Kulturwandel 4.0 Die neue Lässigkeit der Chefs

Auch Siemens-Konzernchef Joe Kaeser zeigt sich gelegentlich locker in Jeans und offenem Hemd und lässt die Krawatte im Kleiderschrank.

Auch Siemens-Konzernchef Joe Kaeser zeigt sich gelegentlich locker in Jeans und offenem Hemd und lässt die Krawatte im Kleiderschrank.© Matthias Balk / picture alliance / dpa

Sie treten in Turnschuhen vor die Aktionäre und lassen sich von Praktikanten duzen: Deutschlands Chefs pflegen eine neue Lässigkeit. Manche Beteiligte müssen sich daran allerdings erst gewöhnen.

Die Digitalisierung wirft auch die Kleiderordnungen in der deutschen Wirtschaft über den Haufen. Wo früher ohne Anzug, Krawatte oder Kostüm gar nichts ging, setzen sich heute coole Outfits durch, und auch das Duzen gehört in vielen Unternehmen längst zum guten Ton. Der Manager von heute zeigt sich gerne weltoffen, agil und innovativ, statt sich mit zu viel Förmlichkeit aufzuhalten – und wirbt damit auch um kreative Köpfe aus der Gründerszene. Aber ist die neue Lässigkeit in den Chefetagen wirklich glaubwürdig – oder nur Fassade? Und wie kommen die Mitarbeiter damit zurecht, wenn plötzlich alle per Du sind?

„Ich bin J.J. Mich muss man nicht siezen“

Noch sorgen Auftritte wie der von Allianz-Chef Oliver Bäte, der auf der Hauptversammlung vor einigen Wochen in knallroten Turnschuhen vor die Aktionäre trat, für eine kleine Sensation. Hintergrund für die Wahl seines Schuhwerks war zwar ein weltweiter Mitarbeiterlauf, doch viele Beobachter werteten sie auch als Signal für Wandel und Zukunft – und die ist auch bei Europas größtem Versicherer digital.

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Bei Siemens weht ebenfalls ein frischer Wind: Seit einem Start-up-Event vor einigen Monaten zeigt sich Konzernchef Joe Kaeser gelegentlich im offenen Hemd und Jeans – ähnlich wie beispielsweise Daimler-Chef Dieter Zetsche. „Bei uns kann jeder anziehen, was er will, es gibt keine Vorschriften“, ließ Kaeser, der jahrelang in den USA arbeitete und dort auch seinen Geburtsnamen Josef Käser gegen die internationale Version eintauschte, kürzlich wissen. Und wenn doch mal ein Dresscode für eine Veranstaltung gelte, schreibe man es einfach auf die Einladung oder in die Tagesordnung.

Noch entspannter geht es VW-Digitalchef Johann Jungwirth an: „Ich bin J.J. Mich muss man nicht siezen“, sagte der Manager kürzlich auf einem Automobilforum in München. Hierarchien seien ihm nicht wichtig – und das Duzen baue Hierarchien ab.

Verwirrt von so viel Zwanglosigkeit

Mancher Mitarbeiter aber mag erstmal verwirrt sein von so viel Zwanglosigkeit. Feste Kleider- und Rangordnungen schaffen ja auch Sicherheit. Wer früher etwa zum Herrenausstatter ging, wusste, was er dort einpacken musste, sagt Hans Ochmann, Geschäftsführer bei der Personal- und Managementberatung Kienbaum. Heute dagegen hat man die Qual der Wahl: „Business Casual“, „Smart Casual“ oder gleich ganz „Casual“ zur Firmen-Feier? Da kann man sich auch böse vertun, weiß Ochmann. „Es wird komplizierter“, und gerade das mittlere Management, das die Vorgaben des Vorstandschefs mitmachen und ihm gefallen will, tue sich manchmal besonders schwer damit.

