Führungsprinzipien bei Viessmann Sieben Führungstipps vom Familienunternehmer des Jahres

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Martin Viessmann

Ein Visionär, der früher als viele andere sein Unternehmen auf Nachhaltigkeit ausgerichtet und in den digitalen Wandel investiert hat: Martin Viessmann, Familienunternehmer des Jahres 2016.© Heiko Meyer / impulse

Die Digitalisierung verlangt Martin Viessmann und seinen Mitarbeitern viel ab. Diese Führungsprinzipien helfen ihm, den Umbruch zu gestalten.

Revolutionen gehen manchmal auch von oben aus. Martin Viessmann hat sein Familienunternehmen schon mehrmals umgebaut und dabei stets auch seinen Führungsstil angepasst. Mal erforderte es der Markt, mal erkannte er früher als andere neue Möglichkeiten. Der ständige Wandel, der andere ermüdet, scheint ihn zu besonderen Leistungen anzutreiben.

Im hessischen Allendorf hat Viessmann aus dem gleichnamigen Heizungshersteller einen fortschrittlichen Global Player geformt. Er hat neue Märkte erobert und spektakuläre Investitionen in die Zukunft gewagt. Heute ist Viessmann nicht nur bei Wärme-, sondern auch bei Kühl- und Energietechnologien weltweit führend. Knapp 12 000 Mitarbeiter erwirtschaften 2,2 Milliarden Euro pro Jahr.

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Ein weiterer Change-Prozess: Viessmann hat das Unternehmen, das er in dritter Generation führt, auf ökologisch nachhaltiges Wirtschaften getrimmt und dafür eine dreistellige Millionensumme investiert. Zeit, sich darauf auszuruhen, gönnt er sich und seinen Mitarbeitern aber nicht. Die nächste Herausforderung – viele sagen: Bedrohung – wartet schon auf ihn: die Digitalisierung.

Diese Führungsprinzipien kann man sich vom Familienunternehmer des Jahres 2016 abschauen.

1. Offenheit

„Um klar zu sehen, genügt oft ein Wechsel der Blickrichtung“, hat Antoine de Saint-Exupéry geschrieben. Neugier ist es auch, die Martin Viessmann oft in andere Länder führt. In japanischen Fabriken schaute sich der Unternehmer in den 90er Jahren das Produktionsprinzip „Lean Production“ an – und setzte es umgehend in der Heimat um. In China eroberte Viessmann einen neuen Markt, der so groß ist, dass die lange bestehende Abhängigkeit vom deutschen Heimatmarkt heute Geschichte ist. Und im Silicon Valley besuchte der 63-Jährige Start-ups und IT-Giganten, wobei ihm klar wurde: Er will sein Traditionsunternehmen digitalisieren, und zwar schnell. „Wir halten es immer so, dass wir zwar auch das Risiko, aber primär die Chancen sehen. So ist es auch bei der Digitalisierung“, sagt Viessmann.

2. Wandlungsfähigkeit

Spätestens im Januar 2014 ahnte Martin Viessmann, was auf ihn zurollt. Damals übernahm Google das Start-up Nest für 3,2 Milliarden Dollar. Nest entwickelt sensorgesteuerte, selbstlernende Thermostate, die Heizungen den Bedürfnissen der Hausbewohner entsprechend automatisch steuern. „Das trifft unser Kerngeschäft unmittelbar“, sagt Viessmann. „Die Frage ist: Enden wir als Zulieferer von Google und Co? Oder können wir selbst in ­diesem Spiel mitspielen?“ Die Antwort: Viessmann will mitmischen im Wettkampf um Daten, Algorithmen und Plattformen. Mit dem Berliner Company Builder WattX beteiligt sich Viessmann an Start-ups. Gemeinsam mit BMW wurde zudem das Joint Venture Digital Energy Solutions gegründet, das kleine und mittelständische Unternehmen dabei unterstützt, ihren Energieverbrauch zu analysieren und so zu sparen. Und mit dem Portal Heizungsprofi.de vermittelt Viessmann Kunden an lokale Handwerksbetriebe.

