Management Wie wir mehr Menschen fürs Unternehmertum begeistern

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Mit der Aktion "Lemonade Day" lernen Kinder und Jugendliche in den USA Unternehmertum in der Praxis kennen: von der Limonaden-Herstellung, über Marketing und Standdekoration bis zum Verkauf.

Mit der Aktion "Lemonade Day" lernen Kinder und Jugendliche in den USA Unternehmertum in der Praxis kennen: von der Limonaden-Herstellung, über Marketing und Standdekoration bis zum Verkauf.© Michael Gray/ fotolia

Junge Menschen fürs Unternehmertum zu begeistern, ist kinderleicht, findet impulse-Bloggerin Marie-Christine Ostermann. Es braucht nur drei Schritte - einer davon hat mit Limonade zu tun.

„Eigentlich habe ich eine gute Geschäftsidee, mit der ich den Weg in die Selbstständigkeit gehen könnte, aber leider habe ich bisher nicht den Mut, mein eigenes Unternehmen zu gründen.“

Diesen Satz habe ich schon von vielen Menschen in Deutschland gehört. Auf Sicherheit legen wir zu viel Wert. Die Bereitschaft, ein gewisses Risiko einzugehen, ist bei vielen Menschen sehr gering. Daher verwundert es nicht, dass die Zahl der Unternehmensgründungen in den letzten Jahren stetig gesunken ist und nun auf einem absoluten Tiefstand abgekommen ist. Auch die Fortführung von Familienunternehmen gestaltet sich immer schwieriger, da auch hier immer weniger junge Menschen für eine Weiterführung zur Verfügung stehen.

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Was aber können wir tun, um in Deutschland mehr Menschen für Unternehmertum zu begeistern und die Zahl der Neugründungen und Unternehmensfortführungen zu steigern?

Aus Fehlern lernen: Unternehmertum ist mehr als Erfolg

Meines Erachtens können wir dies nur erreichen, wenn wir in Deutschland die Mentalität der Menschen ein Stück weit ändern. Wir müssen bis zu einem gewissen Grad risikoaffiner werden und der Selbstständigkeit deutlich positiver gegenüberstehen.

Im Silicon Valley heißt es: „Entweder man ist erfolgreich oder man lernt“. Eine Stigmatisierung im Falle des Scheiterns gibt es dort nicht. Im Gegenteil: Fehler werden als notwendig angesehen, um dauerhaft erfolgreich sein zu können. Wir Deutschen lassen uns von Rückschlägen hingegen viel zu schnell entmutigen.

Selbstverständlich ist es auch wichtig, die Rahmenbedingungen für Unternehmer und ihre Arbeitnehmer zu verbessern, also zum Beispiel den Bürokratieabbau voranzutreiben oder das Steuersystem unkomplizierter und unternehmensfreundlicher zu gestalten, ebenso wie den Arbeitsmarkt flexibler und das Rentensystem zukunftsfester zu machen. Diese Maßnahmen würden sehr helfen, mehr Unternehmen in Deutschland erfolgreich auf- und auszubauen.

Initiativen für Unternehmertum: „Schüler im Chefsessel“

Außerdem gibt es bereits sehr gute Initiativen, um Schüler an Unternehmertum heranzuführen, zum Beispiel Schülerfirmen und Gründerpreise. Das Netzwerk NFTE (Network for Teaching Entrepreneurship) bietet Businesscamps für Schüler in den Ferien und Fortbildungskurse für Lehrkräfte an. Bei dem Projekt „Schüler im Chefsessel“ des Wirtschaftsverbands „Die Jungen Unternehmer“ begleiten Schüler in mehreren Städten Deutschlands einen Tag lang einen Unternehmer und lernen seinen Beruf sowie sein Unternehmen kennen.

Eine weitreichende Hebelwirkung, Unternehmertum nachhaltig positiv in unserer Gesellschaft zu verankern, konnte in Deutschland aber bisher noch nicht erreicht werden.