Über kurz oder lang dürfte sich der Trend aber überall durchsetzen. „Ich glaube, das ist keine kurzfristige Modeerscheinung“, sagt Ochmann. Wichtigster Treiber dabei sei die Start-up-Kultur mit ihrer schnellen Ideen-Umsetzung abseits ausgetretener Pfade, die für viele Manager eine große Anziehungskraft besitze. Um sich einzureihen, imitiere so mancher Manager Kleidungsstil und Auftreten prominenter Köpfe aus der Szene – das könne schon etwas aufgesetzt wirken.

Auf Du und Du mit dem Praktikanten

Weniger förmlich geht es auch beim Hamburger Versandhändler Otto zu: Dessen Vorstände boten der Belegschaft unlängst geschlossen das Du an. „Der Kulturwandel 4.0 macht auch vor der Anrede nicht Halt“, hieß es in einem Schreiben an die Mitarbeiter. Barrieren, Hemmnisse, Hierarchien – all das solle aufgebrochen werden, erklärt Katy Roewer, die als Bereichsvorstand auch für Personalfragen zuständig ist.

Den Wandel muss Otto nun auch ins 400 Kilometer weiter südlich gelegene Weismain in Oberfranken tragen, wo der zur Gruppe gehörende Versandhändler Baur sitzt. Der versucht gerade, sich stärker zu spezialisieren, schneller und offener zu werden, um dem Druck der großen Konkurrenten im Online-Handel standzuhalten. Symbol dafür soll auch hier das „Du“ sein, das Geschäftsführer Albert Klein kürzlich sogar Praktikanten bei einem Essen anbot. „Wenn man etwas älter ist wie ich, das geb ich offen zu, ist das auch eine Umstellung, die mir persönlich auch nicht immer so ganz leicht gefallen ist“, räumt er ein.

Um seinen Status muss wegen solch neuer Sitten derweil aus Ochmanns Sicht kein Manager fürchten, der fest im Sattel sitzt. Der Wegfall eines Krawattenzwangs oder das „Du“ ändere ja noch nichts am Machtgefüge in den Unternehmen. Hierarchien dürften mit der Zeit zwar etwas aufweichen, aber nicht ganz abgebaut werden, glaubt Ochmann. Auch wenn Mitarbeiter heute stärker einbezogen würden – wichtige Entscheidungen dürfte auch in Zukunft noch immer der Chef treffen.

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6 Kommentare
  • Jürgen Zirbik 1. August 2016 19:25

    Witzig, welche Anstalten gemacht werden, um moderner oder was auch immer zu wirken. Den meisten Chefs nimmt man das „Du“ doch gar nicht ab, nachdem sie gefühlte 230 Jahre in Hierarchien verklebt waren und immer noch sind. Das „Du“ nützt nichts, wenn dann doch wieder von oben nach unten entschieden wird, keine echte Transparenz vorherrscht und nach EBIT Personalpolitik betrieben wird. Das allerdings sind die Realitäten.

    Es hätte wohl auch nichts gebracht, wenn der Praktikant zu Martin (Winterkorn) gesagt hätte: „Du Martin, vielleicht sollten wir doch die Wahrheit sagen.“ Wenn man weniger Hierarchien und schnellere Wege will, muss man bei den Hierarchien anfangen und nicht bei Personalpronomen. Das sagt schon der gesunde Menschenverstand (GMV). Letzteres ist allerdings dezent anspruchsvoller als offene Hemdkragen, Jeans und ein unnatürliches „DU“.

    Jürgen Zirbik
    Zirbik Business-Coaching

  • Tillmann 26. Juli 2016 15:38

    Von mir aus könnten wir komplett auf das doofe “ Sie “ verzichten!
    In anderen Ländern gibt es das „Sie“ in der Form auch nicht. Es hat nichts mit Achtung oder Misachtung zu tun.
    Die besten Scheffs die ich hatte durfte ich duzen, und dort wurd konstruktiv gearbeitet und die schlechten Scheffs die ich hatte waren menschliche Arschlöcher, ein gutes, konstruktives arbeiten mit denen war nicht möglich, sie waren einfach nur herschsüchtig und naiv. sie bestanden auf das „Sie“.
    Kurz gesagt: Die dummen, naiven und herrschsüchtigen Menschen wollen ihre unkompetens durch ein sie überdecken,
    und die inteligenten, menschlichen und kompetenten Scheffs brauchen das nicht, sie stellen auch mit dem „du“ etwas da.

