Flüchtling als Azubi „Es ist keine Alternative, nichts zu machen“

Segvan an seinem Arbeitsplatz in der Druckerei.

Segvan an seinem Arbeitsplatz in der Druckerei.© Walker Etiketten GmbH.

Die schwäbische Firma Etiketten Walker hat einen syrischen Flüchtling als Azubi eingestellt. Wie es dazu kam und was sie sich davon erhofft, erzählt Familienunternehmerin Petra Walker.

In dem Unternehmen, das mein Mann Joachim und ich führen, läuft alles seinen geregelten Gang. 1946 wurde der Betrieb als Buchdruckerei in Kirchheim unter Teck von meinem Schwiegervater gegründet. Seit 1993 haben mein Mann und ich uns auf die reine Etikettenherstellung spezialisiert

Die Stadt mit rund 40.000 Einwohnern liegt in der Nähe von Stuttgart, die Firma etwas außerhalb des Zentrums. Wir beschäftigen 25 Mitarbeiter und alle drei Jahre stellen wir einen neuen Auszubildenden ein, den wir danach meist übernehmen. Die nächste Azubi-Stelle sollte im Herbst 2016 nachbesetzt werden.

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In der Nachbarschaft: Camp mit 120 Flüchtlingen

Doch im Frühjahr 2015 änderte sich einiges in Kirchheim unter Teck. Schon im April reichte die bestehende Flüchtlingsunterkunft der Stadt nicht mehr aus. Zwischen Kirchheim und Dettingen wurde deshalb ein Camp für 120 Männer eingerichtet. Es war mir sofort klar, dass man diese Flüchtlinge nicht sich selbst überlassen kann, und das Engagement von jedem einzelnen zählt.

Ich suchte deshalb nach Kontaktmöglichkeiten und fand schnell Kirchheimer Ehrenamtliche, die über jeden froh waren, der mithelfen wollte. Zu Einladungen wie dem „Tag der offenen Tür“ bin ich hingegangen. Flüchtlinge haben dort für die Bevölkerung gekocht und man kam schnell ins Gespräch – mit Händen und Füßen.

Einen Flüchtling einzustellen – daran dachte ich zu dem Zeitpunkt noch nicht. Es war ja keine Azubistelle frei und den Flüchtlingen wiederum fehlten Deutschkenntnisse und die Grundausbildung für eine so technische Arbeit wie bei uns – dachte ich.

Kennenlernen bei der Unternehmensführung

Aber dann kam unerwartet alles ganz anders: Ein Ehrenamtlicher in der Flüchtlingshilfe sprach mich an, ob ich nicht eine Unternehmensführung anbieten würde. Er wollte ihnen gerne einen Betrieb in der Umgebung zeigen. Ich sagte zu. Einige Tage später kam er mit fünf Flüchtlingen, die sich auf seinen Aushang gemeldet hatten. Für die Führung war es gut, dass die Gruppe so klein war, denn die Verständigung war recht schwer.

Ich zeigte ihnen den ganzen Betrieb: von den Druckmaschinen, über die Stanzen und Druckplatten, wie wir Farben mischen, unser Materiallager  und auf welchen Produkten Etiketten zu finden sind. Einer der Männer fiel mir auf: Er war sehr interessiert, sehr aufmerksam bei der Sache, versuchte Fragen zu stellen, technische Fragen, er hatte bereits Erfahrung mit dem Drucken und auch seine Art gefiel mir.

Als die Gruppe nach ein paar Stunden die Firma verließ, habe ich mich mit meinem Mann beraten: Wollen wir ihn nicht einladen, nochmal vorbeizuschauen? Auch meinem Mann war die Motivation des Flüchtlings nicht entgangen. In wenigen Minuten war die Entscheidung durch.  Warum nicht probieren, meinte auch er.

