sophia. 100 Tonnen Klärschlamm fallen hier jeden Tag ab. Eine gewaltige Menge. Und ein Riesenmarkt. Er kramt einen Hefter mit Referenzprojekten aus seiner Tasche und geht auf den Anlagenleiter zu, der zum Glück ein bisschen Englisch kann. Der Anlagenleiter erzählt, dass jeden Tag fünf Trucks kommen und den Schlamm zu einer Zementfabrik fahren. Michel erzählt von seiner Firma. Sie heißt Bamag, sitzt im südhessischen Butzbach und macht jährlich gut 50 Mio. Euro Umsatz mit dem Bau von Anlagen, die Klärschlamm verbrennen und so Energie erzeugen. Zwei Minuten dauert die Unterhaltung, dann hält er die Visitenkarte des Türken in der Hand.

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„Das hat sich gelohnt“, sagt Michel. „Sie denken über Alternativen nach.“ Vielleicht klappt es ja mit einem Auftrag. Und wenn nicht, hat er immerhin seine Idee der Klärschlammverbrennung verbreitet. „Von selbst kommt man da nämlich nicht drauf“, sagt der 45-Jährige.

Früher haben die Türken das Abwasser einfach in den Bosporus geleitet. Heute bauen sie neue Kläranlagen, vor allem in Istanbul, wo die Bevölkerung von heute 15 Millionen bald auf geschätzte 23 Millionen wachsen wird. Nicht nur die Zahl der Einwohner wächst, auch das Lohnniveau. Die Türkei ist ein pulsierender, hungriger Markt. Mit den Städten wachsen die Ansprüche. „Die wollen deutsche Technik“, sagt Michel. Und die will er ihnen verkaufen.

Wachstum auf China-Niveau

Die Türkei ist jung, konsumfreudig und anspruchsvoll. Die Wirtschaft wächst auf China-Niveau: Neun Prozent waren es 2010, rund 7,5 Prozent 2011. Zwar dürfte sich die Konjunktur mit der Euro-Krise in diesem Jahr abkühlen. Doch die langfristigen Aussichten bleiben blendend. 2050 wird die Türkei 100 Millionen Einwohner haben, ein Viertel mehr als heute. Der Durchschnittstürke ist 28 Jahre alt – und hat noch viel vor. Die jüngere Generation ist besser ausgebildet, hat mehr Geld zur Verfügung und gibt es auch gern aus. Das Pro-Kopf-Einkommen erreicht fast das von Polen.

Bis 2023, dem 100. Geburtstag der Republik, will die Türkei vom derzeitigen Platz 17 in die Top Ten der größten Volkswirtschaften der Welt vorstoßen. Während die Menschen Wohnungen, Möbel und Autos kaufen, plant auch der Staat Großes. „Eine dynamische Kultur und eine dynamische Bevölkerung haben wir schon“, sagt Außenminister Ahmet Davutoglu von der Regierungspartei AKP. „Jetzt müssen wir die Infrastruktur für das Wachstum aufbauen.“ Nämlich Autobahnen, Schnellzüge, Brücken, Tunnel, Pipelines, Krankenhäuser, Universitäten, Wasserwerke – und nicht zuletzt Kläranlagen.

Speed-Dating mit potenziellen Partnern

Marcus Michel ist mit einer Gruppe deutscher Mittelständler unterwegs. Drei Tage sind sie schon mit dem Kleinbus rund ums Marmarameer gefahren. Zum Abschluss geht es zu einer Messe für erneuerbare Energien in Istanbul, zum Speed-Dating. Im Zehn-Minuten-Takt wechseln die türkischen Geschäftsleute reihum. Michel lernt einen Geschäftsmann kennen mit besten Beziehungen nach Kasachstan, Turkmenistan, Aserbaidschan. „Länder, in die wir von Deutschland aus nie hinkommen.“ Ein potenzieller Partner.

Oder besser doch nicht? Wenn man neu in der Türkei ist, tauchen viele Fragen und Fallstricke auf. Mit oder ohne Partner? Tochtergesellschaft gründen? Oder reicht ein Handelsvertreter? Wie unterscheidet man die, die gut sind, von denen, die nur so tun? Zum Glück gibt es in der Türkei viele Erfahrungen, aus denen man lernen kann. Gerade als deutsches Unternehmen.

