Management Wenn eine vermeintlich wunderbare Geschäftsidee scheitert

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© Béa Beste

Das Bastelkisten-Start-up Tollabox von impulse-Bloggerin Béa Beste musste im April Insolvenz anmelden. Wie die Gründerin das Scheitern ihrer Geschäftsidee erlebt hat - und was sie hoffen lässt.

„Even if you fall on your face, you’re still moving forward.“ Yeeeey!

Was für ein Schritt wäre es, wenn heute mehr Menschen die Chancen aus einem Scheitern annehmen. Bejubeln. Geradezu umarmen würden. Die impulse-Konferenz „Aus Fehlern lernen“ im letzten November war ein weiterer Schritt in der Befreiungsbewegung unserer deutschen Kultur vom negativen, dunklen Schamgefühl, das sich normalerweise beim leisesten Gedanken an die geringfügige Möglichkeit des Scheiterns einstellt. Also ICH hatte das nicht nötig. ICH war auf der Seite der Prediger. ICH hatte ja noch nie ein Problem mit dem Scheitern. ICH bin grundsätzlich ein risikoaffiner Typ. Scheitern, komm schon her, ich knuddle dich!

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Und dann flog ich Anfang dieses Jahres gehörig auf die Schnauze.

Bei meinem E-Commerce-Unternehmen Tollabox, im Jahre 2013 kurzfristig mit 600.000 Euro eingesammelten Kapitals sogar auf Platz 1 der erfolgreichsten deutschen Crowdfunding-Unternehmen, platzte in diesem Januar eine Finanzierungsrunde. Der weitere Schritt war unvermeidbar: „Die Playducato GmbH hat am 11. Februar 2015 Insolvenzantrag beim Amtsgericht Charlottenburg gestellt. Eine zur Aufrechterhaltung der Zahlungsfähigkeit notwendige Finanzierungsrunde ist kurz vor Abschluss gescheitert. Die Geschäfte werden mit Zustimmung des vom Gericht eingesetzten vorläufigen Insolvenzverwalters Prof. Dr. Martini zumindest bis Ende April 2015 fortgeführt und die Kunden vertragsgemäß beliefert. Das Hauptproblem des Geschäftsmodells bestand in der zu kurzen Abodauer für die Tollabox. Derzeit werden verschiedene Möglichkeiten für die Umstrukturierung des Geschäftsmodells geprüft.“ So die offizielle Erklärung.

Wer von Ihnen glaubt jetzt, dass noch eine Spur vom Yeeeey-Gefühl in mir war? Echtes Scheitern ist ein negatives, dunkles Gefühl, das viel mit Scham, aber auch mit Trauer, Machtlosigkeit, Verzweiflung und Wut auf alle Beteiligten zu tun hat. Inklusive sich selbst. Vor allem sich selbst!

In der Zeit, die der Gesetzgeber dem Insolvenzler als Chance bietet, doch noch etwas zu retten, musste ich auch erkennen, dass die Umstrukturierungsansätze keine echte Chance mehr hatten. Drei Monate späte kam der Moment, in dem ich alle Buttons auf der Website abschaltete, mit denen man die Tollabox kaufen konnte. Im Büro haben wir alles aufgeräumt und die Zeugnisse für die Mitarbeiter geschrieben. Die Metapher „Lichter aus“ stimmt. Es ist ein richtig trauriger Moment. Die wunderbare Idee, eine monatliche Box mit Material, Ideen und Lerneffekt für Kinder zwischen 4 und 10 Jahren im Abonnement zu vertreiben, hat nicht funktioniert. Meine Idee, mein Baby, musste ich endgültig „begraben“ – das tat enorm weh.

Dann stellte sich das Lernen ein

Im Internet machte zu diesem Zeitpunkt eine Studie Furore: #regrettingmotherhood handelte von Frauen, die ihre Mutterschaft bereuen. Ich hingegen stellte mir die Frage, ob es so gut war, eine Business-Idee so zu lieben wie ein Kind. War das gut? Daran zu hängen mit aller Seele? Macht das nicht blind? So nach dem Motto: „Mein Kind ist hochbegabt und alle anderen verkennen das?“ Möglicherweise hätte ich mit einer guten Portion Kaltschnäuzigkeit besser die Marktprobleme erkennen können. Dass Eltern zu beschäftigt sind und vom Alltag so überwältigt, dass sie keine richtige Zeit haben, in Ruhe mit ihren Kindern die Dinge aus der Box zu spielen.

