Familienunternehmerin des Jahres 2015 Die Kalt-Aktiv-Leuchtkraft-Formel für Familienunternehmen

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Nikolaus Förster über Simone Bagel-Trah: "Für sie kommt es auf das Ergebnis an, nicht auf die Präsenzpflicht im Büro."

Nikolaus Förster über Simone Bagel-Trah: "Für sie kommt es auf das Ergebnis an, nicht auf die Präsenzpflicht im Büro."

Simone Bagel-Trah, Vorsitzende des Aufsichtsrats und des Gesellschafterausschusses von Henkel, ist "Familienunternehmerin des Jahres 2015". Hier lesen Sie die Laudatio von impulse-Chefredakteur Nikolaus Förster.

Sehr geehrte Damen und Herren,

Familienunternehmen. Da weiß man, was man hat. Ist das wirklich so? Leider nein. Es ist eine Kunst, ein Familienunternehmen von Generation zu Generation erfolgreich zu führen. Und diese Kunst beherrschen nur sehr wenige. Sie wissen selbst: Nicht alles ist „strahlend rein“.

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Wer – wie ich in dieser Laudatio – über Henkel und Simone Bagel-Trah spricht, der kommt nicht umhin, auch über Formeln zu reden. Formeln und Rezepturen – das ist das, was am Anfang des Unternehmens steht, das einst mit drei Mitarbeitern in Aachen begann, dann nach Düsseldorf umzog und heute mehr als 16 Milliarden Euro umsetzt – mit fast 50.000 Mitarbeitern aus 120 Nationen.

1876 vermengte der Ururgroßvater der Preisträgerin, Fritz Henkel, „Wasserglas mit kalizinierter Soda“. Und dieses „Gemengsel“ – so nannte dies Henkel – verkaufte er dann „in pulverisierter Form“: für 10 Pfennig pro Pfund, verpackt in festen Papiertüten. Das Waschmittel „Henkel’s Bleich-Soda“ wurde ein gewaltiger Erfolg.

Persil – eine der erfolgreichsten Marken des 20. Jahrhunderts

Drei Jahrzehnte später, 1907, schuf Henkel die Jahrhundertmarke Persil. Auch hier stand am Anfang eine chemische Rezeptur: (Natrium)Perborat und (Natrium)Silikat, dazu Soda und Seife. Diese Rezeptur sollte, wie es damals hieß, „selbsttätig“ den Schmutz aus der Wäsche entfernen. PERborat und SILikat – aus den ersten Silben dieser Substanzen entstand der Markenname Persil. „Mit Persil“, so steht es auf der ersten Packung 1907, „erzielt man mühelos ohne Bleiche, ohne Reiben nach einmaligem Kochen eine reine, blendend weisse Wäsche unter Garantie absoluter Unschädlichkeit, selbst bei falscher Anwendung. Garantiert ohne Chlor.“

Persil ist nur eine der Marken, die Henkel groß gemacht hat. Denken Sie an „Schwarzkopf“ , „Fa“ oder „Schauma“. Heute ist Henkel Weltmarktführer bei Klebstoffen. Sie kennen alle Pritt und Pattex, aber den größten Umsatz macht Henkel mit Industrieklebstoffen (unter der Marke Loctite), etwa in der Autoindustrie.

Lauter Marken. Lauter Formeln. Lauter Rezepturen. Der Preisträgerin ist dies nicht fremd. Schon als Kind liebte sie, inspiriert durch ihren Großvater, Experimente. Einmal bastelte sie beispielsweise aus einem Tannenzapfen, einem Marmeladenglas und Holzstäbchen eine Wetterstation – Simone, die Tüftlerin. Die Wissenschaft ist für sie seit jeher eine Leidenschaft. Sie promovierte in Mikrobiologie, gründete mit 30 Jahren eine eigene Firma, einen Pharma-Dienstleister, und engagierte sich daneben zunehmend bei Henkel – bis sie vor sechs Jahren an die Spitze des Aufsichtsrats und des Gesellschafterausschusses rückte.

Wie lassen sich Firma und Familie verbinden?

Warum wir sie heute auszeichnen, liegt daran, dass sie eine Formel gefunden hat, nach der viele Familienunternehmer vergeblich fahnden: wie sich eine erfolgreiche Unternehmensstrategie mit einer nachhaltigen Familienstrategie verknüpfen lässt.

Einfach zu behaupten, die Firma habe immer Vorrang vor der Familie, das reicht heute nicht mehr aus, um auf Dauer zu bestehen. Dafür ist der Wettbewerb zu gnadenlos – und das traditionelle Gebilde der Familie zu fragil.

Es bedarf mehr – und wunderbarerweise lässt sich dies bei Henkel auf eine Formel bringen. Ich nenne sie, mit Blick auf eine aktuelle Werbung für Persil Color-Gel, die „KALT-AKTIV-LEUCHTKRAFT-FORMEL“. Was aber steckt hinter dieser Formel – außer, dass sie schon ab 20 Grad Celsius für „strahlende Persil-Reinheit“ sorgen können?