Die deutschen Konzerne sind schon lange da: Siemens seit 150 Jahren, Bosch seit 100 Jahren. In den 1960er- und 1970er-Jahren kamen die Autobauer, später einige Zulieferer. Danach passierte lange wenig. Die türkische Wirtschaft erlebte starke und oft plötzliche Ausschläge nach oben wie nach unten, was Geschäftsleute dazu bewog, eher kurzfristig zu planen.

Als Marc Landau vor 15 Jahren als Geschäftsführer an die Deutsch-Türkische Industrie- und Handelskammer kam, war die Luft in Istanbul schlecht und der Wein sauer. 500 Unternehmen mit deutscher Kapitalbeteiligung gab es damals in der Türkei, von der Mercedes-Produktion bis zum Onkel aus Duisburg, der die Dönerbude des Neffen mitfinanziert.

Seitdem ist die Luft zwar kaum besser geworden, dafür hat Landau Wolkenkratzer wachsen und ganze Stadtviertel neu entstehen sehen. 4668 Unternehmen mit deutscher Kapitalbeteiligung gibt es inzwischen nach den jüngsten Zahlen der türkischen Regierung – so viele wie aus keinem anderen Land. Die Kammer gibt eine Broschüre heraus, dick wie ein Telefonbuch: deutsche Firmen in der Türkei auf 530 Seiten. So gut wie alle Branchen sind darin vertreten.

Spezialisierte Berater

Den schönsten Arbeitsplatz von allen hat vermutlich Landau selbst. Vom Schreibtisch aus sieht er das türkisfarbene Leuchten des Bosporus. Die Kammer residiert in Tarabya, der Sommerresidenz des deutschen Botschafters.

Gelegentlich kommt die deutsche Business-Community zu Seminaren oder Empfängen in Tarabya vorbei. Der Wein ist deutlich besser geworden. Aber beraten lassen sich die Neueinsteiger lieber von anderen. Es gibt bereits Kanzleien und Consultants, die sich auf deutsch-türkische Geschäfte spezialisiert haben. Zum Beispiel Christian Rumpf, Experte für türkisches Recht, der neben seiner Anwaltskanzlei in Stuttgart eine Beratungsfirma in Istanbul gegründet hat. Oder der Pionier der deutschen Berater in Istanbul, Peter Heidinger.

Heidinger residiert unweit der Bucht von Tarabya in einer Villa, die er zum Büro umfunktioniert hat. Ein dynamischer Mensch mit vollem Terminplan. Aber auch einer, den die Türkei gelehrt hat, sich Zeit für seine Gäste zu nehmen. 1994 kam er für eine MAN-Tochter nach Istanbul, um das Türkei-Geschäft aufzubauen. Damals konnte er niemanden um Rat fragen. „Ich musste alles selbst lernen und habe dabei auch Lehrgeld bezahlt.“ Fünf Jahre später war die Aufbauphase vorbei. Heidinger entschied, sich mit seinem neuen Know-how selbstständig zu machen, und gründete die FM Consulting.

Keine Ansiedlung ohne Bürokratie

„Ich war immer schon vom türkischen Markt überzeugt“, sagt Heidinger. „Jetzt haben es die Deutschen auch erkannt.“ Seit zwei Jahren ziehen die Anfragen spürbar an. Heidinger bietet seinen Kunden ein „Rundum-sorglos-Paket“, wie er sagt. Für Mittelständler auf Kundensuche organisieren seine Leute eine Roadshow mit den richtigen Kontaktpersonen. Das kostet drei bis vier Arbeitstage oder 2500 Euro für die Vorbereitung. Wer das selbst organisieren will, würde ohne Türkischkenntnisse wohl schon an den Telefonzentralen verzweifeln.

In der Gründungsphase helfen Berater bei der Suche nach Personal, Büros oder Grundstücken. Auch später noch lassen viele Unternehmen Buchhaltung und Berichte von Beratern machen, die sowohl türkische als auch deutsche Standards kennen. Die türkische Buchhaltung gilt als vergleichsweise aufwendig.

Keine Ansiedlung kommt ohne ihre Bürokratieanekdote aus, zum Beispiel die vom Schwarz-Weiß-Drucker. Ein Unternehmen war einmal mit einem Schwarz-Weiß-Formular zur Behörde gegangen – und musste wieder gehen. Die türkische Fahne oben rechts in der Ecke muss nämlich rot sein, nicht grau.