Der breiten Masse, die über 3 Millionen Familien in Deutschland, die potenziell als Käufer infrage gekommen wären, konnten wir den Nutzen der Tollabox nicht verständlich machen. Die Marketingkosten blieben trotz zahlloser Versuche und Verbesserungen zu teuer. Oder die Abonnenten haben nach wenigen Monaten abbestellt. Hätte ich nicht ständig gedacht, dass sich das noch einrenkt, dass wir schon noch an Marketing und Produkt schrauben können, dass noch eine ungeahnte Chance kommt… dann hätte ich der Realität ins Auge blicken können. Stattdessen trug ich die Mama-Rosabrille und habe gedacht, dass wir kurz vor der Lösung stehen, dass der nächste Versuch klappen würde.

Ich bereue es, ab einem gewissen Erkenntnisstand und Zeitpunkt für meine Businessidee wie eine verblendete Löwenmama gekämpft zu haben. Es tut mir leid für die Zeit und Kraft meines Teams und das Geld meiner Investoren. Das ist #regrettingmotherhood der anderen Art. Gar kein gutes Gefühl, aber immer noch eine Erkenntnis.

Jetzt bin ich schlauer!

Dann wurde mir klar: Was ich weiterhin mit vollem Herzen lieben werde, ist mein Thema – das sind Kinder, Eltern und das Prinzip der spielerischen Bildung. Ich mache weiter in Form eines hoffentlich inspirierenden Kreativ-Blogs, ohne Boxen und teure Abonnentengewinnung. Ich prüfe derzeit die Möglichkeiten im Bereich Digital Publishing und Kinder-Apps. Ich starte erneut von null und gehe an die neuen Ideen analytischer und vielleicht auch distanzierter heran, und achte besser auf die Marktwirklichkeit. Ich weiß, dass mich Unternehmertum an sich nicht abschreckt.

Unsere Gesellschaft hat doch gelernt, mit dem Scheitern umzugehen

Aber was viel wichtiger ist: Ich habe auch erfahren, wie die Menschen um mich herum reagiert haben, selbst diejenigen, die viel Geld mit uns verloren haben. Sie haben viel mehr Verständnis für die Situation, als ich je gedacht hätte, dass es möglich ist. Ich habe Respekt, Zuspruch und Ermunterung erhalten, auf allen Kanälen. Ob in der Start-up-Szene oder in Berater-Kreisen: Ich werde wie eine Unternehmerin behandelt, die eine wertvolle Erfahrung gemacht hat. Ich fühle mich nicht stigmatisiert, nicht traumatisiert. Und ich merke, dass Konferenzen wie die von impulse im vergangenen November und alle Bemühungen, das Stigma des Scheiterns aufzuheben, tatsächlich eine Wirkung haben.

Scheitern ist tatsächlich auch bei uns möglich geworden. Deswegen habe ich auch diese Zeilen geschrieben.

 

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7 Kommentare
  • Vincent 15. Juni 2015 19:59

    @Bernhard: das ist einfach gesagt. Ich habe auch viele guten Tipps. Und dann macht man es selber und dann ist es doch anders… Man braucht auch ein gewisses reality distortion field, weil man sonst häufig überhaupt nicht anfangen und machen würde. Da die richtige Balance zu finden, das ist harte Arbeit, Kunst und Wissenschaft.

    Wieviele Unterfangen gibt es, von denen wir gesagt haben: das wird nichts. Und dann wurde es etwas. In den frühen neunziger Jahren dachte ich, dass Mobiltelefone überflüssig sind. Nice to have, ich brauche das nicht. Zappos: geht unter wegen Rücknahmegebühren etc. Amazon: machen die nicht laufend Verlust? usw. usw.

