Management Wie ein Fehler das Billardspiel revolutionierte

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Erst wurde die Billardkugel aus Elfenbein gefertigt. Bei der Suche nach einem alternativen Material verwendete John Wesley Hyatt Kollodium.

Erst wurde die Billardkugel aus Elfenbein gefertigt. Bei der Suche nach einem alternativen Material verwendete John Wesley Hyatt Kollodium.© skatzenberger - Fotolia.com

Fehler haben nur negative Konsequenzen. Falsch! 1863 kippte der Drucker John Wesley Hyatt eine Flasche Kollodium um. Das Ergebnis: Billardkugeln, die für jedermann erschwinglich waren.

Im Jahre 1863 gab Michael Phelan, ein erfolgreicher Unternehmer und leidenschaftlicher Billardspieler, eine Zeitungsannonce auf. Er suchte ein Material, welches das Elfenbein, aus dem damals die Billardkugeln gefertigt wurden, ersetzen könnte. Elfenbein war hart, elastisch, färbbar, perfekt zu einer Kugel formbar aber teuer.

So setzte Phelan einen Preis von damals schier unglaublichen 10.000 Dollar für ein vergleichbares Material aus. Viele Glücksritter schickten ihre selbstgefertigten Billardkugeln aus Holz, Eisen oder Glas zu Phelan. Doch keines der bekannten Materialen passte: zu steif, zu leicht, zu brüchig.

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Mr. Phelan was not amused.

John Wesley Hyatt hatte mit Billard nichts am Hut. Er arbeitete als Drucker. Aber er las die Annonce und erinnerte sich an sie, als ihm eines Tages ein Fehler passierte. Eine Flasche mit Kollodium (eine Mischung aus Ether und Alkohol), mit dem er seine Hände bei der Arbeit vor Hitze schützte, kippte um und lief aus. Aus irgendeinem Grund wischte er es nicht sofort auf. Wenig später entdeckte Hyatt, dass das Kollodium getrocknet war. Mehr noch: es war auf eine Weise ausgehärtet, die ihn an Elfenbein erinnerte.

Explosionsgefahr beim Spiel

Hyatt kam auf die Idee, Holzkugeln mit einer Schicht aus Kollodium zu überziehen. Sie würden optisch und auch haptisch dem Elfenbein sehr ähnlich sein. Also färbte er das Kollodium, stellte hölzerne, bunte Billardkugeln im Eintauchverfahren her. Siegesgewiss sandte er diese an Michael Phelan.

Doch die Kritik war ebenso unerwartet wie vernichtend. Die Kugeln machten nicht das typische Klick-Geräusch und waren zu leicht. Vor allem aber waren sie zu leicht entflammbar. Bei wildem Spiel konnten die Kugeln sogar explodieren. Also keine 10.000 Dollar für John Wesley Hyatt.

Aber Hyatt ließ sich nicht entmutigen, es hatte ihn gepackt. Es musste doch eine Möglichkeit geben, dieses Material weiter zu entwickeln? Hyatt begann zu experimentieren und wurde fündig. Nach Zugabe von Campher (ein farbloser Feststoff) entstand ein Material, das bei Erwärmung formbar war, nach Abkühlung fest und haltbar: der erste Kunst-Stoff war erfunden.

Zahnersatz aus Zelluloid

Am 10. Oktober 1865 meldete John Wesley Hyatt sein „Zelluloid“ zum Patent an. Hyatt experimentierte noch weiter und gründete nach einer Firma für Billardkugeln eine weitere, in der Zahnersatz aus Zelluloid hergestellt wurde. Kleines Manko dieser Dritten: sie verformten sich bei dem Genuss heißer Speisen.

Dennoch: Der Siegeszug des durch Hyatts erfundenen Kunststoffs war nicht mehr aufzuhalten. Ob Hyatt die 10.000 Dollar noch erhalten hat, ist nicht bekannt. Dafür wurde er 1971 posthum in die Hall of Fame des Billiard Congress of America aufgenommen. Immerhin.

Übrigens: Auch die Geschichtsschreibung macht Fehler. Zwar wird Hyatt als Erfinder des Kunststoffs gefeiert. Doch der Engländer Alexander Parkes war einige Jahre schneller. Er erfand bereits 1862 das Parkesine, den ersten thermoplastischen Kunststoff. Dieses Material war allerdings so spröde, dass es der Kundschaft nicht gefiel. Nach einer patentrechtlichen Auseinandersetzung kaufte Hyatt 1878 die Patente von Parkes. Der konnte das Geld gut gebrauchen. Dennoch hinterließ Parkes nach seinem Tod einen großen Berg Schulden für seine 20 Kinder.

Heutzutage bestehen Billardkugeln aus Phenolharzverbindungen, auch bekannt als Bakelit. Der Erfinder, Leo Hendrik Baekeland und von Haus aus Chemiker, ist durch systematisches Ausprobieren an seine Erfindungen gekommen. Sagt man. Aber wer weiß?

 

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