• “Was darf es sein, Carl Woebcken?”

    Was darf es sein, Carl Woebcken? Einst spielte er in der Band von Howard Carpendale, dann rettete er einen Mythos: das legendäre Filmstudio Babelsberg. Heute geht der Unternehmer mit Hollywoodstars aus.

    An schlechten Tagen muss Carl Woebcken ins berühmte Berliner Promirestaurant Borchardt. Weil manch ein Schauspieler, Regisseur oder Produzent beim Essen gern gesehen werden will. An besseren Tagen obliegt die Wahl des Restaurants dem Chef des Studio Babelsberg selbst. Dann führt er das Filmvolk am liebsten zu Adnan. Zugegeben, der Nobelitaliener in Berlin-Charlottenburg ist auch kein Geheimtipp: Eben fliegt die Tür auf, und herein schneit mit viel “Hallo!” Grünen-Chefin Claudia Roth, die vom Restaurantchef, Adnan eben, mit Küsschen begrüßt wird. Aber Woebcken schmeckt das Essen besser, und es stehen auch nicht ständig Paparazzi vor der Tür.

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    Mit welcher Hollywoodberühmtheit er zuletzt hier war, will Carl “Charlie” Woebcken nicht verraten. “Ach, nein. Ich möchte jetzt kein Namedropping machen.” (Dann übernehmen wir das: Édgar Ramírez und Brad Pitt waren hier, vermutlich mit Woebcken.) Überhaupt tritt der Mann, der sich selbst nicht als Studioboss sieht, sondern als Vorstandsvorsitzenden eines Kulturunternehmens, äußerst leise und bescheiden auf. Er trägt ein schlichtes, weißes T-Shirt und eine Lederjacke, vorgefahren ist er im Kleinstauto. “Ich hatte einen Porsche als Firmenwagen, aber jetzt fahre ich Smart, konjunkturbedingt und wegen des Stadtverkehrs.”

    Und schon liegt noch vor der Vorspeise die Krise auf dem Tisch. Warum drum herumreden? Entwaffnend offen erzählt Woebcken, dass es nicht gut läuft im Filmgeschäft. “Im Moment sieht es nicht so aus, als würde sich das bald ändern”, sagt der 56-Jährige, “die Branche ist in einer sehr schwierigen Umbruchphase.” Gerade Jugendliche besuchten lieber Youtube als ein Kino, auch die Piraterie mache der Branche zu schaffen, Geldgeber flüchteten.

    Start für 1 Euro

    Woebcken bestellt Gemüsesuppe und Leber. “Ein schönes Berliner Gericht, das ich immer gern esse”, sagt er. “Wichtig ist, dass das Kartoffelpüree dazu gut gemacht ist.”

    Dann erzählt er weiter. Die fetten Jahre seien vorbei im Filmgeschäft, aber immerhin sei Babelsberg wieder gut aufgestellt in der Branche. Einen klassischen Turnaround hat Woebcken mit dem einst kriselnden Studio hingelegt: 2004 kaufte er es zusammen mit seinem Freund Christoph Fisser für den symbolischen Preis von 1 Euro vom französischen Medienkonzern Vivendi. 2007 wurde das finanziell erfolgreichste Jahr in der Geschichte des Filmstudios, das in diesem Jahr seinen 100. Geburtstag feiert.

    Gerade Hollywoodstudios drehen inzwischen gern in Babelsberg: “Die Bourne Verschwörung”, “Der Vorleser”, “Unknown Identity” und “Anonymous” sind hier entstanden mit Stars wie Kate Winslet, Matt Damon, Natalie Portman und Tom Cruise. “Carl Woebcken hat Studio Babelsberg zu einem der wichtigsten Produktionsstandorte national wie international entwickelt. Kein einfacher Job. Chapeau!”, lobt der Berlinale-Direktor Dieter Kosslick.

    Restaurant Adnan
    Der Chef Adnan Oral (ein Mittelmeer-Charmeur mit türkischen Wurzeln, der aber italienisch kocht) begrüßt jeden Gast mit Handschlag respektive Küsschen. Zu empfehlen sind die Pasta des Hauses (mit Tomaten, Oliven, Kapern und Basilikum), das wagenradgroße Pizzabrot und, laut Carl Woebcken, die Leber mit Salbei. Und bei Preisen zwischen 10 und 30 Euro für ein Hauptgericht können noch nicht einmal die Berliner meckern.

    Woebcken löffelt etwas lustlos in seiner Suppe. Er komme gerade von einem Frühstückstermin, entschuldigt er sich in seiner sanften, freundlichen Art. Sein Körperbau lässt erahnen, dass er kein großer Esser ist. Wobei das natürlich mit zum Geschäft gehört. Kundenpflege. Woebcken muss das Studio Babelsberg als Dienstleister anpreisen. “Film ist ein People’s Business, manchmal gehen wir mit dem Regisseur oder dem Produzenten halt auch nett essen, und dann ist das ein Aufsetzpunkt, der hilft, das Projekt hierherzubringen,” erzählt er.

    Heißt das, er ist mit Quentin Tarantino um die Häuser gezogen, um ihn zu überzeugen, “Inglourious Basterds” nicht wie geplant in Paris, sondern in Potsdam zu drehen? Lächelnd und ein bisschen genervt angesichts einer solchen Klatschreporterfrage schüttelt Woebcken den Kopf. “In der Akquisitionsphase zieht man nicht um die Häuser. Da kennt man sich ja noch nicht so gut.” Außerdem werden solche Deals mit den Produzenten ausgehandelt. Bei denen punktet Babelsberg mit einer breiten Auswahl an Außenmotiven in Berlin (interessant für Nazifilme) und dem Umland (“super Trümmerlocations” wie verlassene DDR-Kasernen). Zudem mit einer hoch qualifizierten Crew, dem großzügigen Filmförderprogramm des Bundes – und der deutschen Zuverlässigkeit. Trotzdem verliert Woebcken bisweilen Aufträge an Prag oder Budapest, wo alles billiger ist.

    Die Leber isst Woebcken zügig, er muss gleich zum nächsten Termin. Seinen “Zickzacklebenslauf”, wie er ihn nennt, rattert er nebenbei herunter: Geboren in Bonn, wollte er eigentlich Posaunist werden, spielte auch in der Begleitband von Howard Carpendale. Dann studierte er doch Maschinenbau, promovierte im Fach Elektrochemie und wurde als Unternehmensberater zum passionierten Turnarounder. Schließlich landete er beim Trickfilmproduzenten TV-Loonland in München, später stieg er bei der Berlin Animation Film GmbH ein. “In der Retrospektive ergibt sich mit dem Faible für Sanierungen vielleicht doch so etwas wie ein roter Faden”, sagt er.

    Einmal hat er sogar einen Oscar gewonnen, als Co-Produzent von “Die Fälscher”, bester fremdsprachiger Film 2008. Und, wahnsinnig aufregend die Verleihung, oder? Der Glamour, Angelina Jolie von nahe sehen?… Er lacht nur, winkt ab. “Die habe ich schon ganz nah gesehen.” Wo? Noch mehr Lachen. “Kein Kommentar.”

    Aus dem Magazin
    Dieser Beitrag stammt aus impulse-Ausgabe 07/2012.

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