    Gue Freunde und Berater zu haben, und Kriterien von denen man sagt: wenn das so ist, machen wir weiter. Das ist nicht leicht. Auf das nächste Abenteuer, mit etwas mehr Erfahrung…

  • Anne 15. Juni 2015 11:30

    Egal ob es um ein Produkt geht oder eine Dienstleistung. Vertrieb, Vertrieb, Vertrieb und dazu gehört Marketing. Ich mache seit 20 Jahren Verkauf: Kabelfernsehen, Blockheizkraftwerk, Versicherungen, Baufinanzierungen und jetzt Immobilien verbunden mit Energiekonzepten zur Stromeigenproduktion: Blockheizkraftwerk oder Photovoltaik. Es ist immer das selbe. Das tollste Produkt kennt keiner, wenn man das Verkaufen vergisst und da gehört Klinkenputzen dazu nicht nur bei ebay einstellen ! ich setze mal eine gute Preiskalkulation voraus, wo man alle Kosten : Fixkosten: dazu gehört auch das eigene Gehalt inkl. Kranken – und Rentenversicherung ! in das Produkt einrechnet. Aber selbst hierbei habe ich bei Finanzierungen (Bilanzen, Gewinn-Überschußrechnungen) Nachhilfeunterricht geben müssen. Wenn man kein Geld hat 500 € für die eigene private Altersvorsorge aufzubringen, ja diese nicht mal einkalkuliert und sagt: das mach ich wenn das Geschäft richtig läuft, ist der erste Schritt zur Insolvenz schon getan. Jetzt aber zum Verkauf: und bitte, dies ist nicht als Genöle, sondern als Hinweis betrachten. 1. Frage, wieviel Geld habe ich monatlich für den Vertrieb einkalkuliert? Welche Vertriebswege gehe ich? Wieviel Geld habe ich für Marketing einkalkuliert? und Bitte Marketing ist immer ein extra Posten !!! und einer der sichersten Wege, weil ich gleich ein Feedback zu meinem Produkt erhalte ist immer noch das Klinkenputzen. Hätte ich einen Vertriebsauftrag dazu erhalten, wäre ich bei einer Bastelkiste erstmal in die Kindertagesstätten, zu Tagesmüttern und in private Kinderbekleidungsgeschäfte und zu Kinderärzten bzw. Kinderkliniken gerannt. Hier sieht man, kommt mein Produkt an, was fehlt, was kann ich ergänzen oder umstellen? Nur im Internet nen Shop aufmachen ist zu wenig. Da gibt es mittlerweile tausende von Angeboten, auch von Hobbybastlern, Hausfrauen, die keine hohen Fixkosten haben, wo entweder der Mann Geld heim bringt oder man nebenbei einen Hauptjob im Büro hat, mit nervigen Kollegen und einer Arbeit, die einen eigentlich gar nicht gefällt. So das mal kurz von einem Unternehmer, der natürlich auch schon mal scheiterte. Bei mir waren es aber eher organisatorische Gründe, nachlässige Buchhaltung und die Geschäftsumstellung auf die lange Bank geschoben. Alles ist im Internetzeitalter im Wandel, da muss man in der Lage sein, auch sein Unternehmen fix umzustellen. Also es geht immer weiter. Nur wer nicht kämpft, hat schon verloren. Mit diesen Worten allen Unternehmerinnen und Unternehmern viel Erfolg und das quentchen Glück !

  • Kathrin Scheel 15. Juni 2015 06:04

    Ich finde, dass das ein sehr ehrlicher Beitrag ist, der sicher vielen Anderen helfen und Mut machen kann. Ich wünsche alles erdenklich Gute für die Zukunft!

  • Jule 10. Juni 2015 15:48

    Liebe Béa,

    wie schön, diese offenen Worte zu lesen. Ich fühle mich gerade sehr verstanden und „gefühlsverwandt“, da auch ich gerade gescheitert bin. Ich habe mich von meiner Arbeit im Schichtmodell getrennt, da es nicht mehr mit Kita und Überstunden des Partners funktioniert hat. Ich weiß, es war die richtige Entscheidung und trotzdem überwältigen mich die Gefühle des Versagens.

    In mir drückt sich das aus mit Panikattacken und Angstzuständen. Vor allem auch wegen der Unsicherheit, was kommt als nächstes. Aber die Anwort kann ich in deinem Artikel lesen: Etwas, das ich liebe! Das muss ich suchen! Das werde ich finden!