Immer gesucht: Azubis mit hoher Motivation

Gesagt, getan: Wir luden Segvan ein, einige Tage bei uns im Betrieb zu sein und mit den Mitarbeitern in Kontakt zu kommen. Er sagte zu. Dann erfuhren wir auch mehr über ihn: Segvan ist 32 Jahre alt, ist verheiratet und hat zwei kleine Kinder, er kommt aus Syrien und ist ausgebildeter Landmaschinentechniker. In der Türkei hatte er einige Hilfsarbeiterjobs, seit April 2015 ist er in Kirchheim unter Teck, seit Anfang März 2016 hat er eine Aufenthaltsgenehmigung.

Zwei Wochen war Segvan bei uns und hat zugeschaut. Mit Händen und Füßen hat er sich mit allen verständigt. Seine offene, interessierte Art hat dazu beigetragen, dass die Belegschaft ihn schnell aufgenommen hat. Direkt wurden ihm schwäbische Redewendungen beigebracht. Der Ausspruch „Mach nóre“ (auf Hochdeutsch „Beeil Dich“) ist jetzt sogar sein Standardspruch.

Mein Mann und ich entschieden uns, ihm einen Ausbildungsplatz anzubieten – obwohl es vom Zeitpunkt im Jahr gar nicht so gut passte. Bei einem Treffen fragten wir die Mitarbeiter: Macht ihr mit? Glaubt ihr, dass ihr das zusätzlich zu dem anderen Azubi schafft? Wir waren uns alle einig, machten einen Schlachtplan, teilten die Aufgaben auf, wer für welchen Azubi zuständig sein sollte. Da wir als kleines Team ohnehin alle auf Zuruf und auch stellenübergreifend arbeiten, ist die Aufteilung auch flexibel.

Hilfe durch das „Einstiegsqualifizierungsprogramm“

Zu der Entscheidung einen Flüchtling einzustellen, haben wir uns aber nicht nur entschlossen, weil wir ihn sympathisch finden, er sehr motiviert ist und schon Vorkenntnisse als Drucker hat. Es gibt noch weitere Gründe:

Erstens der Arbeitskräfte- und Fachkräftemangel. Der Etikettendruck hat sich aus der Nische zu einer Branche mit hohen Wachstumsraten entwickelt. Bei gut ausgebildeten Fachkräften herrscht Vollbeschäftigung. Gleichzeitig hat es die Branche aber verpasst, jungen Leuten den Beruf Drucker als interessanten Ausbildungsplatz zu verkaufen. Es gibt nur wenige Bewerbungen und ein Azubi war so unmotiviert, dass wir die Zusammenarbeit frühzeitig beenden mussten.

Bei anderen Auszubildenden haben wir mit der IHK bei dem Einstiegsqualifizierungsprogramm (EQ) kooperiert. Hinter dem langen Begriff verbirgt sich eine Förderung für Jugendliche und junge Erwachsenen, die schlechtere Chancen haben, einen Ausbildungsplatz zu bekommen. Es besteht aus einem einjährigen Praktikum und einem parallelen Berufsschulbesuch mit Abschlusszertifikat.

Auch Flüchtlinge haben die Möglichkeit, an diesem Programm teilzunehmen. Bei Segvan haben wir es nun so organisiert, dass er einen einjährigen EQ-Vertrag bei uns hat – vormittags arbeitet und nachmittags an Deutschkursen des Bildungsträgers DAA teilnimmt, die Berufsschule kann er ja noch gar nicht schaffen. Aber nach einem Jahr sollte er dann in der Lage sein, dem Berufsschulunterricht zu folgen. Ein hochgestecktes Ziel. Aber man muss den Menschen eine Möglichkeit bieten, in Deutschland anzukommen. Ich finde, es ist keine Alternative, nichts zu machen oder die Integration schönzureden. Man muss Taten vorweisen können.

Wie viel Aufwand es ist, einen Flüchtling als Auszubildenden einzustellen, was Unternehmen dafür erledigen müssen und wo sie Hilfe bekommen können, berichtet Petra Walker im nächsten Teil dieser Serie. 

Möchten Sie etwas zu diesem Thema wissen? Haben Sie Fragen an Frau Walker? Dann schreiben Sie uns, an online@impulse.de

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