Produzentenbesuch Warum wir auf Überraschungsbesuche setzen

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Mit leichtem Gepäck auf eine kurze Reise von Deutschland zu den Produzenten in Marokko.

Mit leichtem Gepäck auf eine kurze Reise von Deutschland zu den Produzenten in Marokko.© jottkah / photocase.de

Produzentenbesuche im Ausland sind aufwendig. Aber wichtig, findet Unternehmer Christian Pietsch. Warum er kürzlich auf Überraschungsbesuch in Marokko war.

Meine Mitarbeiterin hat es treffend formuliert: „Marokko ist der Katzenstaat, in dem jeder einen Vogel hat.“ Das ist keineswegs despektierlich gemeint: In Marokko sind Katzen eine Heiligkeit und werden im Gegensatz zu Hunden als rein angesehen. Und überall, wo wir hinschauten – egal ob in Cafés oder Restaurants – sahen wir Wellensittiche und Kanarienvögel.

Mindestens zweimal im Jahr besuchen wir unsere Ledertaschen-Produzenten in Marokko – unangekündigt. Diese Überraschungsbesuche sind uns aus mehreren Gründen wichtig.

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Wer als Unternehmer den Kunden viel verspricht, muss auch viel halten – besonders, wenn es um sensible Themen wie Kinderarbeit, Lebensunterhalt und Arbeitsbedingungen geht. Hält sich der Produzent an das Verbot der Kinderarbeit? Werden wirklich faire Löhne bezahlt, die den Lebensunterhalt sichern? Herrschen sichere und nicht-gesundheitsschädliche Arbeitsbedingungen? Diese Punkte sind Grundpfeiler unserer Unternehmensphilosophie und -kultur. Verstoßen Produzenten mehr als einmal gegen unsere Gebote, trennen wir uns sofort von ihnen.

Acht Produzenten in drei Tagen

Selbst über einen hochauflösenden 15-Zoll-Retina-Bildschirm würde das Beobachten und Einschätzen nicht so gut funktionieren. Daher sind Besuche vor Ort unablässig. Nur so erhalten wir einen echten Einblick. Auch wenn er uns nur einen Ausschnitt aus der Jahresproduktion zeigt, können wir doch einschätzen, ob unsere Bedingungen eingehalten werden. Und da die Besuche unangekündigt ablaufen, können die Produzenten keine Vorbereitungen treffen, um mögliche Produktionsfehler zu verschleiern.

Seit wir unsere Waren auch aus Marokko beziehen, mache ich die Besuche dort. Ich wollte sicher gehen, dass die Produzenten genau so produzieren, wie wir es möchten. Schließlich könnte es uns auf die Füße fallen, wenn wir unsere Versprechen aus Ahnungslosigkeit nicht halten würden. Wir besuchen unsere Produktionsländer zweimal im Jahr – sowohl Indien, als auch Marokko. Das kann anstrengend werden, da man teilweise große Distanzen vor Ort fahren muss. In Marokko haben wir acht Gerbereien und Familienbetriebe angeschaut – und das in drei Tagen.

Geschäftskommunikation? Am liebsten per Facebook

Ich arbeite seit sieben Jahren mit Produzenten in Marokko zusammen. Damals war ich auf der Suche nach neuen, außergewöhnlichen Taschen, um mein Sortiment für “Gusti Leder nature” zu erweitern. Das Besondere am marokkanischen Leder: Es wird pflanzlich gefärbt. Das passt perfekt zu der natürlichen Produktlinie. Allerdings erwies und erweist es sich als schwierig, mit den Produzenten vor Ort zusammenzuarbeiten.

Rechnungen schreiben und eine eigene E-Mail-Adresse haben – das ist für uns unablässig, allerdings in Marokko schwer zu finden. Fast alle versuchen, ihre Geschäftskommunikation über Facebook abzuwickeln, was dort ausgesprochen gut funktioniert. Wir aber brauchen eine stetige und offizielle E-Mail-Korrespondenz.