Auch die Verhandlungsführung ist gewöhnungsbedürftig. „Da kommen eben auch Mentalitätsunterschiede zum Tragen“, sagt Suzan Karakivrak von Rumpf Consulting, „vor allem beim Preis wird gern hart verhandelt.“ Dabei sollte man bloß nicht das türkische Hierarchiedenken vergessen: Wer auf Arbeitsebene schon an die Schmerzgrenze stößt, hat später womöglich ein Problem. „Dann geht das Geschäft die Ebenen hoch, und am Ende erwartet der Chef noch mal einen neuen Rabatt“, sagt Heidinger. „Das muss man einkalkulieren.“

Das persönliche Miteinander ist das Bindemittel der türkischen Wirtschaft: sich gegenseitig großzügig zum Essen einladen, auch über Privates reden und immer wieder Tee trinken. Auch als deutsches Unternehmen sollte man sich nicht auf den Schriftverkehr verlassen. Am Ende ist es meist die persönliche Chemie, die entscheidet. Wer sich als Deutscher die Mühe macht, ein paar Brocken Türkisch zu lernen, ist dabei klar im Vorteil.

Darum entscheiden sich viele Unternehmen für eine Präsenz vor Ort. Al-Ko aus Schwaben, Hersteller von Anhängerkupplungen, hat deshalb vor zehn Monaten ein Verbindungsbüro in Istanbul aufgemacht, im asiatischen Stadtteil Kadiköy. Dort hat Koray Özkan die Aufgabe, neue Kunden zu treffen und Tee zu trinken.

„Es braucht vier bis fünf Treffen für eine gute Geschäftsbeziehung“, sagt Özkan. Viel mehr als Tee trinken darf er ohnehin nicht. Den Export wickelt die deutsche Zentrale ab, Handelsgeschäfte sind für Verbindungsbüros tabu.

Grad der Automatisierung steigt

Auch Stephan Thelen muss seine Kunden gut kennen. Er arbeitet für Turck aus Mülheim an der Ruhr. Sein Geschäft ist es, automatisierte Produktionsanlagen an Industriebetriebe zu verkaufen. In der Türkei ist das gerade ein günstiger Zeitpunkt. Wo Löhne und Lebensqualität steigen, steigt auch der Grad der Automatisierung. Doch Turck hat kaum vom Industriewachstum profitieren können, ganz anders als die Konkurrenz.

Schuld war der Handelsvertreter, sagt Thelen. Ein Zwischenhändler, der Turck-Produkte exklusiv importieren und mit Provision weiterverkaufen durfte. „Das Problem war, dass wir keine Kontrolle darüber hatten.“ Der Vertreter verkaufte einen ganzen Bauchladen von Produkten, darunter auch die der Konkurrenz. Die meist billiger waren.

Jetzt will Thelen als Geschäftsführer Türkei einen eigenen Vertrieb aufbauen, mit direktem Kontakt zu den potenziellen Kunden. Das Ziel: 50 Prozent Wachstum pro Jahr. Um keine Zeit zu verlieren, hat er bei Peter Heidinger das große Paket gebucht: GmbH gründen, Büro finden und geeignete Mitarbeiter rekrutieren. 70.000 Euro hat das gekostet. Jetzt sitzt Thelen mit fünf Mitarbeitern auf der asiatischen Seite Istanbuls: Die Sekretärin ist in Deutschland aufgewachsen, die vier Vertriebsmitarbeiter mit Englischkenntnissen in der Türkei. Die zu finden war schon schwer genug, sagt Thelen.

Importierte Handelsgesetze
Das türkische Handelsrecht lehnt sich eng an Schweizer und deutsche Vorgaben an. Dafür gibt es historische Gründe
Viele Regeln dürften deutschen Unternehmern bekannt vorkommen. Kemal Atatürk hatte das türkische Handelsrecht in den 20er-Jahren aus der Schweiz importiert, ein Deutscher hat es 1956 reformiert. Zum 1. Juli tritt ein neues Handelsgesetzbuch in Kraft, das die Rechtslage näher an EU-Standards bringen soll. Dazu gehört die neue Einpersonen-AG oder -GmbH. Trotz aller Ähnlichkeiten gebe es in den Details „zum Teil erhebliche Unterschiede“, sagt Christian Rumpf, Experte für türkisches Recht. Beschränkungen für Ausländer wirkten sich bei Kapitalgesellschaften allerdings nur noch in Sonderbereichen aus. Eine Besonderheit: Banken, Versicherungen und Leasingfirmen können nur als AG und nicht als GmbH gegründet werden.
Aktiengesellschaften wird es ab Juli in zwei Varianten geben. Zum einen die gewöhnliche Aktiengesellschaft mit „nicht registriertem“ Kapitalsystem und mindestens 50.000 Lira Grundkapital. Zum anderen das „registrierte“ Kapitalsystem mit mindestens 100.000 Lira Grundkapital: Dabei kann die AG bei der Kapitalmarktaufsicht eine Kapitalobergrenze eintragen lassen, bis zu der der Vorstand selbst eine Kapitalerhöhung durchführen kann.
Das neue Handelsgesetzbuch wird laut Rumpf eine Lücke im Handelsvertreterrecht schließen, die auch vor deutschen Gerichten immer wieder Thema war: Wer ohne triftigen Grund einem Handelsvertreter kündigt, muss dem Vertreter einen Ausgleich für das ihm entgehende Geschäft zahlen.

