Management Turnarounderin Silvia Reschke: „Die wollten uns sofort dichtmachen“

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Die Krise hat sie zusammengeschweißt: Silvia Resch­ke und ihre Mitarbeiter

Die Krise hat sie zusammengeschweißt: Silvia Resch­ke und ihre Mitarbeiter© Andreas Reeg für impulse

2005 übernahm Silvia Reschke den Betrieb ihres Vaters, einen wankenden Hersteller von Baggerlöffeln. Dann kam die Wirtschaftskrise mit voller Wucht. Weglaufen war keine Option: Ihre gesamte Familie hing mit Millionenkrediten im Unternehmen. Ein harter Weg - mit Happy End.

Es gibt Momente, die ein Leben in zwei Teile teilen: Man hat einen Unfall, verliert seine Eltern oder küsst zum ersten Mal seine große Liebe. Man bekommt Krebs, kriegt ein Kind oder gewinnt im Lotto. Es sind die großen Wendungen im Leben, es gibt dann nur noch ein Vorher und ein Nachher. Und manchmal, womöglich öfter als man denkt, findet so ein Moment im grauen Beratungszimmer eines Kreditinstituts statt.

Es ist ein ganz normaler Tag, als Silvia Reschke mit ihrem Vater zum Bankberater kommen soll. Sie hat ihn schon öfter dorthin begleitet. Er führt eine Firma, manche Kreditverträge muss sie als Tochter mitunterzeichnen oder sie bürgt dafür. Als Reschke die Bank betritt, ist sie BWL-Studentin. Als sie die Bank verlässt, ist sie die designierte Geschäftsführerin eines Baggerlöffelherstellers. Die Banker hatten klargemacht, dass Reschke senior die Geschäfte an seine Tochter übergeben soll. Sonst werden die Kredite gekündigt.

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Weglaufen ist keine Option

Silvia Reschkes Expertise in Sachen Baggerlöffel ist damals, im Jahr 2005, überschaubar, mit der Firma hatte sie sich nie befasst. Weglaufen kann sie trotzdem nicht, die ganze Familie hängt mit Millionenkrediten im Unternehmen. Also wühlt sie sich durch unsortierte Aktenberge. Was sie findet, macht keinen Spaß. Die Maschinen wurden ewig nicht ausgetauscht, Lieferanten nicht bezahlt. Die Mitarbeiter warten auf ihren Lohn. Preise werden kalkuliert, in dem man immer fünf Prozent billiger anbietet als die Konkurrenz. „Mein Vater hat tolle Produkte geschaffen, davon profitieren wir immer noch“, sagt Reschke heute. „Ein echter Visionär. Aber kein Kaufmann.“

Ein Jahr später ist der Vater aus dem Unternehmen ausgeschieden. Reschke will über die Details nicht reden, es sei eben schrecklich gewesen. Manche Mitarbeiter trauern dem Alten hinterher, der hat immer einfach entschieden. Die Neue will dagegen Zahlen sehen, bevor sie etwas beschließt.

„Ich hebe die Löffel ja nicht mit der Hand.“ Silvia Reschke kontert süffisante Anmerkungen.

2005 übernahm Silvia Rechke die Firma ihres Vaters. 2011 schaffte sie mit dem Unternehmen den Turnaround.© Andreas Reeg für impulse

In der Werkstatt knallt Stahl auf Stahl, es riecht nach Öl, auf Postern über den Werkbänken protzen Pin-ups mit ihren Brüsten. Es sind die einzigen Frauen hier. Nur wenige trauen Reschke zu, dass sie die Firma retten kann, wohl niemand erwartet, dass die 39-Jährige mit ihrer herausragenden Managementleistung sogar einmal zur Turnarounderin des Jahres ernannt werden würde (siehe Kasten unten). Mancher Geschäftspartner fragt sie damals süffisant, wie sie das Geschäft denn leiten wolle, mit ihrer Statur. Die junge Chefin antwortete nur: „Ich hebe die Löffel ja nicht mit der Hand.“

Sie packt lieber im Büro an, ordnet die Bücher, kalkuliert endlich die Produkte, verringert die Hierarchien, schreibt Aktionspläne. „Irgendwie war es auch einfach. Es gab so viel zu tun.“ 2007 ist die Firma wieder auf Kurs. Resch­ke investiert in eine neue Halle, kauft eine Maschine und schmeißt für ihre „Herren“, wie sie ihre Mannschaft nennt, eine Schiffsparty. „Das war ein tolles Fest“, sagt sie. „Aber heute wirkt es wie der Untergang der Titanic.“

Denn kurz danach geht die Bank Lehman Brothers pleite. Ende 2008 brechen bei Resch­ke die Umsätze um 35 Prozent ein. „Auf einmal gab es null Kundenanfragen“, erinnert sich Reschke. „Als seien die Telefone kaputt.“