Auch in den großen Städten und mit Herumfragen war es schwierig, gute Produzenten zu finden. Dennoch haben wir nach langen Suchen und Ausprobieren welche gefunden, die unsere formellen Anforderungen erfüllen und unserer Philosophie entsprechen.

Wir lassen unsere Taschen in kleinen Familienbetrieben produzieren. Dort arbeiten nicht mehr als 15 Personen, was uns die Kontrolle natürlich vereinfacht. Die Taschen werden meist in den eigenen Häusern genäht, weshalb wir ein besonderes Augenmerk auf das Verbot der Kinderarbeit haben müssen. Die Produzenten können ihre Kinder natürlich schlecht aus dem eigenen Haus verbannen, aber doch dafür sorgen, dass sie gewisse Bereiche nicht betreten oder mit der Arbeit in Kontakt kommen. Auch hier helfen die Besuche: So können wir die Umstände vor Ort nachvollziehen, gegebenenfalls Mahnungen aussprechen oder Verträge bei schweren Verstößen aufheben.

Persönliches Gespräch statt Video-Chat

Es ist schon etwas Besonderes, wenn man sechs Monate per E-Mail oder Video-Chat kommuniziert und sich dann persönlich von Angesicht zu Angesicht unterhalten kann. Das baut eine persönliche Bindung auf, die mir und meinem Unternehmen sehr wichtig ist. Bei uns sind die Produzenten keine Nummer im System, sondern haben Namen und Gesichter. Durch diese persönlichen Treffen können wir Einblicke in den Alltag gewinnen und gewisse kulturelle Differenzen, die natürlich manchmal im täglichen Geschäft auftreten, schneller lösen.

Wir erleben vor Ort, wie die Familien arbeiten, und auch, ob der gezahlte Lohn wirklich den Lebensunterhalt sichern kann. Unser Näherinnen und Näher erhalten zwischen 120 und 130 Euro die Woche, die Lebenshaltungskosten im Land sind weitaus niedriger. Dies zu wissen, freut uns natürlich und zeigt, dass wir auf dem richtigen Weg sind.

Im Grunde sind die Überraschungsbesuche wie deutsche Geschäftstreffen. Man stellt sich vor, trinkt Tee – in den meisten Fällen marokkanische Minze -, ist der Chef noch nicht da, wird er geholt, es wird erzählt und schlussendlich geht es in die Werksbesichtigung. Fällt der Besuch sehr lang aus, sitzen wir dann manchmal noch mit den Produzenten zusammen.

Wir nutzen die Besuche bei den Produzenten auch, um Schutzkleidung und Materialien zu bringen. So können wir sicher stellen, dass diese bei den Arbeitern ankommen und nicht in einem entfernten Schuppen landen.

Fotos von den Reisen – für Facebook, Instagram, Pinterest

Nebenbei versuchen wir bei den Besuchen vor Ort so viele Fotos wie möglich zu machen – das ist nicht nur für die eigene Dokumentation wichtig, sondern auch für unsere Außenkommunikation. Wir informieren uns umfassend – und können so unseren Kunden die Möglichkeit geben, sich umfassend zu informieren.

Unternehmen schmücken sich heute gerne mit grünen Begriffen wie nachhaltig, ökologisch und fair, um ihre soziale und globale Verantwortung zu zeigen. Doch eben jene Worte haben durch ihre nachlässige und plakative Verwendung an Glaubwürdigkeit in der Gesellschaft eingebüßt. Hier hilft eine offene Kundenkommunikation.

Über Facebook und Instagram posten wir während den Reisen oder im Nachhinein Fotos und Erlebnisberichte. Auf Pinterest haben wir ganze Pinnwände zu unseren Produzentenbesuchen. Bei einem Besuch in Indien hatten wir sogar mal einen externen Videojournalisten dabei. So versuchen wir, den Vorwurf der Bildermanipulation zu umgehen. Auf diese Weise erhalten unsere Kunden Einblicke, wie und wo wir produzieren – Informationen, die sie sehr schätzen.

Blick hinter den Kulissen: Imagefilm von der Ledertaschen-Produktion in Indien

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