Management Was ein kleines Kärtchen so anrichten kann …

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Tinte statt Tastatur: Mancher hat seinen Füllfederhalter wohl schon seit Jahren nicht mehr angepackt.

Tinte statt Tastatur: Mancher hat seinen Füllfederhalter wohl schon seit Jahren nicht mehr angepackt.© Gina Sanders / Fotolia

Unternehmerin Soraya Kühne wollte nur nett sein und schickte einem potentiellen Auftraggeber eine handgeschriebene Karte. Doch der Mann – und seine Ehefrau – reagierten ganz anders als erwartet. In ihrem ersten Beitrag erzählt die neue impulse-Bloggerin, warum sie dennoch weiter an Handgeschriebenes glaubt.

Vor nicht allzu langer Zeit habe ich einem potenziellen Auftraggeber nach einem wirklich lustigen und inspirierenden Telefonat eine Compliment Card geschickt. Mit einem kurzen Dank für das Telefonat und dem Hinweis darauf, dass ich mich auf unsere Zusammenarbeit freue.

Warum ein Kärtchen? Weil ich daran glaube, dass es noch sehr viele Menschen da draußen gibt, die sich über einen echten Briefumschlag mit echter Briefmarke freuen. In diesem Falle aber: weit gefehlt.

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Als wir ein wenig später wieder telefonierten, erzählte er mir, dass ich ihn sehr irritiert habe mit dem Kärtchen. Und seine Frau gleich mit.

Völlig verwirrt fragte ich nach dem Warum. Die Antwort: Man kriegt doch heutzutage keine Post mehr, schon gar nicht handgeschrieben, das ist viel zu persönlich. Schade. Denn was gut gemeint war, ist hier fast in die Hose gegangen. (Wir sprechen und arbeiten noch immer miteinander, konnten das also klären – mit ihm. Und mit seiner Frau).

Ist Handgeschriebenes zu persönlich?

Nun fragte ich mich: Macht man das heutzutage nicht mehr? Gehört es nicht mehr zum guten Ton, einen Stift in die Hand zu nehmen und jemandem – egal ob privat oder geschäftlich – ein paar Zeilen zu schreiben? Ist es so selten geworden, dass man sich eher erschrickt als erfreut?

Ich hoffe, mein Erlebnis bleibt ein Einzelfall. Denn: Eine nicht-repräsentative Umfrage im Freundeskreis hat ergeben, dass ein postalischer Gruß zwar extrem selten, dafür aber umso beliebter geworden ist. Sich nach einem Termin, einem Abendessen oder einem guten Workshop mit handgeschriebenen Zeilen zu bedanken, sorgt für Freude beim Empfänger. Und: Es drückt Wertschätzung aus. Denn der Empfänger sieht und fühlt, dass man sich Mühe gegeben hat. Man hat nicht einfach schnell eine Mail getippt, abgeschickt und die Sache als erledigt betrachtet. Der Schreiber hat sich Gedanken über die Zeilen gemacht, eine Briefmarke auf das Kuvert geklebt und ist den Weg zum Briefkasten gegangen.

Während ich mir Gedanken zu diesem Thema machte, entdeckte ich ein Zitat von Guy Trebay, der 2014 in der New York Times schrieb, dass „in unserer heutigen Welt die Vorstellung um sich greift, dass die handschriftliche Nachricht ihr Comeback erlebt“. Und Richard Branson sagt 2014 auf virgin.com: „Ein schnelles Dankeschön per SMS kann Dankbarkeit nicht richtig zum Ausdruck bringen. Zudem ist es nicht so erfüllend wie eine handschriftliche Mitteilung“.

Eine krakelige Handschrift ist keine Ausrede

Wer mit der eigenen Handschrift nicht zufrieden ist, kann heutzutage auch jemand anderen für sich schreiben lassen. Einige Start-ups versuchen diese Nische (und wie gerne würde ich das Marktlücke nennen können!) zu besetzen. Etwa der Gründer Thorsten Petzold mit seiner Schreibstatt in Berlin: Echte Stifte, echte Tinte, echte Menschen sitzen da und übernehmen das Schreiben für Leute mit wenig gestalterischer Begabung. Und wer glaubt, nicht die richtigen Worte zu finden, dem hilft das Start-up „Mein Wortreich“. Eine sehr wortgewandte Dame namens Ellen schreibt, wie ich finde, wunderschöne Texte zu jedem Anlass. Bei sehr großen Auflagen übernimmt heute ein Roboter das Schreiben: mit einem eingespannten Füller oder Kugelschreiber entstehen handgeschriebene Zeilen, denen man es nicht ansieht, dass eine Maschine am Werk war. In Deutschland übernimmt dies zum Beispiel die Firma Pensaki.

Es gibt also keine Entschuldigung mehr, den alten gelben Briefkasten nicht zu strapazieren. Außer natürlich, Sie wissen, dass Sie damit den Empfänger irritieren. Aber vielleicht ist das auch gewollt und startet eine kleine, analoge Revolution.