    Schön, dass du weiter machst. Ich freue mich sehr auf deine nächsten Schritte, Worte, Blogs (ist das die Mehrzahl? )… Und bin glücklich, dass sie mich auf meinem weiteren Weg begleiten werden!

    Liebe Grüße, Jule

  • Michael Kieweg 10. Juni 2015 15:48

    Es ist immer ein trauriger Moment, wenn man ein echtes Herzensprojekt beerdigt. Da gibt es, zumindest bei mir, keine Spur von Yeeeeehaaah.
    Aber 2 Dinge sollten nicht passieren.

    1. Weil das erste Herzensprojekt gescheitert ist, gibt man in Zukunft neuen Ideen erst gar keine Chance.
    „Ich krieg das sowieso nicht hin…..“
    Wer so reagiert sollte besser die Finger vom Unternehmertum lassen. Das klingt hart und arrogant, ist aber als Schutz gemeint.
    Scheitern gehört zum Unternehmertum dazu und letztendlich scheitere ich beinahe täglich irgendwo mit irgendwas. Nicht immer katastrophal natürlich, aber dennoch muss ich damit umgehen können und das kann man meiner Meinung nach nur begrenzt lernen.

    2. Weil es ein Herzensprojekt war, habe ich es wider alle Vernunft solange betrieben, bis das Ende „über mich herein gebrochen ist“. Jetzt stehe ich vor dem“Nichts“ und bin aller Handlungsoptionen beraubt.
    Mir ist das genau einmal passiert, daß das Ende eines Herzensprojektes mich in den fast vollständigen Ruin gerissen hat. Es hat mich Jahre gekostet, um wenigstens wieder halbwegs frei handeln und werkeln zu können.
    Daraus habe ich gelernt, jedes Projekt und jede Planung mit knallharten Deadlines zu versehen.
    Wenn bis zu einem bestimmten Datum bestimmte Teilziele nicht erreicht sind wird das Unternehmen beerdigt. Zumindest steige ICH dann aus. IMMER! OHNE AUSNAHME!
    Das tut oft weh und gibt immer wieder Krach mit Mitstreitern, obwohl ich das immer im Vorhinein klar kommuniziere. Aber es erhält mir die Möglichkeit irgendwann, irgendwo, ein anderes Projekt anzugehen.
    Ich habe mehrere Gigabyte an Daten zu irgendwelchen Ideen und der Ordner „Dumme Idee des Tages“ wächst und wächst.

    Letztendlich habe ich, auch wenn es beerdigt wird, bei jedem Projekt etwas gelernt.

    Ich glaube außerdem nicht, daß wir als Gesellschaft das Scheitern inzwischen „positiver“ sehen.
    Sie sagen es ja selber, es sind die Fachleute, die Investoren und Geschäftspartner, die differenziert urteilen.
    Im Supermarkt an der Wursttheke gelten Unternehmer die mit ihrer Geschäftsidee baden gegangen sind immer noch wahlweise als Abzocker oder Versager. Das gilt vor allem wenn die Geschäftsidee nicht direkt im Mainstream angesiedelt ist

  • Dirk Adams 10. Juni 2015 15:27

    Sehr geehrte Frau Beste, dieser Artikel war wirklich Balsam für meine Seele! Ich danke sehr dafür! Nach 9 Jahren musste ich aus finanziellen Gründen mein „Baby“ Eventagentur schließen – eine äußerst unangenehme Erfahrung, welche auch psychologische Auswirkungen hatte. Ich bewundere dass Sie trotzdem Ihren unternehmerischen Geist behalten. Ich wünsche Ihnen weiterhin die Kraft und Ausdauer die nächsten Ziele zu erreichen und Oberwasser zu halten!
    P.S.
    Ich fand die tollabox seinerseits eine tolle Idee! Schade dass es sich nicht durchsetzte. Ich bin der Geistige Vater von http://www.Kinderkarton.de und hier gibt es ähnliche Probleme, allerdings mehr aus Richtung Partner und Sponsoren.

  • Bernhard 10. Juni 2015 15:06

    Sich auf das Produkt zu konzentrieren („lieben“) bringt nichts. Den Bedürfnissen, die zum Kauf der Produkte führen, muss die Aufmerksamkeit geschenkt werden.

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