Viele deutsche Unternehmen in der Türkei beschäftigen Deutsch-Türken, weil sie sich davon Expertise in zwei Sprachen und Kulturen versprechen. Das Angebot ist da: Seit es in der Türkei boomt, ziehen Jahr für Jahr Tausende deutsch-türkische Akademiker nach Istanbul, um dort Karriere zu machen. Viele von ihnen arbeiten für Beratungen, Kanzleien oder andere Dienstleister, die Wert auf eine deutsche Ausbildung legen.

In der Industrie ist die Erfahrung mit den Deutsch-Türken gemischt. „Die hatten größere Schwierigkeiten, sich zu integrieren, als die anderen Kollegen“, sagt ein Unternehmenschef. „Sie sprechen oft kein gutes Türkisch, gelten unter türkischen Kollegen aber schnell als Besserwisser.“ Die Deutsch-Türken selbst berichten, wie deutsch sie sich in der Türkei fühlen – man sehe es ihnen nur nicht an. „Die sind oft schnell wieder weg“, sagt der Unternehmer. Auch Handelskammer-Chef Landau hält angebliche Vorteile durch Deutsch-Türken für überbewertet. „Entscheidend ist, dass die Mitarbeiter Englisch können.“

Womit die Standortfrage geklärt ist. Zwar lockt die türkische Regierung mit fertig erschlossenen Gewerbegebieten, niedrigeren Lohnkosten und Subventionen für ihr Hinterland, aber für die meisten deutschen Firmen ist der Osten, sind Konya, Kayseri, Samsun oder Trabzon, noch zu wild. „Finden Sie da mal einen kaufmännischen Leiter, der Englisch kann“, sagt Heidinger. Sinnvoll sei die anatolische Provinz allenfalls für Unternehmen, die viele Arbeiter in der Produktion beschäftigen. Oder für solche, die fernab produzieren wollen, weil sie Angst haben, die Konkurrenz könnte ihnen die mühsam selbst ausgebildeten Mitarbeiter abwerben – eine gängige Praxis in der Türkei.

Entscheidungen werden in Istanbul getroffen

Der Medizintechniker Maquet aus Rastatt (Umsatz rund 1,2 Mrd. Euro) ist darum mit seiner Produktion nach Antalya gegangen. Die Strandstadt hat einen großen Vorteil: Sie liegt für Deutsche geradezu vor der Haustür. Der Flug dauert nur drei Stunden, es gibt Direktverbindungen aus fast jeder deutschen Stadt.

Die meisten deutschen Unternehmen entscheiden sich für den Bosporus. Ankara mag die Hauptstadt der Verwaltung sein. Im Wirtschaftsleben werden die meisten Entscheidungen in Istanbul getroffen. 40 Prozent der türkischen Wirtschaftskraft konzentrieren sich in der Marmararegion. Hier leben die am besten ausgebildeten Türken. Und hier landet mehr als jede zweite Auslandsinvestition.

Zum Beispiel in Gebze, wo der Dekordrucker Schattdecor gerade ein Werk errichtet hat. Gut 50 Kilometer geht es vom Bosporus nach Osten, vorbei an Wohntürmen und Baukränen, vorbei an Siemens, Linde und BASF. Auf einem Hügel hat DHL ein neues Logistikzentrum gebaut. Ein paar Kilometer weiter steht schon ein zweites, so viel gibt es hier zu transportieren.