11 Kommentare
  • Chris 22. Mai 2015 12:54

    Liebe Soraya,

    lass Dich nicht entmutigen von einem Fehlschlag. Der Mann hat offensichtlich die Verbindung zur analogen Welt verloren. Alte Welt kann durchaus mit neuer Welt interagieren und sich ergänzen. Du hast mich mit Deinem Text annimiert, mich heute mal wieder an den Schreibtisch zu setzen und freudige Überraschungen zu verfassen.

    Danke dafür.

    Herzlich,

    Chris aus Berlin

  • Jörg H.(VGH) 21. Mai 2015 23:40

    Hallo Frau Kuehne, ich würde Ihnen auch gerne handschriftlich auf einer von Ihnen veredelten Grußkarte antworten, doch leider geht mein Vorrat zur Neige. Ich nutze diese wunderschönen Karten für persönliche Worte an Freunde und Kunden. Oft schon wurden durch diese persönliche Art der Kommunikation auch aus Kunden, Freunde. Es sind ausnahmslos Menschen die das besondere schätzen und erkennen. Diese kleinen persönlichen Gesten machen den Unterschied in einer Welt in der das analoge um seinen Platz kämpfen muss.

    Viele persönliche, in Gedanken handschriftliche Grüße in die schönste Stadt der Welt.

    Jörg

  • Gisela Knyphausen 29. April 2015 17:03

    Liebe Soraya,

    handgeschriebenes kann nie zu persönlich sein, so meine Meinung. Und ja, es sollte wieder
    selbstverständlicher werden, daß mit Füller auf Umschlägen und Karten einen Dank oder Glückwunsch oder Einladung oder oder kommt. Tausend Dank für den Beitrag.

    Gisela

  • Reiner R. 26. April 2015 10:27

    Hallo Soraya

    Handgeschrieben zeigt Charakter und Stil.

    Gruß Reiner

  • Erich 25. April 2015 16:25

    Ihre handgeschreibene Karte finde ich ——-super—

  • Melanie Neumann 25. April 2015 03:54

    Liebe Soraya,

    danke für diese Zeilen, die ich auch gern handgeschrieben kommentieren würde. Bislang habe auch ich noch nicht viel Resonanz auf HaHandgeschriebenes erhalten, aber bislang auch keine negative. Und da ich selbst mich immer wahnsinnig über persönliche, wertschätzende und sehr gernehandgeschriebene Zeilen zwischen all der geschäftlichen und automatisierten Post freue, hoffe ich sehr, dass es den Empfängern auch so geht. Denn auch ich finde, es ist in unserer schnellen Welt ein Zeichen besonderer Wertschätzung, wenn man sich für so etwas Zeit nimmt.

    Herzliche, wertschätzende (aber leider nur digitale) Grüße
    Melanie

  • Udo Kummer 22. April 2015 14:28

    Handgeschriebenes? Na ja, wer nicht mit ungehen kann verläuft sich vermutlich ohne seinen elektronischen Kasper in jeder Telefonzelle.
    Kontakte, die etwas handgeschriebens verdienen, haben meist eine viel höhere Wertigkeit, zumindest in meinem Kreis.
    Gruß

  • Andy Andresen 22. April 2015 11:53

    Es ist immer wieder inspirierend, mit paperlux und Soraya zusammen zu arbeiten. Mit dem handgeschriebenen Gruss habe ich bisher allerdings keine positiven Erfahrungen machen können, Feedback ist (zumindest bisher) leider null. Aber wird vielleicht ja noch….

  • Jens 22. April 2015 10:34

    Moin Soraya,

    ich freue mich jedes Mal außerordentlich, wenn ein handgeschriebener Brief zu mir kommt. Als sinnlicher Mensch lese ich nicht nur die Worte, sondern sehe auch die Tinte und fühle das Papier, worin sich die Wertschätzung ebenso zeigen kann. In diesem Sinne lasse ich auf meinen klassisch gedruckten Visitenkarten eine freie Fläche für eine handschriftliche Notiz und notiere dort das Stichwort der Konversation mit meiner/m GesprächspartnerIn.

    Handgeschöpfte Grüße

    Jens

  • Soraya 21. April 2015 22:57

    Liebe Stefanie,

    ich freue mich sehr, dass Dir der Text gefällt. Wir sollten eine Wiederaufnahme unseres Kontakts auf analogem Wege voran treiben. Das wäre mir eine grosse Freude.

    Liebe Grüsse
    Soraya

  • Stefanie Sohr 21. April 2015 12:18

    Liebe Soraya,

    der Text verdient eigentlich ein handgeschriebenes „gefällt mir“.

    Ich verschicke genauso gern Handgeschriebenes wie ich es bekomme.
    Ein handgeschriebener Gruß ist auch ein Ruhemoment. Handgeschriebenes
    scannt man nicht. Sondern man liest es.

    In diesem Sinne
    entschleunigte Grüße
    Stefanie

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