Unternehmenswachstum Warum immer höher, schneller, weiter und größer keine Lösung ist

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Hoch hinaus wollen viele in der Urlaubsregion Rhön. Unternehmer Jürgen Krenzer nimmt das eher gelassen.

Hoch hinaus wollen viele in der Urlaubsregion Rhön. Unternehmer Jürgen Krenzer nimmt das eher gelassen.© Rhön Marketing

Es klingt verlockend: große Investitionen, großes Wachstum, große Selbstbestätigung. Unternehmer Jürgen Krenzer wurde es angeboten. Warum er sich trotzdem dagegen entschied.

Es ist Dienstag, der 19. November 2013, Schlag 9 Uhr. Nach meinem Abendvortrag mit dem Titel „Mach Dein Ding!“ für das Stadtmarketing Schwetzingen werde ich an diesem Morgen von einem Berater und einem Geschäftspartnern in meiner Schwetzinger Herberge abgeholt. Wir fahren an einen mir unbekannten Ort. Obwohl ich zwei Jahre in Heidelberg gelebt habe, weiß ich nicht genau, wo wir sind. Alles ist sehr geheimnisvoll. Auch der Unternehmensberater und der langjährige Geschäftspartner tun sehr geheimnisumwoben.

Die ganze Aktion ist schon sowas von top secret, dass noch nicht einmal meine Frau Sylvia Wind davon bekommen darf. Aber irgendwie auch spannend und prickelnd. Was haben die mit mir vor? Ich weiß nur so viel: Es geht um Erfolg. Mehr Erfolg. Noch mehr Erfolg. Okay – wer will das nicht? Also steige ich ein und lasse mich gerne überraschen.

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Aber warum darf meine Frau davon nichts wissen? Die hat sicherlich auch nix gegen Erfolg. So ein bisschen merkwürdig ist das schon. Also würdig, es sich zu merken. Nach der dritten Tasse Espresso lassen die beiden nach langem Drumherum-Redens endlich die Bombe platzen: Sie wollen unser kleines Apfel-Rhönschaf-Imperium „krenzers rhön“ weiterentwickeln, wie sie sagen. Und weiterentwickeln heißt hier konkret: größer und luxuriöser! Viel größer und viel luxuriöser!

Ambitionierte Wachstumspläne

Ich staune nicht schlecht, als ich die Skizzen sehe. Tiefgarage, Hotelneubau, Küchenneubau, Verlagerung der Gartenwirtschaft und Umbau der Außenanlagen. Wenn das alles dann mal fertig ist, sind wir doppelt so groß. Können doppelt so viele Gäste begeistern und bräuchten natürlich auch doppelt so viele Mitarbeiter. Und dabei kostet das nur mal so eine Million Euro. Vielleicht auch zwei. Bei Tiefgaragen in der Nähe von Fließgewässern weiß man nie. Da wird oft viel Geld vergraben.

Egal – die Millionen gibt es ja bei der Bank. Und weil es bei uns seit Jahren super läuft, würden die auch nicht lange zögern, um die Kohle rauszurücken. O-Ton meines Gesprächspartners: „Jürgen, du musst einfach mehr aus dem Erfolg von ‚krenzers rhön‘ machen. Du bist jetzt voll angesagt! Das musst du nutzen. Du musst das jetzt multiplizieren! Du musst jetzt das richtig fette Ding machen!“ Ja, ich muss, ich muss …

„Je kleiner das Ego, umso leichter das Leben“

Eigentlich muss ich mir jetzt erst einmal ein Bier holen. Aber in diesem austauschbaren Freestander-Café‘ irgendwo in einem noncharmanten Industriegebiet gibt’s nur Konzern- und Fernsehplörre in der Flasche. Also noch ein Espresso. Er schmeckt mir nicht. Genau wie die ambitionierten Pläne. Reines Bauchgefühl. Will ich nicht. Brauch‘ ich nicht. Was soll das? Größer, schneller, weiter, multiplizieren, franchisen – so ein Sch…! Muss das sein? Plötzlich weiß ich, warum meine Frau hier nicht sitzen darf. Die würde sich solch eine Idee, die nur aus Größe und Glamour besteht und daher keine Idee ist, noch nicht einmal anhören.