In Gebze bei Schattdecor weht eine deutsche neben einer türkischen Fahne. Im Eingangsbereich hängt ganz links ein Foto von der ersten Miethalle im oberbayerischen Ziegelberg 1985. Es folgten: das Werk in Polen 1993, Italien, die Schweiz, im Jahr 2000 dann Russland, China 2002, Brasilien 2003. Und jetzt: die Türkei.

Sitten und Bräuche beachten

Robert Vuga ist seit zwei Jahren hier, er hat das Werk mit aufgebaut, jetzt leitet er es als Geschäftsführer. Vuga spricht ein gemütliches Oberbayerisch. Aber bei der Einweihungsfeier hat der 39-Jährige seine Rede auf Türkisch gehalten. Darauf legen sie Wert im Unternehmen: Der Chef soll zwar möglichst Deutscher sein, um den Kontakt zur Heimat zu halten. Aber sonst gibt man sich Mühe, die Bräuche des Gastlandes zu beachten. Zur Werkseinweihung haben sie ein Kalb geopfert und für die neue Maschine ein Schaf. Das bringt Glück, glauben die türkischen Mitarbeiter. Später haben sie zusammen Wasserpfeife geraucht.

35 Mitarbeiter hat das 440-Mio.-Euro-Unternehmen Schattdecor hier, 33 von ihnen sind Türken. Ihre Löhne sind niedriger als die der Kollegen in Bayern, aber auf der Kostenseite macht das keinen großen Unterschied. „Die Produktion ist hier nicht besser oder billiger als in Deutschland“, sagt Vuga. Papier und Farbe sind genauso teuer. Das Lohnniveau ist längst höher als in Bulgarien oder Rumänien.

Der entscheidende Faktor ist der Vertrieb: Für seine türkischen Kunden, die Laminat- und Möbelfabrikanten, ist Schattdecor jetzt auch ein türkisches Unternehmen. „Das Patriotismusargument funktioniert“, sagt Vuga. Das Produkt verkaufe sich wie von selbst: mehr Leute vor Ort, besserer Service, keine komplizierten Importe mehr. „Wir erwarten ein deutliches Wachstum.“