In drei Schritten: So begeistern Sie Menschen für Unternehmertum

Essenziell ist es aber, die Einstellung der Menschen gegenüber Unternehmertum deutlich zu verbessern. Dies kann langfristig mit den folgenden drei Voraussetzungen gelingen:

1. Früh übt sich

Idealerweise müssen wir schon in sehr jungen Jahren an das Thema Selbständigkeit herangeführt werden. Wer von klein auf Unternehmertum erlebt, verinnerlicht in der Regel unternehmerisches Denken und Handeln deutlich einfacher und viel intensiver als jemand, der sich erst sehr spät mit Unternehmertum befasst hat.

Als Beispiel kann hier der Lemonade Day aus den USA gelten. Gegründet wurde die Initiative von dem Unternehmer Michael Holthouse. Bereits in sehr jungem Alter verkauft Amerikas Nachwuchs am eigenen Stand selbst hergestellte Limonade und lernt so früh durch eigene Erfahrungen, was es bedeutet, Ziele zu haben, Verantwortung zu tragen und Unternehmer zu sein. Vorurteile über Unternehmer können so gar nicht erst entstehen und Interesse kann schon sehr früh geweckt werden.

Auch ich selbst habe Unternehmertum durch meine Eltern vom Kindesalter an vorgelebt bekommen, sodass ich mir kaum ein anderes Leben mehr vorstellen könnte als das Leben in der Selbständigkeit. Bereits im Alter von 16 Jahren habe ich die Entscheidung getroffen, unser Familienunternehmen später weiterzuführen und meine Ausbildung mit Abitur, einer Banklehre, einem Wirtschaftsstudium und einem Traineeprogramm bei Aldi Süd ganz auf dieses Ziel auszurichten.

2. Mehr Jugendliche erreichen

Es müssen sehr viele junge Menschen erreicht werden. Es reicht nicht, einige wenige Jugendliche anzusprechen und zu überzeugen, sondern das Thema Unternehmertum muss größeren Zugang finden. Bei Lemonade Day haben seit der Gründung 2007 beeindruckender Weise über 800.000 Kinder mitgemacht. Je mehr Kinder und Jugendliche mit Unternehmertum in Kontakt gebracht und für unternehmerisches Denken und Handeln begeistert werden können, desto schneller und mehr wird es zum alltäglichen Bestandteil unseres Lebens.

Um möglichst viele junge Menschen ansprechen zu können, ist es wichtig, dass Unternehmen eng mit Städten, Schulen und Hochschulen kooperieren. Die ganzheitliche und überregionale Zusammenarbeit von Unternehmern mit Politikern, Lehrern und Professoren ist ganz entscheidend, damit Unternehmertum mit der richtigen Ansprache und Struktur an den Nachwuchs vermittelt werden kann.

3. Neue Vorbilder finden

Um Jugendliche wirklich zu interessieren und zu überzeugen, müssen echte Unternehmer ihren Beruf, ihre Werte und ihre Begeisterung für Unternehmertum an den Nachwuchs vermitteln. Junge Menschen lassen sich in der Regel über Vorbilder und Emotionen ansprechen und erreichen. Auch ich hatte und habe ein solches Vorbild in meinem Vater, für dessen unternehmerische Leistung ich viel Faszination und Bewunderung hege.

In Deutschland sind bisher meistens Musiker und Sportler Vorbilder für den Nachwuchs. In unternehmerisch geprägten Ländern wie USA, Schweiz, Indien oder Israel sind es oft die erfolgreichen Unternehmer, denen die Jugend nacheifert, zum Beispiel Facebook-Gründer Marc Zuckerberg. Ein weiteres Beispiel ist Elizabeth Holmes, US-amerikanische Unternehmerin im Bereich Biotechnologie. Die 31-jährige ist Gründerin und Geschäftsführerin des Laborunternehmens Theranos und Amerikas jüngste Milliardärin.

Wenn charismatische und spannende Persönlichkeiten den Jugendlichen Unternehmertum näherbringen, ist die Chance der Infizierung mit dem Unternehmer-Virus deutlich größer, als wenn Unternehmertum allein aus Lehrbüchern und der Theorie heraus unterrichtet wird.