Aber es ist ja alles so verlockend. Aus einem richtig guten Geschäftsmodell einfach noch mehr Geschäft herauszupressen. Es auszupressen wie einen Apfel auf meiner Saftpresse. Es geht eben immer nur um mehr Kohle, ein größeres Haus, ein noch dickeres Auto und – das eigene Ego. Da habe ich vor kurzem einen beeindruckenden Satz gelesen: „Je kleiner das Ego, umso leichter das Leben“. Aber das fällt vielen Unternehmern schwer. Sehr schwer …

Wachstum – ja oder nein?

Ich verlasse die Unterredung. Meine Geschäftspartner spüren, dass ich nicht mitziehe. Dabei haben sie sich ja völlig marktkonform verhalten. Ihnen ist nichts vorzuwerfen. So läuft das eben heute. Ich sehe aber keinerlei Sinn in diesen Plänen. Wo bleibe ich dabei? Meine Familie? Mein Leben? Nein, Größe und Glamour sind nun mal nicht mein Ding. Basta!

Tschüss, lieber Erfolg!

Freitag, 11. März 2016, 9.09 Uhr. Ich sitze in meiner kleinen Privatküche. Die Spülmaschine gibt beruhigende gleichmäßige Geräusche von sich. Ich blicke auf meine noch schneebedeckten Rhönberge. Mein Kaffee ist leer. Und ich bin zu faul, mir einen neuen zu machen. Aber ich bin nicht zu faul, diesen Blog zu schreiben. krenzers rhön – mein geliebtes Herzblut-Unternehmen ist geschlossen. Aber nicht für immer, keine Angst!

Was ist eigentlich Erfolg?

Wir haben vom 7. bis 17. März unsere regelmäßige Frühlings-Auszeit genommen. Und dabei wird dieses Mal unsere Rezeption neu gestaltet. Irgendetwas müssen wir immer verbessern. Wir können uns das leisten. Diesen Luxus. Unseren Luxus. Einfach mal zusperren. Nachdenken. Auszeiten nehmen. Entwickeln. Unsere tollen Leute mal in Ruhe lassen. Und unsere fantastischen Gäste auch.

Um nach zwei Wochen voll motiviert wieder aufzusperren. Und in eine fantastische Saison zu starten. Ohne Druck. Ohne Bankkredite mit Superzinsen. Ohne irgendwelche Abhängigkeiten. Das ist Erfolg! Jedenfalls für mich. Erfolg heißt, den Augenblick genießen zu können. Oder spontan zu einer Wandertour aufbrechen zu können. Nicht erst wenn man in Rente ist. Erfolg ist, das Leben zu genießen, solange man noch fit ist.

Gegenüber meinen Kollegen in der Gastro-Branche kommuniziere ich lieber nicht, dass ich schon seit einigen Jahren in den Sommerferien eine sechswöchige Familien-Auszeit nehme. Und das bei laufendem Betrieb! Und dass dieser in der Zeit besser läuft als mit mir.

Vorteile des langsamen Wachstums

Dieser so von mir definierte Erfolg wurde langsam aufgebaut. Von einem väterlichen Freund (mein Vater starb leider sehr früh) habe ich einmal folgenden Satz gehört: „Wenn du hoch hinaus willst, musst du lange bei den Fundamenten verweilen.“ Das Prinzip der Brückenbauer. Schon von meiner Mama habe ich das Prinzip der „Revolvierenden Rekapitalisierung“ übernommen. Auch wenn Sie jetzt nicht Betriebswirtschaft studiert haben, sollten Sie dieses Prinzip kennen: (Geld-)Kapital und Revolver. Mit einem Revolver feuert man Kugel für Kugel ab. Ganz im Gegensatz zu einem Maschinengewehr.

Und so investiert man immer wieder jedes Jahr seinen Gewinn neu. Jahr für Jahr. Stück für Stück. Immer wieder. Natürlich mit einem gescheiten Masterplan – auch Unternehmensstrategie – oder gar einer Vision hinterlegt. Daraus ergibt sich ein gesundes organisches Wachstum des eigenen Unternehmens.

Oder wie meine Mutter zu sagen pflegte: „Junge, du kannst die Pfürze einfach nicht größer lassen, als du das Loch hast!“

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