Handbuch für die Türkei
Welche Branchen boomen? Welche Messen lohnen sich? Wer hilft beim Markteintritt? Und wer organisiert Unternehmerreisen? impulse beantwortet die wichtigsten Fragen
Organisationen und Netzwerke Warum in die Türkei gehen? Wie in die Türkei gehen? Erste Antworten gibt es, nach Branchen unterteilt und natürlich auch auf Deutsch, auf der Investorenanwerbeseite der türkischen Regierung: www.invest.gov.tr. Aus deutscher Sicht informiert ein Istanbuler Mitarbeiter von Germany Trade and Invest über einzelne Branchen sowie rechtliche Fragen unter www.gtai.de.Die Deutsch-Türkische Außenhandelskammer in Istanbul ist eine große und wichtige Anlaufstelle vor Ort mit Sitz neben der Sommerresidenz des Botschafters im Stadtteil Tarabya: www.dtr-ihk.de. Sie hat 670 Mitglieder, bietet Seminare an und vermittelt Kontakte zu Beratern. Viele Unternehmen vor Ort nutzen den Netzwerkeffekt, zahlen aber vor allem aus einem anderen Grund gern ihre Mitgliedsbeiträge: Die Kammer hat gute Kontakte zum deutschen Konsulat, was bei der leidigen Visafrage (siehe unten) helfen kann.Die Türkisch-Deutsche Handelskammer (www.td-ihk.de) eröffnet Anfang Februar ein neues Büro in Berlin. Das Außenwirtschaftsportal des Bundesministeriums für Wirtschaft und Technologie bündelt Informationen zum Land und Allgemeines zur Internationalisierung unter www.ixpos.de. Der Stuttgarter Anwalt Christian Rumpf stellt auf seinem Portal Informationen zu verschiedenen Rechts- und Wirtschaftsthemen zusammen: www.tuerkei-recht.de.
Visa Fast alle Unternehmen klagen über die restriktive Visavergabe deutscher Behörden. Ob es um Einladungen an Geschäftspartner geht oder Fortbildungen für türkische Mitarbeiter in Deutschland: Türken müssen unverhältnismäßig viel Zeit und auch Geld aufwenden, um ein Visum für Deutschland zu bekommen. Das ist nicht nur frustrierend, sondern macht auch den Geschäftsverkehr unberechenbar. Das Auswärtige Amt hat jüngst Besserung gelobt.Deutsche haben es einfacher. Für die ersten 90 Tage in der Türkei brauchen sie kein Visum. Auch mit vielen anderen Staaten verfolgt die Türkei eine liberale Visapolitik, um den Handel zu erleichtern.
Branchen Unter den in der Türkei aktiven deutschen Unternehmen finden sich so gut wie alle Branchen. Aber es gibt Trends: Die Türkei ist kein Niedriglohnland mehr und will auf diesem Gebiet ausdrücklich nicht mit den asiatischen Ländern konkurrieren. Das Lohnniveau liegt heute höher als in EU-Staaten wie Rumänien oder Bulgarien. Entsprechend ist die Produktion von Massentextilien fast komplett aus der Türkei verschwunden. Neue Chancen bieten sich stattdessen für Unternehmen, die ihr Geld mit Infrastruktur verdienen.
Steuern Die Körperschaftsteuer beträgt in der Türkei 20 Prozent. Eine Gewerbesteuer gibt es nicht. Für Verbindungsbüros von ausländischen Unternehmen gilt eine Besonderheit: Deren Angestellte brauchen bislang keine Lohnsteuer zu bezahlen. Im Gegenzug dürfen sie allerdings nicht kaufmännisch tätig werden (Ministerium für Zoll und Handel: www.gumruk.gov.tr).
Zahlungsverkehr Deutschland und die Türkei haben ein Doppelbesteuerungsabkommen geschlossen, das im September 2011 aktualisiert wurde und nun den Standards der OECD entspricht. Liquiditätsbündelung (Cash-Pooling) ist darum erlaubt, genauso wie Cross-Border-Finanzierungen, also Leasing über Ländergrenzen hinweg.Die türkische Lira ist voll konvertierbar, sie kann in unbegrenzten Mengen in andere Währungen umgetauscht werden. Deutsche Muttergesellschaften könnten daher beispielsweise Gelder mit türkischen Tochterfirmen verrechnen.Rechnungslegungs- und Aufsichtsregelungen entsprechen EU- und OECD-Normen.
Politik Die AKP-Regierung setzt seit 2002 auf einen liberalen Wirtschaftskurs. Ein ökonomisches Risiko ist das große Leistungsbilanzdefizit: Die Türkei konsumiert deutlich mehr, als sie produziert.
Messen und Kongresse Der Dachverband der türkischen Handelskammern veröffentlicht online einen umfangreichen Messekalender, nach Branchen unterteilt: www.fuarrehberi.org.tr. Die „WIN – World of Industry“ findet an zwei Terminen statt. Teil eins richtet sich vom 2. bis 5. Februar vorrangig an die metallverarbeitende Industrie. Der zweite Teil vom 29. März bis zum 1. April legt einen Schwerpunkt auf Automation und Elektrotechnik (www.win-fair.com). Die Energiebranche kommt vom 25. bis 27. April auf der „International Energy & Environment Fair and Conference“ (ICCI) in Istanbul zusammen (www.icci.com.tr). Vom 30. Mai bis zum 2. Juni treffen sich Zulieferer in Istanbul auf der „Subconist“ (www.cnrsubconist.com). Um alle Facetten des nachhaltigen Wirtschaftens geht es vom 6. bis 9. September auf der „All Green Expo Istanbul“ (www.cnrallgreenexpo.com).
Förderung und Reisen Die hessische Wirtschaftsförderung veranstaltet vom 5. bis 8. Juni eine Delegationsreise nach Bursa und Istanbul. Schwerpunkt der Reise ist die REW Istanbul, eine Messe für Umwelttechnik und Recycling (www.hessen-agentur.de). Auch andere Bundesländer organisieren Unternehmerreisen in die Türkei. Die Exportagentur Bayerns bietet im November eine Reise zum Unternehmerforum „Energieeffizienz im Bau“ in Istanbul an (www.bayern-international.de). Für die letzte Märzwoche lädt die Deutsche Botschaft in Ankara zum Deutsch-Türkischen Wirtschaftstag nach Zonguldak an die Schwarzmeerküste. Weitere Informationen gibt es auf der Internet seite der Botschaft: www.ankara.diplo.de.
Aus dem Magazin
Dieser Beitrag stammt aus der impulse-Ausgabe 02/2012.Abonnenten erhalten die neueste Ausgabe jeden Monat frisch nach Hause geliefert.impulse gibt es ab sofort für 7,50 Euro auch als PDF-Download oder für das iPad unter www.pubbles.de/impulse. Dort können Sie auch ein digitales Abo abschließen.

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