Dass Viessmann sich verändert, ist aber nicht neu. Im Gegenteil: In der Geschichte von Viessmann spiegeln sich nicht nur technologische Entwicklungen, sondern auch der Weltenlauf. Kohle, Öl, Gas und schließlich erneuerbare Energien: Seit dem Ende des Zweiten Weltkrieges, als Viessmanns Vater aus auf Pferdekarren herbeigeschafften Ruinen eine Werkhalle errichtete, musste sich das Unternehmen ständig neu erfinden. Der Markt erforderte es. (Lesen Sie dazu auch: „Die 7 typischen Phasen eines Veränderungsprozesses.“)

3. Akribie

Wenn bei Viessmann etwas gemacht wird, dann richtig. Der Chef geht dann gerne mit gutem Beispiel voran. Bevor er das erste Mal nach China aufbrach, arbeitete er sich intensiv ein, las Bücher über chinesische Gewohnheiten, erfuhr, dass die Viessmann-Markenfarbe Rot besonders beliebt im Reich der Mitte ist, und dass die wichtigste Person im Raum stets gegenüber der Tür sitzt. Und der sonst so direkte Unternehmer gewöhnte sich an die Vorstellung, in Asien nicht so schnell zur Sache zu kommen, wie es eigentlich seine Art ist. „Das war mir anfangs schon fremd, da musste ich mich erst einmal umstellen“, sagt Viessmann, „aber dann habe ich das sehr geschätzt.“

4. Teamwork

Als Martin Viessmann Anfang der 90er Jahre die alleinige Geschäftsführung von seinem Vater Hans, einem Patriarchen alter Schule übernahm, änderte er Stück für Stück auch die Unternehmenskultur. Plötzlich konnten die Mitarbeiter in Workshops mitdiskutieren über Prinzipien, Strategien und Ziele ihrer täglichen Arbeit. Mit den Jahren hat Viessmann auch seinen eigenen Führungsstil weiter verändert: weniger top-down, mehr teamorientiert. Weniger Kontrolle, mehr Vertrauen. Am liebsten gibt der Chef die Ziele nur vor – wie sie dann erreicht werden, entscheiden die Mitarbeiter selbst.

5. Streben nach Perfektion

Traditionell lebt die Premiummarke Viessmann von der Qualität ihrer Produkte. Diesen Anspruch hat das Unternehmen in der Hightech-Fabrik am Stammsitz Allendorf auf die Spitze getrieben: Alle Prozesse sind darauf ausgerichtet. Fehlerquote? Ist kaum noch messbar. Kein Gerät verlässt die Fabrik mit einem Mangel, so das Markenversprechen. Das Streben nach Perfektion ist zu einem Teil der DNA des Unternehmens geworden. Die Mitarbeiter haben das verinnerlicht. Ihre Verbesserungsvorschläge fließen kontinuierlich in den Produktionsprozess ein: Hunderttausend sind es pro Jahr, so viele wie in kaum einem anderen deutschen Unternehmen.

 6. Fehlerkultur

Beim Streben nach Perfektion gibt es aber eine Ausnahme: Alle, die an der digitalen Transformation mitarbeiten, sollen das Tempo hochhalten. Dann sind auch Fehler okay. „Von der absoluten Perfektion müssen wir uns in der Zukunft ein Stück weit verabschieden“, sagt ausgerechnet der akribische Martin Viessmann. Denn bei der Digitalisierung gilt: Lieber schnell als langsam eine neue Idee ausprobieren. „Bei der Digitalisierung geht es auch um Tempo“, sagt Viessmann. „Mir ist es lieber, schnell mit einer Idee zu scheitern, weil sie nicht marktgerecht ist und dann etwas Neues auszuprobieren, als jahrelang an etwas zu tüfteln, nur um dann zu merken, dass es doch nicht funktioniert.“

7. Das bestmögliche Arbeitsumfeld schaffen

Läuft man durch die im Bauhaus-Stil errichtete gläserne Firmenzentrale, bleibt der Blick an einem Großraumbüro hängen, das anders ist als alle anderen: Die Glastür ist mit Notizen beschrieben, drinnen hocken auffallend viele junge Mitarbeiter um einen einzigen großen Tisch herum an ihren Laptops. „Wenn Sie sich im Unternehmen umschauen, dann ist doch alles recht straff organisiert“, sagt Viessmann, „doch Innovationen brauchen im wahrsten Sinne des Wortes Raum, also ein Umfeld, das Kreativität ermöglicht.“ So ein Umfeld wollen sie jetzt nicht nur in Allendorf schaffen, sondern auch an anderen Standorten wie etwa in Berlin, wo sich Digitalexperten leichter anheuern lassen.

 


Möchten Sie mehr über den Familienunternehmer des Jahres erfahren? Dann lesen Sie auch die Laudatio von impulse-Chefredakteur Nikolaus Förster und unser Interview mit Martin Viessmann und seinem Sohn Maximilian über die Herausforderungen der Digitalisierung.

1 Kommentar
  • Jörg K. Unkrig 6. Dezember 2016 07:40

    Klasse Artikel, die konkret Führungsgrundsätze einer Führungspersönlichkeit aufgreift und den Lesern greifbar macht!!

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