  • Christian Jäger, München 26. Juli 2016 14:55

    Es ist nicht jedermanns Sache, zu verstehen, dass Duzen und Respekt zweierlei Paar Stiefel sind. Wenn also in der internationalen Geschäftswelt sehr oft der Vorname verwendet wird, so ist der Respekt gegenüber dieser Person in keineswegs geschmälert. Leider wird in den deutschsprachigen Ländern (und nicht nur da) das Duzen bzw. die Ansprache mit dem Vornamen als Kumpanei betrachtet und so manch einer glaubt, dass damit Tür und Tor für Gefälligkeiten und kurze Wege geöffnet sind. Weit gefehlt!

    Umgekehrt werde ich in USA regelmäßig als „Mr. Jäger“ vorgestellt – höflich und korrekt. Erst dann biete ich meinen Vornamen an und wir einigen uns alle auf diese Form der Ansprache. Der hohe Respekt voreinander bleibt jedoch unangetastet.

    Unterm Strich: Ob per Du oder per Sie – es geht doch um ganz was anderes! Leider glauben noch viel zu viele, dass Teamarbeit im Unternehmen plötzlich funktioniert, wenn Knall auf Fall alle per Du sind…

    Beste Grüße
    Christian Jäger
    München

  • Dr. Jörg Steinwagner 26. Juli 2016 13:16

    Diese-Duzerei ist albern und beraubt die Mitarbeiter einer weiteren Selbstständigkeit. Ich mag meinen Chef nicht duzen aber alle anderen tun es. Damit werde ich sofort in eine Außenseiter-Rolle gedrängt, obwohl ich mich korrekt verhalte. Das ist keine Unternehmenskultur, wenn man alle auf das niederste Niveau gesellschaftlicher Vereinbarungen herunterzieht. Es ist im Gegenteil ein deutlicher Akt von Herablassung, wenn der „Chef“ das entscheidet. Nicht mit mir, ich suche mir meine Freunde immer noch selber aus.

  • Kirsten Grimm 26. Juli 2016 11:41

    Ich bin sicher, dass einige Dinge durch das „Du“ einfacher werden. Andererseits möchte ich persönlich mir aussuchen können, mit wem ich per „Du“ bin. Vor allem wenn ich jemanden so gar nicht mag, lege ich großen Wert auf Distanz. Gerade im Unternehmen kann es aber schwierig werden, einem gern gehassten Vorgesetzten das duzen zu verweigern.

  • Siegfried Wüst 26. Juli 2016 11:19

    Ich finde Ehrlichkeit sehr wichtig. Für mich wird hier etwas vorgespielt.

    Bis 60% der Führungskräfte bewerten/führen Mitarbeiter unzureichend, somit geht viel Potential verloren.
    Bis 39% der Produktivität wird vergeudet durch Kommunikationsmängel und schlechte Führung.
    Bis 47% des Personales kündigt wegen eines schwierigen Chefs.

    Das sind Realitäten, die eher besorgniserregend stimmen sollten, oder?
    Alles kann nur so intelligent gelöst sein, wie eine Führung es zulässt? Beispiele: Abgaslügen, EU.

    Wenn man auf einer heißen Herdplatte sitzt, mit den Füßen im Eiswasser badet, so ist der Mittelwert ok, aber es tut weh? Es gilt Gewinnstreben + Zukunftsfähigkeit zusammen zu optimieren ? Ein Unternehmen ist ein vernetztes Gebilde. Alles hat Konsequenzen. Wertschöpfung über Wertschätzung. Erfolg mit / für Menschen. „Eine Kuh, die man melken will, die sollte man auch füttern, oder?“ Meine Überzeugung: Der Wettbewerb wird über Gute Führung entschieden! Diese muss ehrlich und qualitativ gut sein.

    Mit freundlichem Gruß
    S.Wüst, Mauern

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