Es gibt drei Aspekte: Es geht um die Firma. Um die Familie. Und um die Werte, die alles zusammenhalten. Lassen Sie mich dies kurz erläutern.

Zunächst die KÄLTE. Wofür stehen gemeinhin Familienunternehmen? Sie stehen für Herzblut, für Menschlichkeit, für Wärme. Gerade das macht viele Familienunternehmen so stark – einen Inhaber oder eine Inhaberfamilie, die präsent ist und mitmischt. Denken Sie nur an einige der Preisträger, die wir in den vergangenen Jahren hier auf Schloss Bensberg ausgezeichnet haben, an Familienunternehmer, die selbst die Geschäfte leiten – so wie Stefan Fuchs, wie die Leibingers, wie Stefan Messer oder auch Reinhard Zinkann und Markus Miele.

Henkel ist einen anderen Weg gegangen und hat sich 1980 dazu entschieden, Inhaberschaft und Management zu trennen. Damals wechselte Konrad Henkel in den Aufsichtsrat und öffnete das Unternehmen für den Kapitalmarkt. Die Familie zog sich in die zweite Reihe zurück – als Schritt zu einer Professionalisierung in einer komplexer und internationaler werdenden Welt.

Als börsennotierter Konzern muss sich Henkel heute an Maßstäben messen lassen, die für alle gelten. Die Familie entscheidet noch bei der Strategie und bei wichtigen Akquisitionen mit, das operative Geschäft aber obliegt dem familienfremden Vorstand.

Mit direktem Draht zum Vorstandschef

Die außerordentlich gute Performance ist zumindest ein Indiz dafür, dass sich solch ein Schritt auszahlen kann: Der Aktienkurs hat sich seit dem Herbst 2009 mehr als verdreifacht. Simone Bagel-Trah pflegt ein enges Verhältnis zum Vorstandschef Kasper Rorsted: Ihre Büros sind am Stammsitz in Düsseldorf auf dem gleichen Flur, und bei wichtigen Themen haben sie einen direkten Draht zueinander. Und doch hält sie bewusst Distanz; auch nach all den Jahren siezen sich die beiden. Jeder hat eine eigene Rolle.

Die Verantwortung für die Familie wird durch den Schritt in die zweite Reihe nicht geringer – im Gegenteil. Und damit sind wir beim zweiten Element der Kalt-Aktiv-Leuchtkraft-Formel: AKTIV.

Immer wieder geraten Unternehmen in die Bredouille, wenn der Familienfriede in Gefahr ist. Je größer der Kreis der Gesellschafter ist, je weiter sie vom operativen Geschäft entfernt sind, desto schwieriger wird es, den Zusammenhalt zu sichern – und damit den unternehmerischen Erfolg.

Simone Bagel-Trah gebührt hier eine große Anerkennung: Es ist ihr gelungen, die gesamte Familie – immerhin 3 Stämme mit etwa 200 Mitgliedern – geschlossen hinter sich zu scharen. Die Gesellschafter halten zusammen und sprechen mit einer Stimme – keineswegs eine Selbstverständlichkeit.

Wie gelingt dies? Indem es etliche Angebote für die Familienmitglieder gibt, für jedes Alter, über jedes Medium: Teenager treffen sich im „Löwenclub“, gehen zelten oder klettern. Wer volljährig wird – oder einheiratet –, wird in einen „Informationskreis“ eingeladen. Über ein Intranet tauschen Gesellschafter Urlaubsbilder aus, es gibt sogar eine eigene Zeitung. Dazu treffen sich die Henkelaner in verschiedenen Gremien: Es gibt ein Familien-Komitee, Arbeitsgruppen, regelmäßige Gesellschaftertreffen und den Gesellschafterausschuss, in den auch fünf externe Manager eingebunden werden. Ein Family Office kümmert sich um die Vermögensanlage.

„Aktiv“ – das steht in dieser Formel für professionelles Familienmanagement. Ein wichtiger Erfolgsfaktor. Die Geschlossenheit spiegelt sich auch im Aktienbindungsvertrag, den die Gesellschafter 2014 erneuert haben. Simone Bagel-Trah hat sich frühzeitig um dieses Thema gekümmert, hat in Arbeitsgruppen alle Volljährigen in den Entscheidungsprozess einbezogen. Am Ende unterstützte jeder Einzelne – ohne Ausnahme – den Vertrag: ob Investmentbanker, Winzer, Fotograf, Steuerberater, Schauspieler, Galerist, Ingenieur oder Bauunternehmer. Die Aktien in Familienhand – sie machen etwa 60 Prozent des Börsenkapitals aus – sind damit mindestens bis 2033 gepoolt. Kein Zweifel: Die Gesellschafter vertrauen darauf, dass ihr Vermögen im eigenen Unternehmen gut aufgehoben ist.

