• Was darf es sein, Annemarie Lindner?

    Die 91-jährige Gründerin der Naturkosmetikmarke Börlind ist eine leidenschaftliche Unternehmerin. Deshalb wird der Ruhestand ihr manchmal ein wenig fad.

    Auf dem Weg zum Mittagessen begutachtet die gelernte Kosmetikerin ungefragt die Haut der Reporterin. Im Fahrstuhllicht. Mit bloßem Auge. Es heißt, Annemarie Lindner habe für solche Zwecke stets eine Lupe dabei, mit der sie Hautanalysen erstellt, so treffsicher wie ein Computerscanner – oder besser. Aber die Lupe bleibt in der Tasche. “Sie haben eine Börlind-Haut”, befindet die Grande Dame der Naturkosmetik.

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    35 Mio. Euro Umsatz macht ihr Unternehmen im Jahr. Als es vor zwei Jahren 50-jähriges Bestehen feierte, gratulierte sogar die Kanzlerin in einem persönlichen Brief. Kann gut sein, dass Angela Merkel Börlind-Produkte benutzt, erzählt Frau Lindner. Zumindest habe sie mal ein Paket ans Kanzleramt schicken lassen. Renate Künast sei schon lange Kundin, Stars wie Nicole Kidman und Renée Zellweger auch.

    Es stimmt, was alle immer schreiben: Man sieht Lindner ihre 91 Jahre absolut nicht an. “Sie sehen so jung aus”, möchte man sagen, lässt es dann aber, denn es war auch zu lesen, dass Frau Lindner daraufhin gern bittet, sie fest in die Wange zu kneifen. Als Beweis, wie straff da alles ist. Weil sie Zeit ihres Lebens nie etwas anderes benutzt hat als ihre eigenen Cremes.

    “Früher haben sie mich immer ‚die Kräutertante‘ genannt”, erzählt Annemarie Lindner bei Begrüßungschampagner und Amuse-Bouche im Restaurant Zirbelstube am Stuttgarter Schlossgarten. “Aber die Kräutertante hat damals schon die beste Kosmetik der DDR gemacht.” Weil sie selbst mit Pickeln zu kämpfen hatte. Lange ohne Erfolg, erst eine Kräutermaske zeigte Wirkung. Und so beschloss Annemarie Lindner kurz nach dem Krieg, 27 Jahre alt und ausgebildete Buchdruckerin, nach Dresden auf die Kosmetikerinnenschule zu gehen. Ihr Mann war nicht begeistert, aber wenn Lindner etwas beschließt, ist es unumstößlich. Große Entscheidungsstärke. Chefinnennatur eben. So bestellt sie auch: “Ich nehme kanadischen Hummer.” Ohne Zögern. Punktum.

    Nach der Ausbildung richtet sie im Feinkostladen ihres Mannes im sächsischen Eilenburg ein Kosmetikstudio ein. “Kundinnen mit unreiner Haut waren mir da immer die liebsten”, sagt sie. Bei denen sah man die Wirkung ihrer selbst gemischten Tinkturen am besten.

    Der Zeit um Jahrzehnte voraus

    Die Zeit war günstig, ein Kosmetikunternehmen zu starten – einerseits: Nach Hitlers Parole, eine deutsche Frau schminke sich nicht, war das Interesse der Deutschen an Schönheitspflege nach dem Ende der NS-Zeit gewaltig. Auf der anderen Seite aber schien Lindner mit ihrem Ökoansatz den Trend der Zeit zu verfehlen: Anfang der 50er war chic, was aus den USA kam, grellbunt war und möglichst synthetisch. Doch Annemarie Lindner, eine begnadete Verkäuferin, bewarb unbeirrt überall in der DDR ihre chemiefreien Kräutercremes.

    Gourmettempel
    Luxus-Lunch Die Zirbelstube im Hotel am Schlossgarten in Stuttgart liegt in der Nähe von Annemarie Lindners Seniorenresidenz. Die Börlind-Gründerin stellte ihr Menü selbst zusammen: Auf Foie gras folgten Hummer und Seezunge und Früchte an Rotweineis. Dann servierte Küchenchef Bernhard Diers, ausgezeichnet mit einem Michelin-Stern und 18 Punkten im “Gault Millau”, ihr höchstpersönlich eine Auswahl hausgemachter Pralinen.

    Sie ahnte nicht, dass sie ihrer Zeit weit voraus war, dass 50 Jahre später eine gewaltige Ökowelle auch über die Kosmetikindustrie schwappen würde. Wobei Lindner die auch kritisch sieht: “Heute wollen ja alle Naturkosmetik machen. Aber die wenigsten wissen, wie das geht. Wenn Nivea eine Linie mit einem grünen Blättchen auf der Verpackung macht, hat das nichts mit echter Naturkosmetik zu tun.”

    1958 drohte der Staat die Firma Annemarie Lindner Kräuterkosmetik zu enteignen. Die Lindners erfuhren rechtzeitig davon und schlugen sich nach Westberlin durch, einen Batzen Bargeld auf den Bauch gebunden. Schließlich landeten sie in Calw im Schwarzwald, wo sie mit dem Arzneimittelhersteller Hermann Börner in Kontakt kamen. “Mein Mann hat gesagt, wir nehmen niemanden ins Boot, denn Kompanie ist Lumperie.” Aber nach einer Nacht Kooperationsverhandlung entstand die Marke Börlind. Lindner überzeugte das Argument, dass sie Börners Vertriebskanäle im Westen für ihre Kräutercremes nutzen konnte. Sie wollte fortan im großen Stil verkaufen.

    Bis 2006 hatte Börlind Exklusivverträge mit den Neuform-Reformhäusern. Als die aber mit dem Aufkommen der Biomärkte immer mehr ins Hintertreffen gerieten, sorgte Michael Lindner, der einzige Sohn von Annemarie Lindner, für neue Vertriebswege. Er übernahm 1985, als seine Mutter 65 wurde, die Geschäftsführung. Heute gibt es Börlind auch in Parfümerien und ausgewählten Kaufhäusern. Und mit der Übernahme der Marke Tautropfen fand man indirekt auch den Weg in die Biosupermärkte.

    Die Frage, ob es ihr schwerfiel, das Zepter abzugeben, lässt Annemarie Lindner ungehört. Zufrieden hat sie ihren Hummer gegessen und wirkt nun etwas erschöpft. Alles was sie sagt, ist: “Das ist reibungslos über die Bühne gegangen. Mein Sohn hat sich selbst gut in das Unternehmen eingebracht. Und meine Enkel bereiten sich schon darauf vor einzusteigen.”

    “Aber das Geschäft fehlt mir schon sehr”, gesteht sie dann beim Dessert aus glacierten Früchten und bedauert: “Ich habe kaum noch Termine.” Sie holt einen roten Kalender aus ihrer Handtasche und blättert darin. Übermorgen bekommt sie einen Ehrenpreis in Frankfurt, nächste Woche ist sie beim Abendessen mit Kosmetikerinnen in Calw. Dann ist sie zur Eröffnung der Landesgartenschau in Nagold eingeladen und zu einer Shoperöffnung in Wien. Die Woche danach findet eine Gala in Baden-Baden statt, wo sie einen Ehrenpreis für ihr Lebenswerk entgegennehmen wird. Also gut, ein paar Termine. Aber für eine Unternehmerin wie sie nicht genug.

    Aus dem Magazin
    Dieser Beitrag stammt aus der impulse-Ausgabe 01/2012.

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