Auch in Deutschland gibt es viele spannende und charismatische Unternehmer, die Jugendliche erreichen können, wie zum Beispiel Verena Pausder, Gründerin vom Kinderapp-Entwickler Fox and Sheep, oder XING-Gründer Lars Hinrichs.

Nur wenn wir es schaffen, unternehmerisches Denken und Handeln schon bei sehr vielen jungen Menschen nachhaltig zu verankern, werden wir wirklich etwas in unserem Land ändern können. Packen wir es jetzt an.

6 Kommentare
  • Torsten Mark 26. Juni 2015 09:30

    Herr Tuchel, zu ihrem letzten Absatz gebe ich Ihnen absolut Recht. Ein Großteil der aktuellen Gründerszene bewegt sich im Online bzw. Consumer Bereich. Dort werden auch die Millionen aus Venture Capital investiert. Wo ist das Geld für innovative produzierende Unternehmen und vorallem wo sind die Menschen, die sich trauen?
    Auch in der Gründerszene sollten wir mehr auf das solidarische, genossenschaftliche Prinzip setzen.
    Frau Ostermann schreibt, das es viele charismatische Unternehmer gibt, die Jugendliche erreichen können. Aber nicht nur die, sondern jedes Unternehmen, was nicht nur renditeorientiert, sondern nachhaltig und verantwortungsvoll wirtschaftet, muss erreicht und unterstützt werden.

  • Franz Piekenbrock 25. Juni 2015 19:55

    Hallo Frau Ostermann,

    Sie greifen absolut ein wichtiges Thema auf, und muß meiner Vorrednerin Frau Müller – Neuhaus recht geben.
    Warum ?

    Schauen Sie, meine Frau und ich sind beide jetzt annähernd 60 Jahre jung und mußten
    miterleben,wie unsere beiden Kinder, von jeder Gattung eins, unser Frank auf der Realschule
    das Stricken und Häkeln erlernen mußte, und unsere Tochter sollte mit Hammer und Kneifzange im Werkunterrricht klar kommen, völlige Fehlanzeige und unserer Meinung nach,
    schon damals völlig hirnverbrannt !
    Beide gehen ihre beruflichen eigenen Wege, sind erwachsen und wir sind Großeltern, normaler Gang des Lebens !
    Es sollte so sein :
    1. Unser Bildungssystem muß sich grundlegend ändern ! ( Das Abi ist ja so leicht )
    2. Vom Kindergarten an müßen unsere Zöglinge lernen, wie Geld und Wirtschaft funktioniert,
    zwar hier noch spielerisch , aber zum Grundschulalter etwas intensiver beigebracht be-
    kommen, worum es überhaupt in unserer Gesellschaft geht,ok, Geld ist zwar nicht alles, aber
    gehört zum Leben dazu !
    3. In den verschiedenen Ausbildungsstufen des beruflichen Lebens sollte man gelernt haben,
    daß man nur so viel Geld ausgeben kann, wie vorhanden ist,die Banken lehren etwas
    leider…. usw.

    Ich könnte noch mehr schreiben, aber lassen wir es hiermit soweit !

  • Joerg Parzl 25. Juni 2015 19:05

    Ich gebe Ihnen in vielen Punkten recht. Allerdings bin ich beim Thema Risiko anderer Meinung. Ich halte ein Angestelltenverhältnis in einer kleinen Firma oder in einem mittelständischen Unternehmen für viel riskanter als das Unternehmertum. Man kann aus den verschiedensten Gründen gekündigt werden und steht möglicherweise, wenn man die falschen Qualifikationen besitzt, für viele Jahre arbeitslos da. Damit ist das Angestelltenverhältnis in einer kleinen Firma oder in einem mittelständischen Unternehmen viel riskanter als das Unternehmertum. Sicherheit gibt es nur beim Staat und bei großen Konzernen. Aber diese Arbeitsplätze stellen nur einen geringen Prozentsatz der „sicheren“ Arbeutsplätze dar. Weiterhin denke ich,dass es bei der Gründung eines gut geplanten und durchdachten Unternehmens viel weniger Risiken gibt als man geglaubt. Man darf sich nur nicht von Bankern, Buisness Plänen im klassischen Sinne und Betriebswirtschaftlern zu sehr irritieren lassen und muss sich auf den Kern des Unternehmens, der Schaffung eines Mehrwerts für seine Kunden konzentrieren. Dann kann eigentlich nicht mir vieles schief gehen.
    Leider vermittelt unser Bildungssystem eine ganz andere Botschaft und Lebenseinstellung. Das freie Denken und das Vertrauen in seine eigenen Fähigkeiten und Talente steht viel zu sehr im Hintergrund.

