Mittagspause Schluss mit der Siesta?

Menschenleere Straßen und geschlossene Läden: Während der Siesta sind die Städte in Spanien wie ausgestorben.

Menschenleere Straßen und geschlossene Läden: Während der Siesta sind die Städte in Spanien wie ausgestorben.© picture alliance / dpa

Die Siesta hat in Spanien eine lange Tradition. Doch inzwischen setzt ein Umdenken bei Arbeitnehmern und Unternehmen ein. Kommt bald das Ende der mehrstündigen Mittagspause?

Wenn um 6.30 Uhr der Wecker klingelt, beginnt für die Spanierin Rocío ein langer Tag. Die Tierarzthelferin aus Guadalajara östlich von Madrid erledigt ein paar Dinge im Haushalt, genießt ein kurzes Frühstück mit Mann und Kind und tritt um 9 Uhr ihren Job an. Ein gewöhnlicher Arbeitstag dauert für sie bis 20 Uhr – inklusive einer Mittagspause von drei Stunden. „Mein Tagesablauf macht mich unzufrieden“, sagt die 30-Jährige. „Ich habe keine Zeit für meine Familie.“

Viele Spanier erleben den Alltag so wie Rocío und ihre Familie. Sie betrachten die mehrstündige „Siesta“ als eine Zwangspause, die ihren Arbeitstag entzweit und unnötig in die Länge zieht. Die Tierarzthelferin holt ihr Kind nach Feierabend bei der Tagesmutter ab und geht selten vor 1 Uhr zu Bett. „Ich sehe meine Tochter ungefähr zwei Stunden pro Tag“, beklagt sie.

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„In Spanien ist es normal, dass Familien spät nach Hause kommen“, berichtet die Sozialpsychologin Sara Berbel Sánchez. In vielen Fällen geschehe dies erst zwischen 22 und 23 Uhr. Dementsprechend beginnt die Hauptsendezeit im Fernsehen deutlich später als in anderen europäischen Ländern und endet erst gegen Mitternacht.

Unproduktivität trotz langer Arbeitstage

„Wir Spanier schlafen im Durchschnitt pro Nacht fast eine Stunde weniger als andere Europäer“, sagte die Ökonomin Nuria Chinchilla. Kinder und Jugendliche seien tagsüber müde und könnten dem Schulunterricht nicht aufmerksam folgen. „Der Schlafmangel ist eine der Ursachen, weshalb so viele spanische Jugendliche schlechte Leistungen in der Schule erbringen oder die Ausbildung abbrechen“, erläutert Berbel Sánchez.

Der ausgedehnte Tagesablauf kann sich auch negativ auf die wirtschaftliche Produktivität auswirken. Nach einer Statistik der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) arbeitet ein spanischer Arbeitnehmer 1689 Stunden pro Jahr – über 300 Stunden mehr als ein deutscher. Dennoch ist die Wirtschaftsleistung deutlich geringer. Nach Ansicht von Chinchilla spielt dabei auch die „Präsenzkultur“ eine Rolle. „In Spanien verbringen die Leute viel Zeit bei, aber nicht mit der Arbeit“, meint die Ökonomin.

Firmen experimentieren mit durchgehenden Arbeitszeiten

In einigen Behörden und Unternehmen wächst die Bereitschaft, den Angestellten flexible Arbeitszeiten zu ermöglichen. Das Wirtschaftsministerium fordert seine Mitarbeiter auf, die Mittagspause so kurz wie möglich zu halten und das Büro um spätestens 18.00 Uhr zu verlassen. Der Energiekonzern Iberdrola führte 2008 durchgehende Arbeitszeiten ein: Die 9000 Mitarbeiter kommen zwischen 7.15 und 9 Uhr zur Arbeit und machen zwischen 14.50 und 16.35 Uhr Feierabend.

Seit fast zehn Jahren setzt sich die Vereinigung mit einer Rationalisierung der Tagesabläufe (ARHOE) dafür ein, dass Spanien von der Mitteleuropäischen in die Westeuropäische Zeitzone wechselt. „Wir leben mit der falschen Uhrzeit“, sagte der ARHOE-Chef in Katalonien. Ein Wechsel würde es erleichtern, zu einem kompakteren Arbeitstag ohne Siesta und mit frühem Feierabend überzugehen.

„Insbesondere für Frauen wäre dies eine große Erleichterung“, sagte Berbel Sánchez. Unter den jetzigen Arbeitsbedingungen sei es äußerst schwierig, Beruf und Familie miteinander zu vereinbaren. „Wer als Frau in Spanien arbeitet, muss seine Familie beiseite stellen. Und wer für seine Familie da sein möchte, muss seine Arbeit aufgeben“, meint die Tierarzthelferin Rocío.

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