Die einzige Frau, die an der Spitze eines DAX-Aufsichtsrats steht

Kühle unternehmerische Professionalität, ein aktives Familienmanagement – das sind zwei wichtige Bestandteile dieser Erfolgsformel. Es gibt einen dritten – und das ist die LEUCHTKRAFT. Es sind die Werte, die alles zusammenhalten, das, was auch schon einmal der „Henkel-Geist“ genannt wurde.

Schon dem Gründer Fritz Henkel war klar, dass die Chemie stimmen muss – auch im übertragenen Sinn. Als der Unternehmer 1926 das 50-jährige Bestehen seiner Firma feierte, baten ihn Gäste – halb im Ernst, halb im Scherz -, endlich sein Erfolgsrezept zu offenbaren.

Der damals 78-Jährige ließ sich nicht lange bitten. In einer improvisierten Rede während des Festessens verriet er den Gästen sein Geheimnis. Sein Erfolgsrezept, gab er preis, bestehe aus folgenden Zutaten: aus Sparsamkeit, Fleiß, gesundem Menschenverstand, einem begründeten, unerschütterlichen Optimismus und tüchtigen Mitarbeitern.

Heute, vier Generationen später, klingt das weiterhin vertraut. Und doch haben sich die Zeiten und die Anforderungen geändert. Das Start-up aus dem 19. Jahrhundert verwandelte sich in einen börsennotierten, internationalen Konzern. Und Fritz Henkel begründete eine der wichtigsten Unternehmerdynastien unseres Landes.

Simone Bagel-Trah hat hier Vorbildhaftes geleistet: Sie ist nach wie vor die einzige Frau an der Spitze eines DAX-Aufsichtsrats – eine traurige Nachricht für Deutschlands börsennotierte Konzerne. Nur: Über die Preisträgerin sagt dies wenig aus. Dass sie heraussticht, daran hat sie sich gewöhnt. Immer wieder erging es ihr so, dass sie in Gremien die Jüngste war. Und die einzige Frau.

Abschrecken ließ sie sich davon nicht. Sie machte ihre Arbeit – unprätentiös, uneitel, aber mit großem Erfolg. Mit der damals 40-Jährigen zog – nach dem Patriarchen Albrecht Woeste – ein neuer Ton ein. Und damit auch andere Umgangsformen.

Wichtig ist Simone Bagel-Trah ein neues Verständnis von Leistung. Für sie kommt es auf das Ergebnis an, nicht auf die Präsenzpflicht im Büro. Frauen sollen Arbeit und Familie besser miteinander verbinden können, entsprechend flexibel sind die Arbeitszeiten. Jüngst hat Bagel-Trah bei Henkel die dritte Kindertagesstätte eröffnet.

Für Vielfalt, gegen die Frauenquote

Auch fördert sie die Vielfalt im Unternehmen: Sie tritt für die Förderung von Frauen ein – und ist gegen die Quote, weil sie nach Leistung entscheiden möchte, nicht nach Proporz. Und doch gilt Henkel auch hier als vorbildlich: Im Aufsichtsrat sind 7 von 16 Aufsichtsräten mit Frauen besetzt – eine Spitzenposition. Ein Drittel der Führungskräfte sind weiblich – auch das ein sehr guter Wert, Tendenz steigend. Eine größere Vielfalt – das umfasst für Simone Bagel-Trah aber nicht nur das Geschlecht, sondern auch das Alter und die Nationalität.

Eine bessere Work-Life-Balance,  eine größere Vielfalt – Simone Bagel-Trah setzt, als Vertreterin einer jüngeren Generation, eigene Akzente – nicht aus Altruismus, sondern weil sie davon überzeugt ist, dass Henkel auf diese Weise die besten Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter an sich bindet. Und dass gemischte Teams die besten Ergebnisse erzielen.

Lassen Sie mich zurückkommen auf die Kalt-Aktiv-Leuchtkraft-Formel: kühle unternehmerische Professionalität, ein aktives Familienmanagement und – als dritter Bestandteil – die Leuchtkraft: übergreifende, gelebte Werte, die gute Mitarbeiter anziehen und die Gesellschafter zusammenschweißen.

Liebe Frau Bagel-Trah, bitte verzeihen Sie mir, dass ich heute das wahre Geheimnis dieser Henkel-Formel gelüftet habe. Sie wird nicht für jeden passen. Aber ich bin sicher: Sie kann viele inspirieren, Ihnen nachzueifern. Sie auf jeden Fall haben mit dem, was Sie in den vergangenen Jahren geleistet haben, einen großen Anteil an diesem Erfolg.

Ich gratuliere Ihnen ganz herzlich – im Namen der gesamten Jury – für diesen Preis. Frau Bagel-Trah, Sie sind die Familienunternehmerin des Jahres 2015. Herzlichen Glückwunsch!

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1 Kommentar
  • Marcel Wittig 16. November 2015 01:29

    Inspirierende Firmenleitung. Gratulation.

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