„Ich wollte nur noch im Büro sein“

Die Geschäftsführerin muss die Kosten senken, schnell. Sie beantragt Kurzarbeit, die Mitarbeiter verzichten auf Lohn, sie selbst zahlt sich gar kein Gehalt mehr aus. Doch der Umsatz bricht weiter weg. An Weihnachten schreibt sie einen Krisen-Liquiditäts- und Rentabilitätsplan, den sie den Banken schickt. Sie hofft, dass Transparenz das Vertrauen stärkt. Sie bekommt einen Anruf. Allerdings ist es nicht ihr Berater, sondern die Abwicklungsabteilung. „Die wollten uns sofort dichtmachen.“

Reschke eilt zur Bürgschaftsbank Hessen, den Geschäftsführer Michael Schwarz kennt sie. Sie braucht 400.000 Euro. Schwarz bietet ihr sogar eine Bürgschaft über eine Million Euro an. „Die hatten ein gutes Produkt, die haben nach Russland verkauft, für den Bau des Olympiaparks“, erklärt Schwarz heute sein Ver­trauen. „Die Firma war sehr gut geführt. Frau Reschke ist ein Ausnahmetalent.“ Außerdem habe ihn ihre große Disziplin beeindruckt. „Die ist sogar mit ihrem Bruder zusammengezogen, um eine Miete zu sparen.“

Ein schönes Zuhause braucht Silvia Reschke damals ohnehin nicht mehr. „Ich wollte nur noch im Büro sein, da konnte ich was tun. Daheim habe ich sofort riesige Angst bekommen.“

Die Chefin kämpft – und die Mitarbeiter mit ihr

Trotz der Bürgschaft will keine Bank Reschke einen Kredit geben. Die junge Chefin telefoniert, eilt von Termin zu Termin, Schwarz setzt sich persönlich für sie ein. „Er war der Einzige, der an uns geglaubt hat“, sagt Reschke. Irgendwann sagt endlich eine Bank zu.

Manchmal klingelt damals bei Reschke Samstagsabends das Telefon. Dann ist ein Mitarbeiter dran, der noch eine Idee hat. Ein polnischer Angestellter will die Website übersetzen, um Kunden in seiner Heimat zu gewinnen. Die Mannschaft kämpft wie die Chefin.

Reschke und ihre Prokuristin optimieren die Lagerhaltung, die Materialbeschaffung, telefonieren Lieferanten ab. „Wir haben mit denen vereinbart, dass wir wöchentlich anrufen und ich schaue, was ich überweisen kann.“ Die offenen Worte hätten für Vertrauen gesorgt. Gemeinsam mit ihren Verkäufern düst sie durchs Land, klappert Kunden ab. „Hätte ich damals gewusst, dass das gut geht“, sagt Reschke heute, „ich hätte die Zeit genossen.“

Mitte 2011 ist der Turnaround geschafft. Sie kann heute endlich mal durchschnaufen, will ihren Mitarbeitern was zurückgeben. Die alten Duschen wurden renoviert, sie träumt davon, eine Köchin einzustellen. Neulich hat sie im Internet für ihre Herren einen Pirelli-Kalender ersteigert. Außerdem will sie in der Werkstatt für mehr Ordnung und Effizienz sorgen. „Die Herren sagen: ,Was sollen wir denn noch machen?‘ Ich sage: ,Lasst uns mal offen bleiben.‘“

Auch Reschke muss jetzt noch effizienter arbeiten. Vor einem Jahr gab es mal wieder einen Moment, der ihr Leben in ein Vorher und ein Nachher geteilt hat. Reschke ist Mutter geworden. Zuhause ist es nun wieder schöner als im Büro. Freitags nimmt sie sich jetzt frei.

Der Wettbewerb

Gemeinsam mit der Wirtschaftsprüfgesellschaft BDO AG zeichnet impulse seit 2006 Menschen als „Turnarounder des Jahres“ aus, die ihre Firma nachhaltig aus der Krise geführt und damit eine der größten unternehmerischen Leistungen überhaupt vollbracht haben. Je überzeugender das Konzept, desto besser. Die Preisträger 2013 sind: Silvia Reschke von Reschke Schweißtechnik aus Maintal (Kategorie: bis 200 Mitarbeiter) sowie Rainer Mayer und Josef Kleebinder vom Rundstrickmaschinen-Hersteller Mayer & Cie. aus Albstadt (Kategorie: Unternehmen mit 201 bis 750 Mitarbeiter).

Die Jury

Das Gremium wurde geleitet von Hans-Jürgen Kirsch, Chef des Instituts für Rechnungslegung und Wirtschaftsprüfung an der Westfälischen Wilhelms-Universität Münster. Ebenfalls zur Jury gehörten Arno Probst (BDO), Eberhard von Rundstedt (v. Rundstedt & Partner), Marie-Christine Ostermann (Die Familienunternehmer – ASU), Martin Fischedick (Commerzbank), Georg Bernsau (BBL Bernsau Brockdorff & Partner) und Nikolaus Förster (impulse).

Die Preisvergabe

Die Ehrung fand am 22. Oktober in Berlin statt im Anschluss an die impulse-Management-Konferenz „Risiken erkennen, Krisen meistern – Strategien für Erfolgreiche Turnarounds“.

Mehr Informationen zur Preisverleihung

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