5-Stunden-Tag Fünf Stunden Arbeit – volles Gehalt

Schon mittags am Strand sein - für die Mitarbeiter von Tower Paddle Boards, einem Unternehmen in Kalifornien, ist das seit einem Jahr Realität, dank dem 5-Stunden-Tag.

Schon mittags am Strand sein - für die Mitarbeiter von Tower Paddle Boards, einem Unternehmen in Kalifornien, ist das seit einem Jahr Realität, dank dem 5-Stunden-Tag.© emsago / photocase.de

Stephan Aarstol schickt seine Mitarbeiter seit einem Jahr schon um 13 Uhr nach Hause. Wie hat das seine Firma verändert? Jetzt zieht der Unternehmer Bilanz.

Warum einen Achtstundentag von 9 bis 17 Uhr vorschreiben, wenn die Mitarbeiter ohnehin nicht die ganze Zeit produktiv sind, dachte sich Stephan Aarstol. Deshalb führte der Gründer der Firma „Tower Paddle Boards“ in San Diego den 5-Stunden-Tag ein. Das war vor einem Jahr.

Seitdem arbeitet sein Team von 8 bis 13 Uhr – also 30 Prozent weniger. Das Gehalt blieb gleich. Als Motivation erhielten die Mitarbeiter zudem einen 5-Prozent-Bonus. Das Ergebnis: Die Stundenlöhne wurden über Nacht von 20 auf 38,4 US-Dollar pro Stunde fast verdoppelt.

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Mehr Freizeit, mehr Druck

Doch die Idee war keineswegs altruistisch. Denn Stephan Aarstols Ansage an seine Mitarbeiter war folgende: Ihr könnt nach fünf Stunden nach Hause gehen. Aber Ihr müsst in der Zeit dieselbe Arbeit erledigen wie zuvor. Wer sich das nicht vorstellen konnte, dem wurde gekündigt. Ob es tatsächlich Entlassungen gegeben hat, gibt der Unternehmer jedoch nicht an.

Vielmehr kann Aarstol dank seiner ungewöhnlichen Unternehmenskultur heute leicht neue qualifizierte und motivierte Mitarbeiter finden. Während für gewöhnlich gute Stellen mit einer 40-Stunden-Woche und unbezahlten Überstunden verbunden sind, bietet er das Gegenteil: viel Freizeit und ein gutes Gehalt.

Auch Forschungsergebnisse legen nahe, dass Stephan Aarstols 5-Stunden-Projekt sinnvoll ist. So haben erst kürzlich Forscher der Universität Melbourne 25 Stunden als optimale Wochenarbeitszeit für Erwerbstätige über 40 benannt. Lange Arbeitszeiten und bestimmte Aufgaben könnten Ermüdung und Stress auslösen und die kognitiven Funktionen schädigen, heißt es in der Studie.

Der Erfolg von „Tower Paddle Boards“ spricht dafür, dass an diesen Erkenntnissen etwas dran ist. Die Umsätze des Unternehmens stiegen seit der Arbeitszeitumstellung um 40 Prozent, die Firma steht in der Liste der 5000 am schnellsten wachsenden US-Unternehmen aktuell auf Rang 1121, und dieses Jahr will Aarstol mit seinen zehn Mitarbeitern einen Umsatz von neun Millionen US-Dollar erwirtschaften.

Der 5-Stunden-Tag für alle?

Ob der 5-Stunden-Tag für alle Unternehmen geeignet ist, ist sich Aarstol nicht sicher. Aber warum nicht drüber nachdenken, findet er. Sein großes Vorbild, der Unternehmer Henry Ford, hat es nicht anders gemacht: Als er 1914 den 8-Stunden-Tag eingeführt habe, wurde er von Zeitgenossen für verrückt erklärt, schreibt Aarstol auf seiner Webseite. Damals wurden täglich noch 10 bis 16 Stunden gearbeitet. Warum nicht in Anlehnung an Henry Ford auch das heutige achtstündige Arbeitsmodell in Frage stellen und nach neuen Lösungen suchen?

Aarstols Tipps für die Einführung des 5-Stunden-Tags

Im US-Magazin Fast Company gab der Unternehmer kürzlich Tipps, die man beachten sollte, wenn man die Arbeitszeit seines Teams reduzieren will.

1. Unproduktive Arbeitszeit kürzen
Das Pareto-Prinzip besagt, dass 80 Prozent der Ergebnisse mit 20 Prozent des Gesamtaufwandes erreicht werden. Aarstol hat in seinem Unternehmen diese 20 Prozent ausgemacht und den Rest der Stunden gekürzt. Das Ergebnis: Es wird weniger Arbeitszeit benötigt, um das Wichtigste zu erledigen.

2. Leistung messen statt Arbeitszeit
Wichtiger als die Arbeitszeit der Angestellten in Stunden zu zählen, sei der Output, findet Aarstol. Schließlich könne man auch die Ideen des Mitarbeiters unter der Dusche, in der Mittagspause oder beim Aufstehen nicht in Stunden messen.

3. Keine Angst vor der Nichterreichbarkeit
Was würde passieren, wenn der Kundenservice plötzlich nur noch fünf Stunden täglich erreichbar ist? Das war Aarstols größte Befürchtung. Würde er 30 Prozent des Umsatzes verlieren? Ihn beruhigte der Gedanke, dass seine Kunden ohnehin nur alle fünf Jahre ein neues Board kaufen, und kommunizierte offen die neuen Servicezeiten. Die Rechnung ist aufgegangen: Heute gehen noch immer so viele Anrufe beim Kundenservice ein wie vor der Arbeitszeitreform. Nur werden sie schneller bearbeitet.

4. Mit Technologie die Effizienz steigern
Kaum war die Arbeitszeit gekürzt, wurden Probleme sichtbar, die vorher durch den 8-Stunden-Tag ausgeglichen werden konnten. Aber nun, mit 30 Prozent weniger Arbeitszeit, wurden Neuerungen im Lager und beim Kundenservice gebraucht, schreibt Aarstol. Zum Beispiel wurden Video-Tutorials und FAQ für die Kunden auf der Webseite erstellt, um den Service zu entlasten. Auch wurde neue Software im Lager eingeführt, um die Versandzeiten zu verkürzen.

5. Die Ausnahme bestätigt die Regel
Die 25-Stunden-Woche ist die Regel bei „Tower Paddle Boards“, aber natürlich gebe es Ausnahmen, gibt Aarstol zu. Wenn ein 12-Stunden-Tag nötig sei, um ein dringendes Projekt zu beenden, müsse der Mitarbeiter auch das schaffen. „Aber es ist wichtig, dass diese Überstunden die Ausnahme bleiben“, sagt der Unternehmer.

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