  • Joachim Tuchel 25. Juni 2015 10:08

    Vielen Dank für diesen Artikel.

    Besonders gut gefällt mir, daß Sie hier nicht die Schuld in der fehlenden staatlichen Förderung von Gründern suchen, sondern bei unserer Mentalität und dem Verhältnis zur Chance des Scheiterns und konkrete Ideen sammeln, wie man dies – vermutlich eher langfristig – ändern können.

    Ich sehe das auch so: Wir haben ein gestörtes Verhältnis zum Risiko. Wir sind leider zu einer manchmal recht verwöhnten Nation geworden, in der man zwar im Sessel sitzt und denkt: „Das hätte ich auch hingekriegt“, aber es eben nicht versucht, ohne sich eines komfortablen Sicherheitsnetzes sicher zu sein. Der Run auf das Thema Ich-AG vor einigen Jahren hat dies sehr deutlich gezeigt. Die Ich-AG ist übrigens eines der besten Beispiele für das völlige Scheitern staatlichen Förderns von Gründungen: gibt es auch nur ein erfolgreiches Unternehmen, das als Ich-AG gestartet ist und Arbeitsplätze geschaffen hat?

    Wir brauchen einen Kulturwechsel, und der kann nur von den Köpfen jedes einzelnen ausgehen. Wir müssen das Wort „Selbständig“ weniger als Synonym für Reichtum und Sorgenfreiheit verstehen, sondern wieder den Wortsinn „Auf eigenen Beinen stehen“. Selbständigkeit heißt vor allem Risiko und (Eigen-)Verantwortung und erst in zweiter Linie Erfolg, Ruhm und Reichtum.

    Ich persönlich habe da auch ein gespaltenes Verhältnis zur aktuellen Startup-Subkultur. Das erinnert mich sehr an DSDS und Konsorten. Ein teurer Beauty-Contest, in dem es manchmal vielleicht etwas zu verspielt zugeht. Der schönste Pitch bekommt die Millionen, und dann verkauft man den Laden schnell an Google, Facebook oder Apple. Ob das wirklich funktioniert?

  • Alexandra Müller-Neuhaus 25. Juni 2015 09:54

    Liebe Frau Ostermann,

    ich gebe Ihnen recht mit dem „Nachleben“. Obwohl ich selber keine Unternehmer-Eltern, aber mit 23 Jahren bereits eine eigene Firma hatte, habe ich in meiner Tochter einen Nacheiferer. Sie wird in diesem Jahr 20.
    In den anderen Punkten zweifle ich, ob einzelne Tage weitreichende Wirkung haben können, wenn solche Tage doch schon seit Jahren ausgerichtet werden, die Gründerzahlen jedoch sinken. Auch bei uns sind häufig Kinder schon mit Flohmarktgeschehen, also mit Kaufen und Verkaufen beschäftigt. Das macht aber noch keinen Unternehmer aus. Es ist m.E. eine grundlegende Änderung im Bildungswesen nötig. Wieso ist z.B. Wirtschaft nicht ein Hauptfach für alle? Wir schließen alle täglich viele Rechtsgeschäfte ab, Ein Kaufvertrag entsteht schon an der Supermarktkasse. Hat nicht Marie Curie einst gesagt „Man braucht im Leben nichts zu fürchten, man muss nur alles verstehen.“
    In diesem Sinne wünsche ich mir, einen Anstoß an die Kultusminister zu geben. Dazu hätte ich noch viele weitere Ideen…

  • C. Geraets 25. Juni 2015 08:55

    klasse……..nothing 2 add

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