Management Wenn Mitarbeiter ihren Chef bestimmen

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Die Mitarbeiter der Eimsbütteler Agentur Elbdudler bestimmen selbst, wie viel sie verdienen.

Die Mitarbeiter der Eimsbütteler Agentur Elbdudler bestimmen selbst, wie viel sie verdienen.© Elbdudler

Mobil, vernetzt und kommunikativ: Die digitale Arbeitswelt bringt auch eine neue Generation von Arbeitnehmern hervor. Sie wollen mitreden bei wichtigen Entscheidungen im Unternehmen. Das stellt auch Führungskräfte vor neue Anforderungen.

Den eigenen Chef wählen? Über neue Produkte oder sogar übers Gehalt mitentscheiden? Für die meisten Beschäftigten in Deutschland klingt das noch nach ferner Zukunft. Doch in der neuen digitalen Arbeitswelt kommt vieles auf den Prüfstand – von der Präsenzkultur über althergebrachte Hierarchien bis hin zu strengen Renditevorgaben. Stattdessen wird der Ruf nach mehr Mitsprache bei der Wertschöpfung lauter, wie auch eine Konferenz unter dem Titel „Das demokratische Unternehmen“ an der Technischen Universität in München in der vergangenen Woche zeigte.

Das neue Denken passt in die Zeit: Weltweit wird über soziale Netzwerke gepostet, diskutiert und geteilt. Jeder spricht mit jedem über Alles – das treibt auch die Kommunikation in Unternehmen an. Mehr noch: Junge Talente, die in innovative Arbeitsprozesse und Entwicklungen eingebunden sind, wollen sich nicht mehr vom Chef gängeln lassen, sondern brauchen Freiräume, um sich zu entfalten, ist der frühere Telekom-Personalvorstand Thomas Sattelberger überzeugt. Der klassische Führungsstil per Anordnung von oben nach unten dagegen habe weitgehend ausgedient.

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Sattelberger engagiert sich in der Initiative Neue Qualität der Arbeit und sieht in der Demokratisierung von Unternehmen eine Zukunftsfrage für die deutsche Wirtschaft. Dabei gebe es viele Themen, bei denen sich die Beschäftigten mit ihren Kompetenzen einbringen können – ob Strategie, Vergütungssystem oder Arbeitsorganisation, vor allem in Teams, so Sattelberger.

Wo Mitarbeiter selbst ihren Vorgesetzten bestimmen können

Beispiele für einen Kulturwandel gibt es bereits: Bei der Hamburger Agentur Elbdudler beispielsweise bestimmen die Mitarbeiter selbst, wie viel sie verdienen. Und bei der Schweizer Softwarefirma Umantis wählen die Beschäftigten sogar ihre Führungskräfte.

Auch Armin Steuernagel, Chef des Versandhändlers Universnatur, beteiligt seine Mitarbeiter über die App „Corporate Vote“ praktisch an allen Entscheidungen im Unternehmen – vom Katalogdesign bis hin zur Frage, ob Vertriebsmitarbeiter eine BahnCard 100 haben sollten. Wichtig dabei: Die Themen werden an diejenigen Mitarbeiter herangetragen, die direkt davon betroffen sind und die Konsequenzen jeder Entscheidung vorab gemeinsam analysiert, bevor abgestimmt wird. Die Vorteile liegen für den 24-jährigen Gründer auf der Hand: „Wir sind viel innovativer, denn das ist wie kollektives Brainstorming“, sagt Steuernagel.

Wo Mitreden Grenzen hat

Für Sattelberger allerdings hat das Mitreden auch Grenzen: „Zu viel Teilhabe kann Unternehmensabläufe lähmen.“ Wichtig sei, dass die Teilhabe mit Augenmaß stattfinde – und dass ein Gremium diese angemessen strukturiert. Auch Betriebswirtschaftlerin Isabell Welpe betont, dass demokratischere Organisationsformen in Unternehmen nicht gleichzusetzen seien mit „Führen ohne Hierarchie“. Gerade bei standardisierten Aufgaben mit klaren Lösungswegen, die schnell erledigt werden müssen, sei Führung gefragt. „Da will man nicht lange rumdiskutieren“, sagt die Inhaberin des Lehrstuhls für Strategie und Organisation an der TU München.

Und wie passt der wachsende Drang zur persönlichen Teilhabe des einzelnen Mitarbeiters zur traditionellen Mitbestimmung über Betriebsräte und Gewerkschaften? „Das greift ineinander“, sagt Christiane Benner vom Vorstand der IG Metall. Die Mitbestimmung biete den geschützten Rechtsrahmen und stärke so auch den Einzelnen. Deshalb habe sie auch künftig ihren wichtigen Platz in der Arbeitswelt, ist sie überzeugt. Dabei gehe es auch darum, Mitbestimmung stärker auf die individuellen Wünsche der Beschäftigten zuzuschneiden – nicht zuletzt im Hinblick auf eine bessere Vereinbarkeit von Beruf und Familie.

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